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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-11-18 · N° 47. (18.11.1886) · p. Seite 182

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 47. (18.11.1886)
Date
1886-11-18
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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— 182 diesen Verhältnissen treu und unentwegt zu beobachten. Aber das eine Wort קבורה מן התורה ,,Beerdigung ist. biblisch gebotenwie es der hochangesehene Lehrer R. Jochanan in Palästina ausgesprochen, genügte Israel jenes MaasB von Kraft und Muth und Ausdauer zu verleihen, die die Aufrechthaltung eines solchen heiligen Gebotes in jener verhängnisvollen Zeit erheischte. Dass man sich damals mit der קבורה- Frage vielfach beschäftigte, dass man das Wort R. Jochanan’s מנין לקבורה מן התורה überall wiederholte und einschärfte, dass dieses Wort auf dem Wege von Palästina nach Dabylonien verschiedene Versionen (א״כא דאמרי) erfahren, dass der König Schabur das Oberhaupt der Schulen R. Chama über diesen hoohwichtige Frage intcrpellirte, ja, dass es schon damals in Israel Käuze gegeben, die da sprachen: ״Warum muss man sich gerade beerdigen lassen? Ist denn die ״Beerdigung“ die einzige Bestattung? Ist’s nicht schöner, lieblicher, von singenden Vögeln, als von kriechenden Würmern gefressen zu werden“, dass es schon damals, sagen wir, Käuze gegeben, die es den Parsen gleichthun wollten und deshalb sprachen "לא בעיני דתקברוני" ma8 uicht beerdigt, sondern der herrschenden Landessitte gemäss zum Frass der Vögel werden“, dass sich die Schule mit diesen ״Aufgeklärten“ beschäftigte und die Frage, ob man diese Abtrünnigen dennoch beerdigen, oder sie wirklich dem Frass der Vögel preisgeben solle, erörterte; wer darf sich über all’ das wundern? Es war eben eine ״brennende“ Tagesfrage, eine Zeitfrage, die nach allen Richtungen besprochen werden musste. Von diesem Gesichtspunkte aufgefasst, gewinnt die Stelle in Synhedrin 46 b erst ihre wahre Bedeutung, und der Umstand, dass wir diese Besprechung der Beerdigungsfrage nur im babylonischen und nicht im jerusalemischeu Talmud finden, zeugt für die Riehtigkeit unserer Auffassung, die Frage war eben für das praktisch - religiöse Leben der babylonischen Israeliten, über die die Neuperser herrsobten, von höchster Wichtigkeit. Hören wir nun, wie sich Herr Dr. Wiener über diese zu jener Zeit und unter jenen Verhältnissen hochwichtige, die heiligsten Interessen der Religion und Pietät wahrende talmudische Auseinandersetzung auslässt. ״Wir halten, sagt Herr Dr. Wiener, diese ganze Discussion nicht blos für eine müssige, akademische, sondern der vorhergehenden Begründung widersprechende. — Wozu bedurfte es überhaupt eines Nachweises, dass man einen Todten bestatten müsse, lehrt das nicht die Noth und der Verstand?! Aber es liegt das so ganz im Geiste und Wesen des Talmudismus, an sich ganz und gar Selbstverständliches auf dialektische, oft durchaus gezwungene Weise aus dem biblischen Text heraus zu interpretiren. Für uns ist, wie schon gesagt, diese ganze Discussion eine durchaus müssige, wir würden ja eine Leiche unter keiner Bedingung unbesattet lassen“ u. 8. w. Wahrlich, wir trauen unseren Augen kaum, wie kann ein Mann vom Wissen und Range eines Dr. Wiener also sohreiben! Also die ganze Discussion über קבורה ist eine müssige, denn w i r werden ja eine Leiche nicht unbestattet lassen! So meint und sagt Herr Dr. Wiener. Sonderbar! Israel lebte vor 1500 Jahren, als diese Discussion geführt wurde, unter der Herrschaft eines rohen Barbaren-Volkes, das die ״Beerdigung“ für ein unsühnbares Verbrechen hielt, und deshalb die jüdischen Gräber aufgewühlt, die Todten aus den Gräbern gezerrt und sie dem Frass der Thiere, der Schmach und Schande preisgegeben. — Israel ist aber die ״Beerdigung“ ein heiliges Vermächtniss, eines der heiligsten Gebote, es erblickt in der Beerdigung die einzige manschenwürdige Bestattung und kämpft für die Aufrechthaltung dieser frommen Sitte mit aller ihm innewohnenden Kraft und Ueberzeugungstreue. Die Lehrer suchen das Volk in seinem frommen Sinn zu bestärken, indem man ihnen nachweist, dass die Beerdigung biblisch geboten und deshalb auch den Abtrünnigen gegenüber, die da gerne mit den anderen Völkern liebäugeln, und in ihrer Leichtfertigkeit sprechen לא בעינא דלקברוה׳ »i°h mag nicht beerdigt werden“, ".ח "לא בעינא כפרד '°h mag auch die mit der Beerdigung verbundene Sühne nicht“, auch diesen Abtrünnigen gegenüber müssen wir das Gebot der Beerdigung befolgen, denn קבורה מז התורה. Und eine solche, das praktisch-religiöse Leben Isra91s betreffende, die heiligsten Empfindungen eines Volkes schützende, die Pietät gegen die Todten wahrende Discussion sollte eine müssige, d. h. unnütze, zwecklose, überflüssige sein? Wo giebt es sobald eine Discussion, die von solch eminent praktischer Wichtigkeit wäre, wie diese Beerdigungs-Discussionden neupersischen Leichen- und Gräber-Schändern gegenüber? ״Wir“, ruft Herr Dr. Wiener, ״werden ja eine Leiche unter keiner Bedingung unbestattet lassen*. Allerdings! Wir in Oppeln, Berlin, Posen unter dem Landrath X., unter dem Polizei-Präsidenten Y. werden gewiss keine Leiche unbestattet lassen, und wir werden auch eine solche Discussion nicht eröffnen. In Pumpadita aber, wo vor 1500 Jahren R. Chama gelebt, in den Tagen, wo R. Jochanan geblüht, da lautete das herrschende Landesgesetz: ״Nichtbeerdigung“ — ״Beerdigung ist ein Verbrechen“ — ״Die Leichen müssen dem Frass der Vögel ausgesetzt werden“. Die ״Beerdigung“ war damals also nicht, wie Herr Dr. Wiener sich ausdrückt, ״etwas an sioh ganz und gar Selbstverständliches“; im Gegentheil, sie war etwas der herrschenden Landessitte schnurstracks Zuwiderlaufendes, das religiöse Gefühl des herrschenden Volkes tief Verletzendes, und nur der Glaube und die Ueberzeugung, dass ״ קבורה מן התורהBeerdigung ist biblisch geboten“, ermöglichte und verpflichtete, sioh über alle Schwierigkeiten hinwegzusetzen und die Pflichten den Todten gegenüber in vorgeschriebener Weise zu erfüllen. Es ist also keine müssige, agadisohe Discussion, sondern eine mit blutigen Zügen ins Herz des für seine Religion kämpfenden Israel eingeschriebene Halacha, mit der wir es im Synhedrin vom Anfang bis zum Ende der Discussion zu thun haben, und wir können die Art und Weise, wie sich Herr Dr. Wiener in Folge seiner irrigen Auffassung jener Talmudstelle über ״das Wesen des Talmudismus“ äussert, durchaus nicht billigen. Herr Dr. Wiener geht von der Ansicht, der er wiederholt Ausdruck giebt, aus, dass ״überall, wo im Talmud von der Pflicht der Beerdigung die Rede ist, nicht im Gegensätze zur Feuerbestattung, sondern zur Unterlassung der Leichenbestattung überhaupt abgehandelt wurde“. Das ist der Grundirrthum, aus dem alle übrigen Combinationen, Fragen, Urtheile und Auseinandersetzungen des Herrn Dr. Wiener fliessen. — Herr Dr. Wiener übersieht, iguorirt das historische Moment, und behandelt die vor 1500 Jahren niedergeschriebene Stelle, als wäre sie heute geschrieben worden. — Wie käme der Talmud damals dazu, in Babylonien die ״Feuerbestattung“ zu bekämpfen? War denn in den Augen der Parsen die ״Feuerbestattung“ nicht ebenso ein Verbrechen, wie die ״Beerdigung“? Die Parsen hielten nur eine Art der Bestattung für erlaubt, und das war ״Aussetzen der Leiohen den Vögeln zum Frasse“, und dieser Art

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