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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-12-09 · N° 50. (9.12.1886) · p. Seite 194

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 50. (9.12.1886)
Date
1886-12-09
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 Bahnen einzuschlagen. Der mehr unterrichtete Leser wird übrigens wissen, im Talmud und in den Midraschim die urj üdischen von alexandrinischen, neuplatonischen und babylonisch-persischen Begriffen zu scheiden. Im Grossen und Ganzen aber werden die im Talmud und seinen Annexen vorgetragenen Lehrmeinungen, als in das Yolksbewusstsein eingedrungene und daher jüdische zu bezeichnen sein. I. Körper, Seele, Tod. Die Werthsehätzung des menschlichen Körpers, wie sie die Bibel iu Berichten (Schöpfung, Saul und Jabesiten, Rizpa etc) und Gesetzen (schnelles Begraben der Gehängten, Verbot der Verstümmelung und Verunstaltung etc.) andeutet, i-t nicht in die späteren Vorstellungskreise übergeg״ngen. Eine sonder Gleichen trübe Leidensgeschichte hatte die weitesten Kreise lür die düstere Askese der Essäer empfänglich gemacht, die ursprüngliche Lebens- und Genussfreudigkeit der Bibel war iu den Blutwellen der Kriege und Aufstäude, in den Fluthen der Lei en und Verfolgungen untergegangen. An das Moment der Schöpfung aus dem Staube und an die Lehre von der verunreinigenden Kraft des Leichnams, knüpft der agadische Lehrbegriff vom menschlichen Köiper au. Schon der Zeugungsakt behaftet den Körper mit einem Makel, auf einen übelriechenden oder verwerflichen Tropfen (סרח hat auch die Bedeutung des Sündhaften) wird der Ursprung desselben zurückgeführt. (Pirke Abot, III, 1.) Der Körper גוף wird (Mechilta ed. Weiss 43b) als unrein טמא xat’ bezeichnet Mehr aber noch als seinem Wesen nach, ist der Leib verächtlich als Gefäss der Siiude, als Sitz der zur Sünde treibenden Neigung. Nicht wie in der Bibel ״von der Jugend“, sondern schon von und vor der Geburt ist der Trieb zum Bösen 1m Körper vorhanden. (Nidda 30 b. Ber. rabba C. 34.) Gott weiss im voraus, dass der Teig, den er bildet, schlecht sei. (Barnidh. rabb. 13.) Dieser dem Leibe angeborene Trieb zum Böseu יצר הרע erhält auch den Namen ״ שאור שבעיסהSauerteig im Teige1*. Zumeist freilich isi der יצר הרע mit dem fleischlichen Sinnesreiz identisch. Weil die Engel als ätherische Wesen keinen גוף besitzen, sind sie auch von sinnlichen Trieben frei Die Seele hingegen ist gemäss dem biblischen Urbegriff von göttlichem, übersinnlichem Ursprung, jedoch nirgends, wie z. B. in alexaudrinischen Lehrkreisen, ein Theil Gottes selbst. Die Lehre von der Präexistenz der Seele ist in ausgebildeter Weise vorhanden. 'Ber. rabb. C. 24) Dem Embryo wird die für ihn vorgeschaffene, mit allem Wissen erfüllte Seele gegeben, verliehen (נתנה.) Im Augenblicke der Geburt geht (wie bei Plato) jenes immauente Wissen verloren und muss erst wieder angelernt werden. Die Seele ist dem Körper nur für die Lebensdauer beigesellt und geht nach dem leiblichen Tode wieder zu jenen höheren Regionen zurück, von wo sie gekommen ist. (Schemot rabb. 31.) Iu der Verbindung mit dem Körper heisst sie vornehmlich נשמה, ihre wahrnehmbare Bethätigung ist das Atbmeu. Auf sie insbesondere bezieht sich Gottes Wort in der Schöpfuugsgeschichte, denn sie ist gottähnlich und gottebenbildlich Die klassische Stelle hierüber befindet sich Beracholh 10 a. ״Wie Gott die Welt, so erfüllt die Seele den ganzen Körper, sie ist unsichtbar wie Gott, wie Gott für die Welt, so bildet sie für den Körper das ernährende uud erhaltende Princip, sie ist rein wie Gott und wohnt wie Gott iu den innersten Gemächern, d. h. ist sinnlich nicht wahrnehmbar. Man vergleiche noch eins der schönsten Gebete, das bekannte אלהי נשמה. So wie dem Körper jeijer böse, so ist der Seele eiu gutes, zu Tugenden neigender Trieb (יצר הטוב) eigenthümlioh. Es ist mit ihr Verschulden, wenn der Trieb der Körpers über den Trieb der Seele, wenn die Sünde im Menschen über die Tugend siegt. Die Seele, im Besitze der Einsicht und der Weisheit, muss den nur nach einem dunkeln Drange handelnden Körper im Zaun halten. Man vergleiche das treffende und schön erzählte Gleichniss vom Blinden und Lahmen (Wajikra rabba c. 4). Hierüber wäre noch Mehreres zu sagen, doch berühren wir nur jene Punkte, die für den eschatologischen Begriff von Bedeutung sind Das Verhältuiss von Leib und Seele, wie wir es geschildert, nimmt mit dem Tode ein Ende. Schon in der Schöpfungsgoschichte ist der Tod die Folge der Sünde Diese Lehre geht, als Grundton durch das ganze uomistische und agadische Schriftthum. Hierbei hüte man sich vor einem leicht möglichen Irrthum. Die Strafe Adams ist allgemeines Menschenschicksal geworden, nicht aber die Sünde. Sündenlosa Menschen erleiden den Tod entweder gar nicht (siehe unten), oder unverdient. Von einer Erbsünde ist durchaus nioht die Rede. Biblisches wie nathbiblisches Schriftthum perhorresciren scharf diese unjüdische Lehre. Moses stirbt nur iu Folge des über alle Menschen verhängten Schicksals. (Aboda sara 5 a.) Dabei fehlt es auch nicht an einer Ansicht, welche die Weisheit in der Anordnung des Werdens und Vergehens ausspricht, wie jene bekannte Lesart in der Thora R. Meirs טוב מות , gut ist der Tod“. Ungemein oft aber, wie schon in der Bibel, tritt der Tod nicht als natürliches Ende des Geschaffenen, sondern als Fügung einer höheren Macht zu bestimmten, meistens strafenden Zwecken auf. Das natürliche Ende des Frommen erhält eine besondere Bezeichnung נוע .,vergehen“. Der Talmud geht noch weiter uud spricht es (Sabbat 55a) geradezu als einen Lehrsatz aus: איז מיתה בלא חטא ״kein Tod ohne Sünde“. Freilich kann die Versündiguug, die den Tod nach sich zieht, eine höchst geringf’ügige sein uud Sabbat 31 b, Aboda sara 18 a ist die minder ehrerbietige Benennung der heiligen Lade als Sünde und Todesursache angegebeu. Der Tod ist demgemäss eins der grössten Uebel, bei dem Psalmisten schon, weil er das Verhältniss Gottes zum Menscheu authebt (Ps V), im Talmud, weil er den Menschen verhindert, das Gesetz zu üben. Deshalb darf man zur Lebensrettung den S.ibbath entweihen. ״Besser, man entweiht einen Sabbath, um den zu retteu, der noch viele Sabbathe heiligen wird“. Der nicht sterben wollende Moses ist der Inhalt zahlreicher, agadischer und liturgischer Oompositionen. — Besonders ist es der Toleskainpf, der den Tod so furchtbar macht. So ungern die Seele vom Körper Besitz genommen hat, so gewaltig ertönet ihr Sohmerzenschrei beim Verlassen desselben Gewöhnlich vollbriugt das Schwert des oft iu sichtbarer Erscheinung tretenden Todesengels ן das Zerstörungswerk. Ihn fern zu halten, ist die Beschäftigung mit Thorastudium das beste Mittel. Moed. K. 28. Zuweilen gelingt es, den ToJesengel zu überlisten, d. h. eine Zeit lang einer augenscheinliehen Todesgefahr zu entgehen. Sündenreiue Menschen gemessen den Vorzug, vom Todeskampte befreit zu werden und sterben wie Abraham, Jsak, Jakob, Moses, Aharou und Mirjam in hochpoetischer Weise durch einen Kuss Gottes (בנשיקה.! Henoeh und Elija werden der Erde ohne zu sterben entrückt. Dass aber auch eine einzige, folgenreiche, tugendhafte That über Sündenstrafe uud über den leiblichen Tod hinwegführen kaun beweist eine Tradition, (Jalkut § 42) nach welcher selbst Proselyten, Heiden uud Weiber, wie Elieser, Knecht Abtahams, Hiram, der König von

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