Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 47. (18.11.1886)
- Date
- 1886-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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— Bi Jüdisches Litteratur-Blatt. Zar PeleacJitwap «Mer Judentham und Jaden betreffenden litterarinehen Er• •ehelnDogen nuf dem («ebiete der Philo• aophie, Nwchlrltte, Ethnographie, Theo• logie, Orientalin, Exegese, Homiletik, Mturgik, I'iidngogik. Herausgegebeu von Rabbiner I)r. Moritz Itahmer. 18. 1886. Bücher der t-in»cl1lä{ritmt l.iUcr»tur,welr11 der Hednrl :• /.iiveNnndl werden, Anden {n dienern lUattc eingehende HeN|»recUunjr Bei KinsenduiiK von xn«i IteretiMiou*• Kxemplnren erfolgt einnurlige kurxe 0 rntiH*ln.sertlon. Das ,»Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Boe;en Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Priese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu sendeu. MT Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25־ Rabatt. 11111 n 11r Wissenschaftliche Aulsätze: Die Erd- und Feuerbestattung. V011 Rabbiner Dr. Kolm in Inowrazlaw. I. L itterat urherich t. Recensionen: Knenen, D1-. A. ״Hi- »torisch-kritische Einleitung in die Bücher dos alt. Testaments, übersetzt von Dr. Th. Weher. (Schluss.) Kn cliträge zu meinem Artikel über Erd-und Feuerbestattung. Von Dr. Wiener-Oppeln. Nachdruck nur mit *voller Quellenangabe gestattet. Oie Erd- und Feuerbestattung. Von Rabbiner Dr. K o 1111 in Inowrazlaw. I. Herr Rabbiner Dr. "Wiener verheisst in No. 44 des ״Litteraturblattes“ aufrichtigen Dank für jede ,wissenschaftlich begründete Widerlegung seiner Ansicht in Bezug auf Feuerbestattung. Wir wollen versuchen, uns diesen Dank zu verdienen, und hoffen, dass Herr Dr. Wiener nicht nur aufrichtig danken, sondern auch aufrichtig gestehen wird, dass seine Erklärung und Auffassung der Talmudstelle Synhedrin 46 b denn doch nicht so ״über allen Zweifel erhaben“ ist, wie er das in seinem Feuereifer (? Red.) für Feuerbestattung im ersten Augenblick gemeint haben mag. — Bevor wir aber auf die eigentliche Frage der Feuerbestattung näher eingehen, erlauben wir uns hier eine historisch äusserst wichtige und zum Verständuiss der talmudischen Erörteruug in Synhedrin 46b unentbehrlich nothwendige Stelle aus Jebamoth 68b zu citiren resp. zu erörtern. Daselbst heisst es: ״Durch ein nichtswürdiges Volk will ich sie (Israel) kränken“ (5. B. M. 32.21), das gilt, sagt R. Jochanan, von den ״Neupersern“ (חברים). — Als die ״Neuperser“ in Babylonien eindrangeri, erzählt der Talmud, war R. Jochanan wegen seiner Stammes- und Glaubensgenossen in diesem Lande sehr betrübt. — Und was haben denn die ״Neuperser“ Israel zu Leid gethau? Sie haben Israel verboten 1. das Sohlachten, 2. das Baden, 3. קא מחטטי שכבי haben sie die Gräber geöffnet, die Todten ausgegraben und ״Leichenschänduug“ an den Verklärten Israels geübt. — Es erfüllte sich damals das Wort der Schrift (Samuel I, 12.15): ״Und die Hand des Ewigen trifft Euch und Eure Vorfahren-, d. h. Eure Vorfahren, die längst gestorben, werden in ihrer Grabesruhe ge9tört und aufgescheucht, ihre Gebeine aus den Gräbern herausgezerrt werden. Raba fragt: In Jeremia H,2—3, heisst es: ״Sie werden nicht eingethan und nicht begraben werden, und lieber wird sein der Tod als das Leben“. Wenn man abernaoh dem Tode nicht eiumal begraben wird, wie kann der Tod lieber als das Leben sein?“ Der Talmud deutet hierauf den Vers in anderer Weise. Zum Verständniss dieser Talmudstelle müssen wir daran erinnern, dass die ״Neuperser“, von denen hier die Rede ist, nach d>'r Vorschrift des Zendavesta ihre Leichen den Vögeln zum Frass aussetzten, weil sie das Verbrennen oder Begraben der Leichen als nnsühnbares Verbrechen ansahen, durch die die heiligen Elemente, Feuer und Wasser, verunreinigt würden. Dieser Brauch hat sich bei deu Parsen bis auf den heutigen Tag erhalten, und eine der grössten Sehenswürdigkeiten Indiens sind die ״Thürme des Schweigens“ unweit von Bombay, wo die Parsen noch heute ihre Leichen den Vögeln aussetzen.-Dieses ״nichtswürdige Volk“, wie R. Jochanan jene Barbaren ihrer Rohheit wegen nannte, verabscheute die ״Beerdiguug“ nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen Völkern, und das babylonische Israel, das seit dem dritten Jahrhundert unter ihrer Herrschaft lebte, hatte, wie wir bereits gehört-, nicht wenig zu leiden. — Nur von diesem Gesichtspunkte aus ist die Unthat der Neuperser, dass sie Gräber aufgewühlt und die Gebeine der Todten aus deu Gräbern gezerrt (הא מחטטי שבבי) verständlich und erklärlich. Nur von diesem Gesichtspunkte aus findet Rabba den Vers in Jeremia 1. c.: ״Und lieber ist der Tod als das Leben“ unerklärlich und unbegreiflich, da doch ״die Todten nicht einmal begraben, sondern zum Dünger auf dem Acker werden“. Das ist die Zeit, in der, und das die Verhältnisse, unter denen die Beerdigungsfrage in Synhedrin 46 b erörtert und besprochen wurde. R. Jochanan in Palästina, R. Chama in Pumpadita, deren Ansichten und Lehren über קבורה wir dort hören, haben die traurigen Verhältnisse Israels unter der Herrschaft de Parsen miterlebt, uud au der Spitze des jüdischen Volkes stehend, war es ihre erste und heiligste Aufgäbe, das religiöse Leben des unglücklichen Volkes zu wahren und zu erhalten, uud dem ״nichtswürdigen Parsen-Volk“ gegenüber die Religion, das Gottesgesetz, zu schützen und zu retten, und das geschah durch das Wort ״ ״קבורה מ; התורה״die Beerdigung ist ein biblisches Gebot“. Dass Israel unter diesen Verhältnissen die Erfiillung seiner Pflichten den Todten gegenüber nicht leicht geworden, dass mau der ״Beerdigung“ der Todteu von Seiten des herrschenden Parsen-Volkes vielfach Hindernisse in deu Weg gelegt, dass Israel es mitansehen musste, wie man die Todten, die man heute in die Erde gebettet, morgen aus deu Gräbern zerrt und dem Frass der Thiere preisgiebt, das braucht uds nicht gesagt zu werden. Es gehörte die ganze Glaubensstärke und Charakterfestigkeit des jüdischen Volkes dazu, um das Gebot der קבורה unter