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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-08-19 · N° 34. (19.8.1886) · p. Seite 133

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 34. (19.8.1886)
Date
1886-08-19
Page
Seite 133 (sequence 3)
Language
German
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— 133 — Immer grösser wird die religiöse Ueberzeugungslosigkeit, -die kirchliche Gleichgiltigkeit. Die ״Kirchlichkeit aus Mode“ schafft betrübende Zustände, und man muss die Frage aufwerfen, wie ist Abhilfe zu schaffen, da es sich doch um eine Lebensfrage handelt. ־Wie waren die bisherigen Versuche und was hat die Orthodoxie gethan, um eine Besserung herbeizuführen? Sie geht vor Allem zwei Wege, den der Reaktion und den der Mission. Die Orthodoxie will nichts wissen von einer Reform im Geiste einer neuen Zeit, sie will nur wissen von einer Bekehrung der ungläubigen Welt. Hat man etwa die Meinung, dass unsere Wissenschaft verzichten werde aut ihre Resultate? Die Lorbeeren der kath. Kirche haben auch unsere Orthodoxen nicht schlafen lassen, denn Alles strebt heut• zutage Rom za. Vorauszusagen ist mit mathematischer Gewissheit, dass, wenn diese Entwickelung nicht gehemmt wird, der Zeitpupkt kommt, wo Alles sich lostrennt. Der andere Weg ist der der Mission. Wir haben gegen den Geist, der darin waltet, grosse Bedenken. Ihre Methode ist die des Seelen langes. Die siebenzigtausend Predigten, die allsonntäglich in Berlin vertheilt werden, diese Kutscher- und Kellner-Versammlungen, diese Andachten zu Wasser und zu Lande, diese Theeabende und religiösen Abend- Unterhaltungen — Alles das bildet ein System des Menschenfanges, das gegen unser freies, religiöses Gefühl sich wendet. Der Mensch wird auf der Strasse angepackt und hineingestossen in das Reich Gottes. In der ״Heilsarmee“, die nichts ist, als der grösste Humbug, sieht man die ähnliche Methode. Die Mission kann niemals einen grossen, nachhaltigen Erfolg im ganzen Volke erzielen. Eine Aenderung kann nur erreicht werden durch eine Versöhnung, die angebahnt werden muss zwischen Kirche und Kultur, zwischen Wissenschaft und Religion“ etc. Wird diese Versöhnung, d. h. vor Allem die Aus• Scheidung der heidenchristlioh-paulinischen Elemente aus der ev. Kirche alsbald gelingen? Wir wünschen es, schon als einen Sieg der eohtjüdischen Ideen im N. T., von ganzem Herzen, glauben aber, die Welt kann hundertmal, kann tausendmal um ihre Pole treiben, eh’ diese Gunst ״der Zufall“ beut. Wir glauben dies um so mehr, da die kirchlich-politische Mission vieler, sog. Kiflturstaaten noch weit bedenklicher wirkt, als die des luth. Pietismus: Namen- und Soheinchristen, ja die Verächter des Christenthums unter ihnen, vielleicht gar die Bastarde Nobilings und Hödels und ähnlicher ״Christen“, sowie religionsschachernde Juden werden bei Besetzung von Aemtern und bei andern Anlässen hochachtbaren Israeliten vorgezogen. Wird dadurch das Volk — wir meinen die urtheilslose Masse — nicht in dem Wahn bestärkt, der Glaube an den Einig-Einzigen, an die Reinheit der gottgegebenen Menschenseele und die allumfassende Nächstenliebe befähige keineswegs oder doch bei weitem nicht in dem Masse zu treuer Pflichterfüllung im Dienste des Staates und der Gesellschaft, wie der Glaube an die Dreieinigkeit, an die Erbsünde und an die Ezclusivität mit der Devise: Extra ecclesiam nulla salus, wie das Namen-, Schein- und Antichristenthum geborener Christen und getaufter Juden? Seien wir doch gereoht! Sagen wir’s dooh offen und ehrlich: Diese Mission wird von weit wenigem katholischen, als protestantischen Regierungen betrieben; und da soll die ev. Kirche dem religiösen Ideal näher als irgend eine andere sein? Wenn aber die Aus- Scheidung der heidenchristlich-paulinisohen Elemente schon morgen gelänge und 80 der Protestantismus schon morgen wesentlich —Judenthum würde: müssten wir uns nicht heute um so mehr schämen, dieses Judenthum öffentlich abzusohwören, welohes das Leben unseres Lebens, die Seele aller wahren Gesittung, das Strebeziel aller edeln Geister enthält? Wohl wissen wir nur zu gut, was wir bereits öfter ausgeführt, dass auch die Judenheit an gar manchem Nothstand laborirt — die Judenheit, aber nicht da3, bei einem Religionswechsel doch allein in Frage kommende, Judenthum Wir schliessen mit den beherzigenswerthen Worten des edeln Chr. Fr. Schubart (in seiner Vaterlandschronik vom Jahre 1788, S. 67 und 93): ״Die wahre Aufklärung, die ihren stömenden Glanz in die Ewigkeit hinauswirft, haben wir — nioht den Grieohen und Römern, sondern den Jaden zu verdanken. Gewiss ist’s, dass Gott mit den Juden noch was Grosses vorhabe. Der unsterbliche Moses Mendelssohn hat es in seinem Jerusalem geahnt und der eohte Sohriftfor 8eher zittert seiner Ahnung zu. Wenn die Geschichte der Welt einmal ganz und vollendet dasteht, wird man gestehen müssen, dass die Jaden das wichtigste Volk in der Menschengesohiohte gewesen seien“. Shakespeare und kein Ende. Die vielfach besprochene, erkannte und verkannte Gestalt Shylooks ist wieder einmal aus ihrem Grabe, diesmal vor das Forum der Jurisprudenz, oitirt worden. Der juridisch-litterarisohe Streit des berühmten Rechtslehrers Jhering und seines nicht minder berühmten Antagonisten Köhler, beleuchtet von einem Epigonen (in der Nummer 7827 der N. fr. Presse) der auf das dem Namen der älteren Fachgenossen Vorgesetzte Prädicat einigen Anspruch erhebt, bietet trotz der internen, fachwissenschafiliohen Fassung auch dem Unsingeweiheten manchen interessanten Gesichtspunkt. Da überdies die Kreuzung der Waffen jener bedeutenden Fachmänner auf der Wahlstatt erfolgte, die sonst nur die Austragung rein litterarisoher Händel, also mehr ästethischen, jedenfalls alleemein menschlichen Interessen gilt, so dürfte es auch dem Laien nicht als Anmassung angereohnet werden, wenn er naoh dem gelehrten, wohlbegründeten Verdiote in causa Sbylock, doch seine Stimme zu sohüohternem Einspruch erhebt. Naoh Jhering wäre Sylook ein ״um sein Reoht betrogener Märtyrer“. ״Wie mächtig, wie riesig,“ sagt Jhering (Kampf um’s Reoht), ״dehnt sich die Gestalt des schwachen Mannes, wenn er diese Worte spricht ״ich fordere das Gesetz, ich steh’ auf meinen Schein.“ — Es ist nioht mehr der Jade, der sein Pfund Fleisoh verlangt, es ist das Gesetz Venedigs selber, das an die Schranken des Gerichtes pocht; denn sein Recht und das Reoht Venedigs sind eins; mit seinem Rechte bricht letzteres zusammen.“ In heller Entrüstung ob des elenden Rabulistenkniffes des ,weisen Daniel‘, der dem Kläger sein Pfund Fleisoh vom lebenden Körper zuspricht, das damit nothwendig verbundene Blutvergiessen aber untersagt, in tiefem Mitgefühl mit dem Opfer der brutalen, physischen Uebermacht, das ״verfolgt von bitterem Hohne, geknickt, gebrochen, mit sohlotternden Knieen dahinwankt,“ legt er uns die Frage vor: ״Wer kann sich des Gefühls erwehren, dass mit Shylock das Recht Venedigs gebeugt worden ist, dass es nioht mehr der Jude ist, der von dannen schleicht, sondern jener Paria der Gesellschaft im Mittelalter, der vergebens nach Reoht schreit?“ So weit Jhering, dessen Auffassung unangefochten blieb, bis, wie uns unser Feuilletonist mittheilt, der Würzburger Rechtsphilosoph Köhler mit der Sohleuder Davids in die Arena trat und dem juridischen Goliath auf’s Haupt trat. Köhler theilt uns die, 80 viel ich weiss, auch schon früher bekannte Thatsache mit, dass die Rechtsinstitution des Zerfleischens des Schuldners schon im alten Rom in gemüthliohster Weise *in floribus war, und dass besagte Reohtsinstitution auch bei anderen alten Völkern, etwa in Norwegen, heimisch war. Wenn der Schuldner nicht zahlt, heisst es nach dortigem Reohte, soll er den Verwandten zur Lösung ausgeboten werden; "löst ihn

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