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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-08-26 · N° 35. (26.8.1886) · p. Seite 136

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 35. (26.8.1886)
Date
1886-08-26
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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— 136 wichtigeren Verletzung der dramatischen Wahrscheinlichkeit zu thun hatten: das Aufgeben der künstlerischen Einheit müsste nothwendig die Handlung in eine völlig unkünstlerische Mannigfaltigkeit zersplittern. Wir wollen uns deutlich erklären. — Sollte wirklich im Kaufmann von Venedig nur der Sieg eines Principes über ein anderes brüchig gewordenes in die Erscheinung treten, so müssten die Vertreter beiderentgegengesetzter Richtungen, wieeinemStaatenverbände, so auch einer Confession, ja selbst einer Gesellschaftsklasse angehören: dann würde der Fall klar vorliegen und das Urtheil des Lesers nicht durch abseits liegende Erwägungen beeinträchtigt, seine schweifende Phantasie nicht muthwillig auf eine falsche Bahn gelenkt werden. Ein im Volksbewusstsein wurzelndes Recht gegenüber dem codificirten, durch die Tradition geschützten Unrecht, ist zwar eine, unserem Begriffe nach, schwer denkliche Antithese: denn ist einmal das Recht in dem schläfrigen Bewusstsein der grossen Masse zum Durchbruch gelangt, so müsste es doch unbedingt früher in dem Hirn der wenigen Erleuchteten gedämmert haben, und die Gesetzgebung, die dem Volke ״den Puls zu fühlen hat“, sollte diese ethisch - medicinische Vorarbeit schon längst absolvirt haben. Doch wie dem auch sei, so gäbe diese Antithese doch immerhin Stoff genug zu einer belebten, dramatischen Handlung, was darüber hinausginge, wäre Beiwerk, Arabesken, die nicht zum Schmucke, wohl aber zur. Ueberbürduug des Kunstwerkes beitragen. Und Shakespeare, der Grosse, der wie kein Anderer sich dessen bewusst war, dass je echter das Kunstprodukt, desto einfacher die Elemente, in die es sich auflösen lässt, dem sollte dies entgangen sein? der sollte die reine Linie durch gekünstelte Schnörkel verunzieren, die plastisch-klare Darstellung der Idee durch Häufung von Nebendingen, Steigerung des Interesses durch Episoden verkümmern, und die gesunde, folgerichtige Entwickelung des Ganzen durch willkürliche Zugaben hemmen? Wahrlich, eines so complicirten dramatisehen Apparates durfte sich ein Shakespeare nicht bedienen und hat sich auch dessen nicht bedient. Ihm war Shylock nicht der Träger eines veralteten Rechtsgrundsatzes zufällig Jude von Geburt, — der Zufall in diesem Sinne konnte in seinem Wörterbuche kaum Platz finden. Shylock war mit durchsichtiger Absichtlichkeit zum Juden gemacht, er trug den Stempel des Jahrhunderte langen Druckes auf der sorgendurchfurchten Stirn, er war erfüllt von glühendem Hasse gegen seine Peiniger und Dränger und nur das verletzte, bis zum Fanatismus erhitzte, bis zum Wahnsinn gestachelte Nationalgefühl zischt und wetterleuchtet in den in ihrem finsteren Pathos erhabenen Worten: ״Er hat mich beschimpft, mein Volk geschmäht, verlacht .... Und was hat er für einen Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Hände, Augen, Gliedmassen, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer, als ein Christ? . . . Wenn Ihr uns stechet, bluten wir nicht; wenn Ihr uns kitzelt, lachen wir nicht; wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“ Und dieser schmerzliche Aufschrei der verwundeten Nutionalehre des entwürdigten, misshandelten Juden״ thume, dieses immer wiederkehrende, immer stärker betonte Begehren nach Rache, sollte zufällig nur dem Juden in den Mund gelegt sein, thatsächlich aber etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen wollen? Nein, Shylock ist Jude par droit de naissance, er ist der typische Jude jener Zeit, die wandelnde Personification des fortwuchernden, an eine bestimmte Menschenklasse vollführten Unrechtes, die lebendige Rechtfertigung dieser ״Race“, wenn sie, geknechtet, mit Füssen getreten, den fort und fort auf sie gehäuften Hass einmal ״nicht gerade mit Liebe lohnan wollte “. Und wenn nun diese auf eng begrenztem Boden wurzelnde, einem kleinen Nationalwesen enstammende Figur zu einer so dämonisch - riesigen Gestalt sich entwickelte, dass sie den gewöhnlichen Massstäben entwachsen, dem Urtheil des Lesers, wie wir eben gesehen, eine andere als die beabsichtigte Richtung gab, so geschah dies vielleicht, wie Heine bemerkte, unabhängig, ja gegen Shakespeare’s Willen. Sein Genius — ,der Weltgeist, der in ihm waltete‘ — zwang ihm die Erkenntniss auf, dass das an ein Volk verübte und immer wieder verübte Unrecht, das Unrecht schlechtweg, eine der ganzen Menschheit zugefügte Rechtsverletzung bedeute, und dass der personificirte Appell gegen eine solche auch, in ädaquater Weise, übermenschliche Dimensionen annehmen müsse. Shylock sollte demgemäss beiieibe nioht Kläger in eigener Sache sein, auch nicht gegen eine veraltete Rechts- Institution, und ebenso wenig gegen das nur an Venedig vollzogene Unrecht• war er bestimmt, Protest zu erheben: es war das Recht an sich, das abstrakte, kosmopolitische, ewige Recht, das in ihm nach Worten, nach Befreiung aus unendlicher Bedrückung rang. Deshalb auch ertönte der markerschütternde Protest in so lauten, über alle Zeiten hinaus, durch alle Lande widerhallenden Schwingungen, denn es galt, einem Principe zum Siege zu verhelfen, das, trotz widriger Zeitströmungen und gehässiger Anfeindungen, unsterblich wie die Natur und wie die sie widerspie־ gelnde Kunst. Aus der langen Nacht der Jahrhunderte, aus dem Dunstkreis der Vorurtheile strahlt ein heller Stern in unser Morgendämmer hinein: er ist uns das Friedens- Zeichen, die beruhigende Bürgschaft, dass jenes zuweilen von Wolken verhüllte, ängstlich flackernde, nie aber verlöschende Licht, das ewige Recht, sich endlich über unseren ganzen Horizont verbreiten und ihn in glänzende Tageshelle tauchen wird. Agathe Meiseis. Exegetische Analekten. I. Zu Hiob. 1. Hiob 6, 13 האם אין עזרתי בי durch die in den vorhergehenden und folgenden Versen ausgedrückte Verzweiflung bietet dieser Vers unüberwindliche Schwierigkeit. ״Ist denn keine Hilfe in mir?“ dieses sich Ermannen stört vollständig den Zusammenhang. — Ich glaube, das feminine דודתי ist hier eine Be- Zeichnung für: ״Frau“, ״Gehilfin“, ״Lebensstütze“, wie אעשה לו עזר כננת in Genesis 2, 18 und der Sinn ist: ״Ist denn nicht meine eigene Frau (die meine Gehilfin sein, mir beistehen sollte) gegen mich?“ Und zum zweiten Verstheile ותשיה נדחה ממני ist zu ergänzen |'״ :האם אIst denn nicht alles Heil von mir efttrückt?“ — 2. lbid. 8,12 עדנו באבו לא יקטף ולפני כל חציר יבש ״Noch ist’s im Grünen, nicht abgepfliiekt, und vor allem Grase verdorrt es,“ d. h. kaum ist es grün, das Schilfrohr, und schon dorrt es hin. Da der Hebräer für das ״kaum“ sein gutes כמעט hat, so erscheint hier die Construction mit עודנו iu diesem Sinne schwierig. — Warum aber nicht einfach: ״So lange es grün ist, kann man es nicht abpfiüoken, (so stark und fest ist es) und doch dorrt es vor allem Grase hin, also sind die Wege aller Gottes vergessenen“ etc.

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