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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-12-02 · N° 49. (2.12.1886) · p. Seite 192

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 49. (2.12.1886)
Date
1886-12-02
Page
Seite 192 (sequence 4)
Language
German
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192 — kommen wir noch näher zurück — nur das sei hier vorgebracht: Wenn die Ethik nicht blos für die Hautevole des Geistes bestimmt ist, sondern die Forderung erhebt, für jeden Menschen ohne Ausnähme verbindlich zu 8eiu, dann darf sie Glück und Schmerz nicht zu solchen Imponderabilien machen, und am wenigsten fremdes Glück und fremden Schmerz Nein, die Freude und der Schmerz unseres Mitmenschen steht uns näher, als das ״Reich des Intelligibeln“, und wenn wir keine anderen Antriebe zur Tugend hätten, als das so problematische ״Reich des Intelligibeln“, es wäre wahrlich schlecht um die Tugend bestellt! — Ich würde mir diese herbe Bemerkung gegen den hochverehrten Verf. nicht erlauben, wenn ich nicht durch ernste Vertiefung in sein Werk herausgefunden hätte, wodurch er zu diesem Extrem kam, kommen musste. Doch vorher muss ich noch meine Bedenken gegen die Steinthal’sche Begründung der Pflicht, Andere zu erfreuen, vortragen. _ (Fortsetzung folgt.) The Book of Job. With a new Commentary by Benjamin Szold, Rabbi of the Oheb-Shalom Congregation, of Baltimore. ספר איוב מבואר מחדש מאתי בנימין סאלד, רב לעדת אוהב שלום בעיר באלטימארע. Zu haben in der Buchhandlung C11. D. Lippe in Wien. 1886. Unstreitig giebt es unter den heiligen Büchern des A. T. kein Buch, welches der Kunst der Auslegung in dem Maasse widerstrebt, wie das Buch Hiob. In allen Büchern des A. T. giebt es wohl dunkele Stellen, verwegene Bilder und nicht mehr aufzufindende Hinweisungen; das Buch Hiob aber gleicht einer Sammlung der seltsamsten Bilder und dunkelsten Rälbsel,gegeben ineinernicht zu errathenden Ausdruckweise, — schwungvoll poetisch und lebhaft phantastisch — was jedoch nur die Sinne berauscht, der nüchterne Verstand aber kaum erfassen kann. Was Wunder also, dass dieses Buch noch keine wahrscheinliche Lösung und keine befriedigende Auslegung gefunden! Die Aufgabe d> r Ausleger hat entschieden, wie Herr Szold richtig bemerkt, der Umstand erschwert, dass sie von der Voraussetzung ausgingeu, das Buch habe die Beantwortung der Frage: ״wie es mit der Gerechtigkeit Gottes zu vereinbaren sei, dass es den Guten schlecht, und den Sc blechten gut ergehe?“ zum Gegenstände habe. Eine Antwort, die sich weder in den Beantwortungen der Freunde Hiob’s als Anwalte der Gottesgerechtigkeit, noch in Jehova’s irreigener Vertheidigung herausfinden oder herausklügeln lässt. — Nur weil diese Frage das Herz eines jeden Menschen bewegt, und ihrem Denkvermögen Stoff zum Nachsinnen giebt, vermuthete man, die Antwort hierauf in diesem biblisch. Buche zu finden. War doch Hiob, nach dem Zeugniss des Buches selbst, wirklich fromm, gut und rechtschaffen und doch widerfuhr ihm soviel Unbill, soviel Unheil! — Dass das ein Schelmenstreich des leibhaftigen Satan war, konnten ja Hiob und seine Freunde nicht wissen. Aber der Verfasser des Buches wusste es und das genügt. Dem Verfasser war es nur einzig und allein darum zu thun, ob Hiob in seiner Frömmigkeit, seiner Güte und Rechtschaffenheit unentwegt ausharren werde. War Hiob aus Princip gut, fromm und rechtschaffen, so müsste das gute Princip das böse besiegen, war er es aber, weil seine Umstände so geartet waren, dass er nur aus Böswilligkeit hätte bös sein müssen, so konnte auch mit der Veränderung der Umstände eine Wandlung bei Hiob vom Guten zum Schlechten vorgehen. Und Hiob blieb nach wie vor, gut, fromm und rechtschaffen. Allerdings presste ihm der Schmerz harte Ausdrücke aus, aber diese galten nur seinem unheilvollen Schicksal, seiner schweren Heimsuchung, keineswegs aberGott und seinerVorsehung, weil sowohl Gott als seine Vorsehung dem menschlichen Scharfblick sich entziehen. Die Freunde Hiob’s konnten sich zu dieser Auffassung nicht hinaufschwingen, und meinten, Hiob müsste sich doch versün!igt, und daher auch sein grosses Ungemach verdient haben, und sie habeü fehlgeschossen — fehlgeschlossen. Die Ausleger alle hätten das einsehen sollen, aber sie haben es übersehen. Nicht so Herr Szold. Dadurch erwuchs ihm der grosse Vortheil, sich nicht mit philosophischen Feinheiten und Haarspaltereien befassen zu dürfen. Er waudte seine ganze Aufmerksamkeit bloss der Sprache, der Phraselogie und der Syntax zu. Bei der grossen Belesenheit in den Schriften des jüdischen Kanons, bei des Verfassers so fein ausgebildetem Sprachgefühl in dieser nur von Wenigen richtig verstandenen hebr. Sprache, und mit seiner eminenten Begabung ist es Herrn Szold gelungen, in die vorderste Reihe der Ausleger dieses eigenartigen und dunkeln Buches Hiob zu treten. Hiermit wollen wir aber noch keineswegs gesagt haben, dass wir mit Allem und Einzelnen der Auslegung einverstanden sind. Aber was das Grosse und Ganze, die Art und Weise, die Form und den Inhalt betrifft, können wir, ohne uns einer Uebertreibung schuldig zu machen, Herrn Szold unsere Anerkennung aussprechen. Seine Sprache ist, wenn auch nicht immer ganz rein hebräisch, doch stets klar, gefällig und anmuthend, er versteht es über die schwierigsten Stellen mit Leichtigkeit und Eleganz und ohne Schwulst hinwegzuschlüpfen. Seine Ausdrücke sind präcis, daher seine Auslegung durohsichtig und gemeinverständlich. Auch die Belegstellen, die er anführt und vollinhaltlich wiedergiebt sind treffend, überraschend und überzeugend. Beschwerend und hemmend wirkte auf seine Arbeit sein Festhalten an dem massoretischen Text, wenn er auch nicht sklavisch an demselben klebt. Manchmal lässt er Coujecturen durchschimmern, nur verhüllte er sie, um die Empfindlichkeit der übereifrigen Textgläubigen zu schonen. Was aber der geehrte Herr Verfasser über das Zeitalter des Buches Hiob sagt — er hält es für das jüngste aller Bücher des jüd. Kanons — können wir durchaus nicht gelten lassen. Das Buch ist entschieden in die Zeit des Exils, oder der Rückkehr zu setzen, wofür auch der Schluss des Buches Zeugniss giebt. Der Verfasser des Buches mag Elihu selbst gewesen sein Er war mit dem Propheten Ezechiel nahe verwandt un i lebte nicht lange nachher. Elihu war der Sohn Baracliel’s des Busiters (Hiob 32,2) und Ezechiel war ein Sohn Busi’s (Ez. 1,3). Elihu moohte also Neffe des Propheten Ezechiel gewesen, wie er auch Hüter seiner aufgescbriebenen Weissagungen war. Schon Ezechiel kannte Hiob als der Frömmsten Einen (Ez. 14,14) und Elihu machte ihn zum Helden seiner Apokalypse, wie ich gerne das Buch Hiob nennen möchte, und daher fand Jehova an Elihu Nichts, aber an Eliphas und den andern zwei Freunden Hiobs so Vieles auszusetzen. — Was die Ausstattung anlangt, muss hervorgeUoben werden, dass wobl noch kein hebräisches Buch so elegant ausgestattet in den Buchhandel eingeführt worden. Das Buch wird jeder jüd. Bibliothek zur Zierde gereichen, möge es reoht viele Leser finde^ es wird denselben viele belehrende und genussreiche 8tunden gewähren. S. Weissmann, Wien. Verantwortlicher Kedacteur Dr. Kahm er, Magdeburg. Druck von D. L. Wolt'f, Magdeburg. Verlag von Robert F r iese, Leipzig

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