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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-09-09 · N° 37. (9.9.1886) · p. Seite 144

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 37. (9.9.1886)
Date
1886-09-09
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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144 — Ad 6. Joh. 1.‘5,.'M, wonach Christus den Jüngern gebietet, sich unter einander zu lieben, wie er sie geliebt habe, wird als Verbindung von Gottes- und allgemeiner Menschenliebe gedeutet. Wie würde der sog. Verf. oder irgend einer seiner Bekehrer eine ungleich zulässigere Verallgemeinerung gewisser Specialissima nennen, wenn sie ein Jude sich gestattete? Wie beurtheilt er (S. 37) die Anwendung des V. 10 Cap. 2 Maleachi in Herxheimer’s ,Glaubens- und Pflichtenlehre“? Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes! Ad 7. Von mehreren Auslegungskunst-Proben nur eine! In Aboth 3,14 sagt R. Akiba: Geliebt ist der Mensch, weil er im Gotteseben bilde erschaffen ist; überschwengliche Liebe, da93 ihm dies offenbart worden (1. M. 9,0). Geliebt sind die Israeliten, denn sie werden Kinder Gottes genannt; überschwengliehe Liebe, dass ihnen dies offenbart worden ist (5. M. 14,1). Das will doch sagen, dass, wenngleich alle Menschen im Ebenbilde Gottes erschaffen und von Gott geliebt sind, sie erst in Wahrheit Kinder Gottes genannt zu werden verdienen, wenn sie ihn,wie Israel zuerst gethan, Vater nennen. Dem sog. Verf. genügt aber die Anerkennung der Gottebenbildlichkeit aller Mensehen und die Liebe Gottes zu ihn 'n nicht, er dekla• mirt: Also trotz der Ebenbildlichkeit aller Menschen hat Israel allein die Gnade, Kinder Gottes zu heissen; in hellem Gegensatz zu der vornehmen Ausschliesslichkeit des grossen Schriftgelehrten steht die tröstliehe Lehre des grossen Apostels, der den Heiden verkündete: ,Ihr seid Alle Kinder Gottes durch den Glauben an Christo Jesu!“ (Gal. 3,26.) Ist’s denn nur möglich, sieht denn der ״innerlich erleuchtete, mit geistlichen Augen schauende“ Mann gar nicht mehr mit den ״fleischlichen Augen,“ sieht er nicht einmal mehr das von ihm selbst Ab- oder Nachgeschriebene?! Werden denn an der citirten Galaterstelle alle Menschen ohne Ausnahme Kinder Gottes genannt, und nicht lediglich die an Christum Jesu m (so muss es heissen, Sie Wissenschaftlicher!) Glaubenden? (Eine Frage im Vertrauen: Luther war doch recht garstig, dass er conceptverderbend zu der Galaterstelle auf Cap. 5ü des Jesaia hingewiesen, wie? —) Ad 8. Eine Variation des Themas von der ״Liebe, die den eingeborenen, gottgleichen Sohn in die Welt gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden!“ Der sog. Verf. meint, dass er an diesem Bekenntniss festhalten wolle, ob auch viele sich daran ärgern. Wir unsererseits können ihn beruhigen: wir haben uns niemals an diesem Bekenntniss Anderer ״geärgert“; ungleich mehr wird sich sein ״gedankenreicher Bruder in Christo daran ärgern. Ad 9. Zu Apostelg. 26,24 wird hier nur bemerkt, dass der griechische Grundtext, dem Luthers Ueber- Setzung entspreche, einen starkem Ausdruck habe, als der Briefsteller gebraucht, der die Worte nöthig hat: Paulus, du bist ein Schwärmer! Der Grundtext hat: Maivr; IlaOXt Luther hat: Paule, du rasest! Ad 10. Nichts als pessimistische Mystik und weltschmerzselige Sehnsucht nach ״Erlösung“! Ad 11 und 12. Der sog. Verf. zeigt ein ebenso tiefes Verständniss der Festgebete der Israeliten, wie der ״ Gedanken “held. Damit haben wir wohl genug gesagt. Ad 13. Hier wird in bekannter Weise dagegen geeifert, dass die eigenen Werke des Menschen, die religiösen Pflichtübungen und guten Handlungen für sich zulänglich seien, um den Menschen vor Gott gerecht zu machen, ihn mit Gott zu versöhnen und ihm das ewige Leben zu erwerben — was doch wesentlieh nur die Rechtfertigung durch den Glauben, welche Paulus gepredigt und Luther neu eingeschärft habe, bewirken könne. Aber wie steht es dann um Jakobus, der sich mit Paulus und Luther (Letzterer hat die Epistel des Jakobus deshalb auch eine strohene genannt) im Widerspruch befindet? Ist ״St.“ Jakobus nicht selig geworden? Nach der Anschauung Pauli, Luthers, des Kopisten und ihrer Nachbeter kann es Jakobus nicht geworden sein. *Da sind die ״wilden“ Talmudisten denn doch bessere Menschen: sie lassen, so krampfhaft man ihnen auch die allgemeine Menschenliebe absprechen will, selbst jeden Hei den selig werden, der nur die sieben Noachidengebote hält, ja sie geben einem solchen sogar einen noch höheren Namen, als Kind Gottes; sie stellen ihn dem Hohenpriester Gottes, dem Kohen gadol, gleich. Ad 14. Einer missverstandenen Stelle in Erubin 19 a stellt der sog. Verf. sein ceterum censeo entgegen: Der Mensch ist und bleibt thatsächlich, wie Luther in seinem Katechismus sagt, ״ohne all Verdienst und Würdigkeit“; ergo die ״Mittlersohaft“! Ad 15. Wer das ״Mittleramt“ übt, soll uns Jesaia 53, 5—6 offenbaren. Wir haben diese Stelle bereits genügend besprochen. Nur immer weiter, weiter auf dieser Bahn ״wissenschaftlicher Wahrheit“, hochlöbliches Jnstitutum Judaicum! Die Folgen solchen Strebens, welche Männer wie Stadtpfarrer Honig aus Heidelberg (angeführt gegen Schluss unserer Beleuchtung der ״Gedanken eines Juden“) prognosticiren, werden nicht ausbleiben. ״Wer Wind säet, wird Sturm ernten.“ (Hos. 8, 7.) (Schluss folgt.) Litteraturbericht. Recensionen. Sermons et allocntions par Zadoc Kahn, Grand Räbbin de Paris. Durlacher 1S86. 278 S. Der vorliegende Band Predigten und Gelegenheitsreden des Pariser Obeirabbiners bildet die Fortsetzung des im Jahre 1875 erschienenen Bandes gleichen Titels; er enthält 15 Festpredigten und 4 Gelegenheitsreden, erstere über die Themata: Das religiöse Gefühl, das Gesetz des Opfers, das Gebet, wir sind Kinder Gottes, die Stimme Gottes, die Reinheit der Sitten, die jüdisehe Predigt, die jüdische Familie, der Gott des Judenthums, die israelitische Allianz, die israelitische Jugend und das Judenthum, die Berge in Israel, die göttliche Vorsehung und das Sch’ma; die Gelegenheitsreden beziehen sich auf die Einweihung zweier Synagogen und zweier Betsäle. Wir kennen den geistvollen verfasser aus seinen früheren Reden und aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten in der Revue des etudes juives, und auch in den vorliegenden Reden bewährt sich derselbe als ein ausgezeichneter Redner, der in vollendeter Sprachgewandtheit eine Fülle der erhabensten Gedanken in der edelsten Form vorträgt. Wir sind in Deutschland, was Predigtsammlungen, namentlieh Festpredigten betrifft, sehr verwöhnt, aber ungeachtet dieses Umstandes können wir die vorliegenden Kahu’schen Reden, namentlich die für Neujahr und den Versöhnungstag, als geradezu classisch und daher mustergültig empfehlen, wir haben hier eine seltene Vereinigung grosser Geistesschärfe mit der Hoheit und Anmutb gemüth voller Darstellung. Das stolze Wort unserer Weisen סיני ודוקר הרים aut das homiletische Gebiet Überträgen, findet in diesen Predigten seine volle Bewährung; mit welcher Geistesgrösse, mit weleher Gewandt- und Belesenheit geht der Redner dem Materialismus, der falschen Wissenschaft, der schlechten Lektüre und den verderbten Sitten zu Leibe; er belagert mit den scharfen Waffen seines Geistes die Hochburg des Atheismus, zerstört sie und richtet auf diesen Ruinen einen Felsen des innigsten Gottver-

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