Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 34. (19.8.1886)
- Date
- 1886-08-19
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
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— 132 — Heiden das Ceremonialgesetz für abgeschafft erklärt hat, völlig übereinstimmend mit dein bekannten alt- {'iidi8chen Grundsatz, dass Niohtjuden schon durch Jebung der sogen. Noachiden-Gebote (sieben Natur- oder Vernunftgesetze) die Seligkeit und das ewige Leben erringen. Ohne es zu wollen, legt der Verf. der ״Gedanken“ den Unterschied des Christenthums und des Judenthums hinsichtlich der Gottesidee doch reoht nahe; wir können das, was er diesbezüglich sagt, in den Satz zusammenfassen: Das Christenthum zieht Gott zum Menschen herab, das Judenthum zieht den Menschen zu Gott hinauf. Wnnderbarsohön lehrt dies übrigens der Talmud (Sota 14a) mit Bezug auf das Gebot der Thora (5. M. 13,5), dem Ewigen nachzuwandeln: Nicht auf den Bahnen, auf denen Gottes strahlende Majestät schreitet, wandle ihm nach, 80ndem auf den W egen,dieer durchsLeben der Menschen geht; richte dich nach seinen Eigenschaften, wie er allliebend ist, sei auch du liebreich. Nachdem der Verf nun noch einige Tiraden, wie die von der ״Erlösung“ zum Besten gegeben, um den Schein der Christlichkeit zu erneuern — glaubt er, nm so freier von den Gefahren sprechen zu dürfen, die der Christenheit daher drohen, dass die ״bereohtigte Verehrung für die Person Jesu sioh zur Schwärmerei steigern kann, in welcher Vernunft und Wissenschaft als sündliche Versucherinnen bekämpft werden.“ Zur Beseitigung dieser und ähnlicher Gefahren sollen die ״bekehrten“ Juden mit helfen, aber fein vorsichtig, in möglichst kriechender Subordination unter die Leiter der kirchlich-reformatorisohen Bewegung! Also nun wissen wir’s doch, warum wir Juden ehr- und charakterlos zu Religionssch&cherern uns herabwürdigen sollen, warum wir geist- und gefühllos unsere heiligsten Ueberzeugungen und Lehren, wie die von dem Einig-Einzigen, der Selbstheiligung, der allumfassenden Nächstenliebe, die selbst den gerechten Heiden Seligkeit und ewiges Leben zuerkennt — aufgeben sollen, warum wir jener Glaubensgenossenschaft beitreten sollen, in deren Mitte zur ״grössten Schmaoh des neunzehnten Jahrhunderts“ der Antisemitismus frei und frank beispiellos unsittliche Orgien gefeiert, warum wir . . . unsere Feder sträubt sioh, wir gestehen, hier wird es uns unsagbar sohwer, unsere Erregung zu bemeistern . . . warum wir niohtswürdig uns denen anschliessen sollen, in deren Mitte unsere frommen Ahnen, unsere unvergleichlichen Märtyrer, unsere Väter und Mütter, Alle, die uns die theuersten sind — folgerichtig allerdings auch der Stifter des Christenthums — verspottet wurden und nooh werden, verspottet von betitelten und unbetitelten Gassenjungen, verspottet am hellen, lichten Tage, verspottet, {‘a heuchlerisch des rituellen Gebrauchs von Christen- >lut und ähnlicher Greuel beschuldigt, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts ״christlichen Heils“! Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre! sagt der Dichter; noch nichts würdiger, fügen wir hinzu, ist das ״Religiunsvolk“, das sioh seinen religionslosen Verächtern zugesellt. Was der verewigte Diesterweg, dieser tiefe Denker und Menschenkenner, in seinem pädag. Jahrb. für 1854 (S. 161) bemerkt, wie wahr, klar und prophetisch ist es: ״Leider und zu unserer, der Christen, Schmach ist es mit der Feindseligkeit, welche die Juden Jahrhunderte lang erfahren haben, noch nicht vorbei. Muthet man ihnen daher zu, zum Christenthum überzutreten, so heisst das in den meisten Ländem nichts weniger als dies: von den Unterdrückten oder. Gedrückten zu den Unterdrückern und Drückern überzugehen. Bedenkt man nun, dass Jene ihre Glaubensgenossen und Väter sind, vergisst nicht, dass auch sie, wie andere gute Menschen, mit Pietät au den Ihrigen hängen, was ihnen dooh auoh nicht zur Unehre gereicht, und übersieht man endlioh nicht, dass der gewissenhafte und edle Mensch, wenn ihm nur die Wahl bleibt, zu unterdrücken oder unterdrückt zu werden, das Letztere wählt: 80 wird man sioh zehnmal besinnen, ehe man »iah überwindet, ein naohtheiliges Urthal über die Jaden zu fällen“. Da» sagt ein Christ, dessen Andenken zum Segen bleibt für ewig — wie wird euoh, ihr Titel- und Stellenneophyten, Angesiohts seiner Worte? Oder ist alle Scheu und Scham bei euch erstorben? Schämt ihr euch nioht einmal vor euren Kindern, wenn sie erfahren, dass der Vater seine Väter verleugnet, weil sie gedrückt worden? Meint ihr, sie werden euoh für ehrenhaft halten,, weil ihr ihnen das Leben vielleicht etwas bequemer gemacht? Gewiss nioht, oder sie müssten denn ebenso charakterlose Krämerseelen durch euer Beispiel geworden sein, wie ihr. Uebrigens täuscht ihr euoh in einem Punkte gewaltig, die Verheissung des Propheten Jirmejah (2,3) hat sioh noch immer erfüllt: Ein Heiligthum bleibt Israel dem Ewigen, Erstling seines Ertrages, Alle, die ihn essen (auch ihr Judenfresser, die ihr doch bibelgläubig sein wollt, merkt euch das!) werden es büssen . . . Die ״bekehrten“ Juden, meint der Verf. der ״Gedanken“, können namentlich auoh infolge ihrer Erfahrung, dass eine Religion auoh bei einfachem Verwaltungsapparat sioh kräftig zu erhalten vermöge, der Christenheit viel nützen. Wär’s möglich? Sind das wirklich Worte desselben Verfassers, der sonst dem Judenthum alle Lebenskraft abgesproohen? wird mancher Leser fragen. Nun, ״der Herr ist Advokat“. Als solcher erscheint der Verf. auch im Sohluss seines Libells. Dieser enthält die Behauptung, dass die evang. Kirche näher als irgend eine andere Religionsgemeinschaft dem Ziele sei, eine Werkstatt zu werden, in welcher an der Vereinigung aller Gottes- Verehrer, an der Verwirklichung dieses, dem Christenthum und dem Judenthum gemeinsamen Ideals, endlich mit Aussicht auf Erfolg gearbeitet werden könne. Wir bestreiten das durchweg, aus inuern und äussern Gründen, die wir im Verlauf unserer Beleuohtung bereits dargelegt. Dooh vernehmen wir noch eine diesbezügliche jüngste Ansichtsäuaserung aus freisinnig-christliohen Theologenkreisen! Herr Stadtpfarrer Hönig aus Heidelberg, der Redakteur der ״Protest. Flugblätter“, hielt im Febr. d. J. vor sehr zahlreicher Zuhörerschaft im Berliner Unions- (deutschen Protestanten-) Verein über ״Richtige und falsche Versuohe der Gegenwart zur Erneuerung des religiösen Lebens“ einen Vortrag, der als das beste und treueste Spiegelbild des ganzen evangelisch-kirchliehen Lebens bezeichnet und mit lebhaftestem Beifall aufgenommen wurde. Reproduoiren wir daraus nur Einiges, was hier in Betraoht kommt: .Dass ein kirchlicher Nothstand vorhanden ist, wird Niemand leugnen können, und Sache jedes Freundes der Religion ist es daher, gegen diesen Nothstand Front zu machen. Zwar ausserlich macht, sich ein Nothstand kaum bemerkbar; Kirchen- und Abendmahlsbesuch sind eher in der Zunahme, als in der Abnahme begriffen, und es werden mehr Kirchen gebaut und restaurirt, als m den kirchlichsten Perioden. Die Kirche hat an politischem Einiluss gewonnen, und namentlich ma c 11t d i e kat ho li sc he K irche darin solche Fortschritte, dass man ott au dunkloZeiten des Mittelalters erinnert wird. Aber dieser Aufschwung ist doch nur ein scheinbarer. An einer langen und schweren Krankheit leidet unsere Kirche, an einer innernUnivalirheit. Eine innere Unwahrheit ist eine Theologie, die nur zur Hälfte der Wahrheit dient, sie ist der Anfang aller Schäden.