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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-09-16 · N° 38. (16.9.1886) · p. Seite 148

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 38. (16.9.1886)
Date
1886-09-16
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
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148 die bei Luther zu Apostelg. 10,34 und 35 angeführten alttest. Parallelstellen: 5. M. 10,17■—19; 1. Sam. 16,7; 2. Chron. 19,7; Hiob 34,19; Jes. 56,4—7.) Das Unglück der Nationen, die Israel feindlich gesinnt waren, wird im A. T. ebenso theilnahmavoll, ebenso elegisch beklagt, wie das Israels. (Jes. 16, 9 und 11; 23,1 ff. Jerem. 48,31 ff. Jeohesk. 27,2; 32,2. Vergl. die schöne Bemerkung des Midrasch: כל הנביאים היו מתנבאים במדת רחמים על ישראל ועל אומות העולם) Egypten und Assyrien heissen Jes. 19,25 ״Volk Gottes und Werk seiner Hände“, die Wiederherstellung lloabs, Ammons, Elams und Egyptens werden mit denselben Worten wie die Israels prophezeit. (Jerem. 48,47; 49,6 und 39. Jech. 29,14. Mit Hinblick auf diese Prophetien stellen auoh die Talmudlehrer in Jadajim 4,4 die andern Völker dem israelitischen gleich.) Auch die Sünden Israels werden denen anderer Völker ganz gleichgestellt; wir verweisen nur auf die beiden ersten Kapitel des Arnos. Der Perser Cyrus wird Jes. 45,1 Gesalbter des Ewigen genannt. Ein ganzes Prophetenbuch (Jona) lehrt uns, dass selbst Heiden — ohne Juden zu werden — durch Reue und sittliche, werkthätige Besserung, Gottes Liebe wiedererlangen. Ja, wer hat euch diese Auflassung des Buches Jona gelehrt, wer anders als ״die christliche Schule“? fragen Sie wohl, Herr Kopist So hören Sie denn! Wir kennen einen Mann, der als Gymnasiast seiner alten Mutter, welche zwar sehr ״gesetzesfromm“, aber trotzdem arbeitsamer und vernünfiiger war als manoher Kopist, oft aus der sogenannten Zeenoh-ureenoh vorlesen musste. Erschrecken Sie nicht, meine Herren Namensjuden! Sie brauchten sich Alle einer solchen Mutter nicht zu schämen, Sie brauchen sich Alle auch heut noch dessen nicht zu schämen, was dem Manne aus jener ״altmodischen Ilauspostille“ noch oft in den Sinn kommt und hier wiederholt werden 8011, wobei wir die mit hebr. Ausdrücken verbundenen Redewendungen neudeutsch in Parenthese hinzufügen. In der Einleitung der Postillenbetrachtung zum Jonabuch, das am Versöhn uugstage, dem heiligsten Feste der Juden, in der Synagoge vorgetragen wird, heisst es: ״Lasst uns auch wissen, dass ha-Schem jisboraoh (Gott, er sei gepriesen!) mochel ist (verzeiht) der ganzen Welt, es sei Jisroel oder andere Umos (Völker).“ Und der Schluss der Postillenbetrachtung zum Jonabuch lässt Gott also zum Propheten sprechen: ״Wiewohl doch in der Stadt Ninive eitel Noohrim (lauter Religionsfremde, Nichtjuden, hier: Heiden), gleichwohl hab’ ioh sie geschaffen und alles Geschaffene in meinem Kowod (zu meiner Ehre) Drum hab’ ich begehrt, sie sollen Teschuwoh thun (Busse thun) und sollen leben bleiben. Und du, Jonah, hast dich erbarmt über das Kürbisblatt, und hast dich doch nicht gemüht mit dem Kürbisblatt, du hast darum nit geackert und nit gesäet. Und der Seder ist (es ist in der Ordnung, naturgemäss), wenn ein Mensoh sich müht mit Etwas und es kommt ihm weg, da thut es ihm bang, und das Kürbisblatt ist in einer Nacht gewachsen und einen Tag hat es gewährt und du bist dioh mezaer darüber (du betrübst dich darüber), und wie soll ich mioh nicht mezaer sein über die grosso Stadt Ninive mitvielTausendMenschen, die ioh geschaffen hab’. Und es sind viel Tausend Kinder, die kein Aweroh gethan haben (keine Sünde begangen haben); nur die Aweros von ihrer Väter wegen die haben sie sollen leiden, aber nun weil die Väter haben Teschuwoh gethan, haben die Kinder kein’ Aweros an sioh“ (d. h es verleitet sie nicht mehr böses Beispiel der Väter zu Sünden). Sind das nicht, ungeachtet der alten Fassung, ewigneue kostbare Kleinodien? Welch’ ein hehrer Gottesbegrifl, welch’ eine umfassende Menschenwürdigung, welch’ eine liebevolle Schätzung insonders der Kindesnatur! Wie erbarmlieh nehmen sich dem gegenüber alle Libelle der Verleugner des jüdischen Väterglaubens aus! Wie viele überzeugungstreue christliche Männer haben gelitten und werden noch leiden müssen für das freie Bekennen auoh nur einer jener Wahrheiten, die jedem schlichten Juden im Ghetto, wohin sie die ״christliche Liebe“ verbannt hatte,, geläufig waren! Wann Postillen jener Art erschienen und wo sie gelesen wurden? Nun, sie erschienen erst, als den Juden ״die christliche Schule“ geöffnet war — denn nur dort wurden solche Gedanken ״aufgenommen“; als m%n unsere Voreltern nicht mehr wie die Parias der Gesellschaft behandelte; gelesen wurden sie am Sabbath und Fest zum Scherz fast in jedem jüdisehen Hause, wo man die Werktage sybaritisch verlebte, ohne zu arbeiten, und wo man an den Feiertagen sich langweilte, infolge dessen unsere Voreltern diese Tage zumeist in Wirthshäusern verbrachten. Ihr glaubt das nicht? Fragt nur in Ballenstedt am Harz an, dort wird man es euch bestätigen O schade, sohade, dass nicht schon zu jener Zeit der Harzapostel der ״Liebe“ gelebt und unsere Vorfahren zu ihm gewallfahrtet, wie viel Neues hätten sie von ihm lernen können und wie sehr hätte uns das gefrommt! Doch wir grollen dem Geschick darob keinen Augenblick, dass unsere frommen Ahnen Weisheit solcher Art uns nicht hinterlassen; wir können mit unserem reichen Erbe völlig zufrieden sein. Ja, mit unserm reichen Erbe! Wann kämen wir zu Ende, wollten wir die ganze Fülle humanster Gedanken und Mahnungen darlegen, die das Judenthmn zieren? Sie sehen also, Herr Kopist, wie ״wissenschaftlich wahr“ die Behauptung ist, dass die Rabbiner der Gegenwart, die ritualistischen wie die neologisohen, versuohen, dem historischen Judenthum einen universalistisohen Charakter zuzuschreiben“ (S. 31): schon unser Urahn Abraham hat uns Gott und Menschen ״universalistisch“ auffassen gelehrt, sodann Hunderte anderer jüdischer Gottesmäuner, in jeder jüdisohen Familie, ob ״ritualistisch“ oder ״neologisoh“, in der man täglich zu beten pflegte — ward dieser Auffassung auoh täglioh Ausdruck gegeben, ja auoh nach dem Genuss des kärglichsten Mahles, das ״praktische Liebe“ dem armen Juden so oft verbittert. . . Nein, wir hatten nicht nöthig, zu ״versuchen“, diese Auffassung dem Judenthum zuzuschreiben, wohl aber hatten Andere nöthig, sie ihm — abzuschreiben! Fast unbegreiflich ist es, dass der sog Verf. von christlicher ״Entwickelung“ (8. 28) zu sprechen wagt. Dürfen Sie das eigentlich? Dürfen Sie Protestant sein? Müssten Sie, getauft, nicht Katholik sein? Sie gönnen j:1 dem Juden, dem ״ritualistischen wie dem neologischen“, keine Entwiokelungs-, keine Denkfreiheit, es sei denn die, welohe Ihre Bekehrer ihnen gönnen. Steht das einem Manne, der von ״Liebe* trieft, wohl an? Doch wir vergessen, dass da, wo Alles ״Liebe“ geworden, Gerechtigkeit nichts bedeutet. Sie sprechen (S. 35) ״von dem Gekünstelten der rabbinischen Exegese“. Wir wollen Ihnen schon auf den ersten Blättern des N. T. eine Probe ״von dem Gekünstelten der rabbinischen Exegese“ zeigen. Wissen Sie, Erleuchteter, warum Christus der״Nazarener“ heisst? Nun, weil er seine Kindheit und Jugend

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