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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-12-02 · N° 49. (2.12.1886) · p. Seite 191

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 49. (2.12.1886)
Date
1886-12-02
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
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191 Quadrateehrift. Es folgen dann in grossem Ductus die Verse 1.ואתה אלה הסליח־ bis ליי אלהינו.2;רב חסד bis וסלחת .3;מרדנו בו bis ופנית .4;ילכו בה bis היום; 5. ושמלת bis וסלחת ללמך .6;חטאו לך bis וריחמום; 7. ואתה תשמל bis וסלחה“) im Gänsen 7 Verse. Als* dann folgen D00h die ersten Worte des Gebetes סלח נא אשמות bis ולמק־.“) Bis zu den Worten לכל קוראיך stimmt es mit dem jetzigen deutschen Bitus überein. Aber dann stimmt es weder mit dem all• gemeinen deutschen Bitus, nooh mit dem besonderen von Frankfurt a. M. und vieler anderen Gemeinden. Am meisten ist es aber noch dem letzteren ähnlioh, der an dieser Stelle 10 Verse und die Worte כי לא לל צדקות׳ bis י ילל למך hat. Nämlich V. 2, dort V. 6; V. 6., dort V. 7; V. 7, dort V. 8. Also ist V. 1 und V. 3—5 hier anders. Ausserdem aber sind es dort 10 Verse, hier nur 7, und die Worte בי לא לל צדקותינו bis ולל למך kennt das Manusoript gar nicht. Wer mit den einsohläglichen דינים sich genauer beschäftigt hat, weiss, dass fast jeder dieser einzelnen Biten in der Gaonenzeit oontrovers war und hier nur die Fizirung eines מנהג angegeben sein sollte. Die zwei erhaltenen יללה• Strophen sind die des deutschen Bitus. Die Bibelverse, welohe bei den סליחות gebraucht siud, entsprechen auch nicht den jetzt vor סלח נא אשמות üblichen und enthalten kleine Abweiohungen vou der massoretischen Lesart. Nach den mir bis jetzt zur Einsicht vorliegenden Bitual werken ergiebt sich mir folgendes Besultat Das כל נדרי in vorliegender Lesart stammt vom Bab. Tarn; also älter als 1130 kann wohl das Manusoript nicht sein. Dagegen kann es auch nicht jünger sein, als 134 9, aus äusseren Gründen, aber auch aus iuneren nicht jünger, als 1421; denn zur Zeit des Maharil u. B Eisek Tymau 8. A. war es Sitte, לל דלת המקום וכי zu recitiren und der Umstand, dass dieses in dem Manuscript nicht erwähnt ist, berechtigt uns allenfalls, es noch vor 12 98 anzusetzen, denn der Mordechai erwähnt diesen Bitus. Dass וידבר auch an יה״ב gesagt wird, erscheint uns nooh auffallender, als dass es au כי ביום חוה nicht sagte. Aber es ist dem nicht so, wie etwa Herr Spinner meint, dass man aus rituellen Gründen ושמרו sogar zu den Zeiten des רא״ש nooh nicht gesagt habe, denn man hat es schon zu Zeiten des B. Amram Gaon gesagt. Vielmehr scheint der Bitus von רדבר in Verbindung zu stehen mit der Gontroverse, die lange darum sich hinzog, ob man an ר״ה und יה״ב auch חגים וזמנים in ותתן לנו und והשיאנו in der Tefillah sagen sollte. Es steht fest, nach בית יוסף, מרדכי, רב ילקב, הגהות מ,, רא״ש u. a., dass man in Mainz seit ר״י בר יהודה allerdings והשיאנו sagte, nach der Sitte der babylonischen Hochschulen und erst von dem 3’מהרי,, ל) ist es bekannt, dass er es in seiner Zeit in Mainz nicht sagte. Da man annehmen darf, dass er es nicht erst abgesohafft hat, da der Kolbo11) es nicht mehr kannte, auch B. Meir b. Baruch (1330) es nicht zuliess,15) so kann man das wohl als “) V. 1. Nohemia 9,17. V, 2. Daniel 9,9. V. 3. Kon. 1, 8,3G. V 4. 1. K. «,28. V. 5. K. 1, 8, 45. V. 6. K. 1, 8,50. V. 7, Kön 1, 8,30. Wir finden hierbei sogar Varianten mit der Massorah: v. 4. Maas. ופנית אל תפלת לבדך י •י• ואל התפלה אשר לבדך מתפלל לפניך היום; statt לבדך ist hier למך und לבדיך, und das zweite Mal: לבדיך מתפללים (der Plural;. v. 5. ושמלת מץ השימים statt ohne מן• V. 1. Massora ״! ,אלוה סליחותer אליה הסליחות. v. 7. ואתה תשמע אל מכון שבתך אל השמים statt 1 ■אל מקום ") Zuerst erwähnt im ,הגהות מיימ und מהר״ל• “) Maharil ed. Amst. 1720 hil. Kosch. toi. 38b. “) כל כו ed. Vened. 1707, i'ol. 70a o. b. u. l'ol. a c. 1 “) Siehe 'הגהות מיימ ZU Hil Thefillah. sicher annehmen, dass man in Mainz am Anfänge de« 14. Jahrhunderts והשיאנו nicht mehr sagte, also auoh ewiss nicht דרבר• Es bestärkt sich auch dadurch ie Vermuthung, dass Erfurt mit Mainz in einiger Beziehung zur Zeit des Mahril und gewiss auoh früher, sich hierin nach Mainz wohl geriohtet haben mag und somit die vorliegenden Pergamentblätter einem Bitus angehören, der in Erfurt zur Zeit des 13. Jahrhunderts oder gar naoh der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts eingeführt war. Der Kampf um והשיאנו scheint blos theoretischer Natur zu sein, ob man יה״ב auch als *מילד ansehe oder nicht; in Wirklichkeit mag hier wohl der tragische Hintergrund der Geschichte der deutschen Juden den Aufschluss geben, warum und wie die früher viel lehensfrohere Feier des יה״ב sich allmählich in die tief erschütternde, Schauer in der Seele erregende sich verwandelt hat. Vor dem Allbarmherzigen Verzeihung zu erlangen, wo die Sünden in solchen schweren Verfolgungen geahndet wurden, das hat aus dem יום חג einen יום נורא im vollsten Sinne gemaoht. So sind die Blätter in ihrem tragischen Gesohioke Zeugen einer Zeit, in der die Juden doch nooh nicht die heitern Fest Vorstellungen aus uralter Zeit ganz vergessen hatten. Sonderbar, als wenn Jemand mitten im heiteren Aufsohauen zu Gott plötzlich tief gebeugt wird. Und doch hat auoh dies das Judenthum zu seiner eigenen Veredelung geführt. Es hat duroh die Leiden nur um so inniger, wenn auch um so ernster, an den Allbarmherzigen, der da verzeiht, glauben gelernt. Recensionen. Allgemeine Ethik von Df. H. Steinthal, ausserordentlicher Professor für allgemeine Spraohwissenschaft etc. Berlin. Georg Beimer 1885. (Fortsetzung.) Freilich sagt uns der Herr Verf. — und wer Prof. Steinthal kennt, weiss dies von ihm, auoh wenn er es nicht sagte — auf S. 84 § 55: ,Ich lasse mich ungern duroh die Beschreibung meiner Güter beglücken und durch das Eiapopeia der Glückseligkeit einschläfern “, und dies harmonirt mit einer andern Sentenz auf S. 81: ״Worin unsere Glückseligkeit besteht, soll uns Niemand sagen: der sittliche Mensch weiss gar nicht, ob er glückselig sein soli, und ob er glückselig machen oder sich machen lassen soll“. Aber ich halte es mit dem Talmud, welcher in seiner prägnanten Weise dem übertriebenen Bigorismus die Spitze bietet, indem er sagt: 10 nitna thora lemalache haschareth, ״die Thora ist nicht für Engel gegeben worden“, und 80 glaube ich auch: eine Ethik muss Menschen voraussetzen und nicht Engel! Ich will nicht untersuchen, ob die stolze Gleichgiltigkeit des sittlichen Menschen Steinthals gegen Glückseligkeit, gegen Freude und Schmerz, nicht auch in einem Hedonismus höherer Potenz wurzelt — denn ist der Stoicismus, der Bigorismus nicht die Glückseligkeit des Stoikers, wie des Bigoristen? Denn Sohillers ״ Gewissensscrupelu: ״Gerne dien’ ich den Freunden, dochthu’ ich es leider mit Neigung Und 80 wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin“. — sind nicht gelöst durch seine satyrische ״Entscheidung“: ״Da ist kein anderer Rath, du musst suchen, sie zu verachten Und mit Abscheu alsdann than, wie die Pflicht dir gebeut“. weil dieser ״Abscheu“ noch immer die ״Neigung“ bliebe — alles dies bleibe bei Seite, ebenso wie das Bedenken, dass ja das Steinthal’sohe ״ethische Gefühl“ auch ein ״Gefallen“ und ״Missfallen“ enthält, uud ״Gefallen“ und ״Glückseligkeit“ doch auch nicht ganz heterogen sind, — auf das ״ethische •Gefühl“

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