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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-09-09 · N° 37. (9.9.1886) · p. Seite 145

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 37. (9.9.1886)
Date
1886-09-09
Page
Seite 145 (sequence 3)
Language
German
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— 145 — trauens auf, der auch in der Wüste des Lebens 3eine I belebenden und lebendigen Gewässer nicht versagt. Der Atheismus, der in einer frivolen Presse und Romanlitteratur seinen Ausdruck findet, der seine düstern Schatten in alle socialen Verhältnisse wirft und auch bereits weite Kreise der jüdischen Bevölkerung gefangen hält, wird schonungslos in allen seinen Schwächen und Consequenzen biosgelegt und im Gegensatz zu ihm wird die Erhabenheit der jüdischen Lehre, die Bedeutung seiner Feste und Institutionen, die sinnige Art seiner Ceremonien in schöner und beredter Sprache geschildert. Trotz der sittlichen Entrüstung über die oberflächliche Religionslosigkeit unserer Zeit bleibt der Redner immer auf der Höhe seines Berufes und seiner persönlichen Stellung, immer redet zu uns ein geistreicher, hochgebildeter und gelehrter Mann voller Eleganz und Urbanität. Man lese in dieser Beziehung nur die Rede über die Reinheit der Sitten, welche am Versöhnungstage gehalten wurde, und welche die Anordnung unserer Weisen zu Mincha dieses heiligen Tages die Sittengesetze im 3. Buche Mosis, Kapit. 18 vorzulesen mit hinreissender Beredtsamkeit rechtfertigt; gewiss ist dies überall und namentlich in Paris am Versöhnungstage ein heikles Thema; aber Herr Kahn versteht es, in delikater Weise an der Hand dies6s Kapitels die grosse Sittenstrenge des jüdischen Sittengesetzes zu entwickeln und das Räthsel der Existenz Israels durch dieses Moment zu erklären. Und wie in dieser Rede, so finden wir auch in den übrigen die Flamme des Sinai und die Fackel der Wissenschaft in edler Ergänzung zusammenfliessen zu einem weithin leuchtenden Pharos, um den auf dem Meere des Lebens Verirrten Rettung, Erlösung und Befreiung zu bieten. Der Inhalt des ganzen zweiten Bandes ist ein wahrer Lobgesang unserer heiligen Religion und die Illustration des jesaiani8chen Wortes: ״Um Zions willen schweige ich nicht und um Jerusalems willen ruhe ich nicht, bis aufgeht wie Sonnenglanz sein Heil und seine Hülfe wie eine brennende Fackel“. Wir beglückwünschen den Verfasser, seine Gemeinde und unsere religiöse Gesamratheit, solche Herolde des göttlichen Wortes zu besitzen. Es würde sich der Mühe lohnen, in einer für die Festtage zu veranstaltenden Mustersammlung einzelne der Kahn’schen Reden in guter deutscher Uebersetzung wiederzugeben; die Lektüre des Buches ist allen gebildeten jüdischen Familien Frankreichs und Deutschlands sehr zu empfehlen und dieses lehrreiche Buch sollte in keiner jüdischen Hausbibliothek fehlen: Druck und Ausstattung desselben machen der Durlach’schen Verlagshandlung alle Ehre. Dr. J. Blumenstein (Luxemburg). Egers, Jacob Dr. Diwan des Abraham Jbn Esra mit seiner Allegorie Hai Ben Mekiz. Berlin 1886. XX. und 187 S. Gr. 8“. (In Commission bei J. Kauflmaun in Frankfurt a. M.) (Schluss.) Wenn man die einzelnen Stücke des Diwan nach Form und Inhalt würdigen will, wird man bekennen müssen, dass sie nicht alle gleichwerthig sind. Formvollendete Sohönheit wird man vielen von ihnen unbedingt nachiühmen müssen. Viele von ihnen sind überaus kunstvoll — wir erinnern z. B. an No. 130, 183 und viele andere — manche allerdings gekünstelt. Dass Jbn Esra’s Poesien religiöser und profaner Natur uns einen tiefen Blick in sein warm und edel angehauchtes Seelen- und Gemüthsleben tkun lassen, haben wir bereits früher des Näheren auszuführen gesucht. Jbn Esra besitzt aber auch unstreitig trotz seines nüchternen, zersetzenden und ätzenden, Schwächen schonungslos bloss legenden Verstandes, den Hochflug des gottbegnadeten, schöpferischen, dichterischen Genius. Durch Wärme des Tones, Feuer der Sprache, Tiefe des Inhaltes zeichnen sich sehr viele poetische Stücke seines Diwan aus. Können auoh seine poetisehen Leistungen mit denen der ersten Dichterfürsten, wie seines Zeitgenossen Jehuda Halevi, sich nioht messen, so darf man dooh viele seiner Stüoke, welche der Diwan uns vorführt, wahre, erlesene Perlen der hebräisch - mittelalterlichen Poesie nennen. Für ganz meisterhafte poetische Leistungen sehen wir die Stüoke an, welche unser Diwan z. B. unter No. 124, 125, 130, 183, 212, 213 vorführt. Um auf dem Wege leiser Andeutung wenigstens annähernd einen Begriff von der Qualität seiuer Gediohte zu geben, lassen wir hier zum Schlüsse zwei Proben in freier, metrischer Uebertragung folgen. Von den religiösen Poesien sei gleioh das erste Stück des 2. Kapitels, Diwan No. 124, hier mitgetheilt. Als besonders charakteristisch für den Vater und Israeliten lassen wir darauf No. 205 folgen. Juda im Exi>e. No. 124. Gescheucht bin ich in Bann, in Acht, Bei Löwen, welch’ ein Grausen! Von .Tuda’s Feind — wer h&tt’s gedacht, Er werd’ im Tempel hausen? Es rufet laut mein fühlend Herz: ״Erstarke doch, o Rechte; ״Mein Antheil ist der ew’ge Schmerz, ״Mich beugen Schicksals Mächte.“ Prophet und Priester zogen aus Und Prinzeu hauptgekrönet. Verödet ist nun Juaa’s Haus. Nur Bettlerstimm’ drin tönet. Der Dränger liebet frech die Hand Und Juda gleicht dem Lamme. Der Feind verheert Jas heil’ge Land. Wild zehrt des Feindes Flamme. Der tiottesschatz wird — ach! entehrt. Die Thora wird geschändet. Mit Todes Waffen stark bewehrt, Zerstört der Feind verblendet. Der Gott der Treue schweiget still. — Es erbt jetzt der Barbare Das heil’ge Land. Sieh nur die Füll’ Der Götzen am Altäre! O, sieh’ nur, den Aschura-Wald An heil’ger Tempelhalle! Hier wird das Herz der Priester kalt, liier kommt das Volk zu Falle. Schau gnädig, Helfer in der Noth, Aut uns, die Leiderprobten! Befrei’ aus Schmach uns und vom Tod Die fromm dir Treu’ gelobten! Lass die Erlösung uns noch schau'n! Lass Glanz und Glück uns strahlen! Die Glaubensstarken auf dich bau’u Trotz aller Erdenqualen. Der abtrOnnige Sohn (Ihn Esra’s). No, 206. Der Vater weint um seinen Sohn, Um .Tsaak, den er liebet. Den Vaterschmerz nimmt er zum Lohn. Der Sohn hat Gott betrühet. Es spricht der Vater: ״Schwer geplagt, ״Musst’ Unheil viel ich schauen. ״Die Freud’ und Ruh’ ist mir versagt, ״Dem Sohn darf ich nicht trauen. ״Zn strahlen schien des Glückes Stern ״Aus seinen klugen Blickeil. ״Als Stütz’ im Alter sollt' er gern ״Das Vaterherz beglücken. ״Vergeblich habe ich geharrt. ״Die Lieb’ an ihm verschwendet. ״Die Hoffnung hat mich nur genarrt, ״Mein Jsaak mich geschändet. ״Die Thränen sind mein Augenthau. ״Der Gram ist meine Speise 1 ״Drei volle Jahr’ den Sohn ich schau’ ,.Mir fern in fremder Weise.

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