Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 32. (5.8.1886)
- Date
- 1886-08-05
- Page
- Seite 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 125 — .,,Zehn Prüfungen“, ist, mit denen man es nicht gar zu genau nehmen darf. Was war’s. nuo, was-dam einfachen Spruch solche Bedeutung verliehen, dass wir ihm auf Schritt und Tritt begegnen! Was anders, als der Israel auf seiner langen Wanderung stets begleitende, alle Jahrhunderte und Jahrtausende durchtönende Glaube an die einstige ״sittliche Vollkommenheit“ und ״ Weisheit “ derg an z e n Menschheit, an die einstige Gotteserkenntniss und Erleuchtung aller Völker und Nationen! — ״In allmählicher Entwickelung und Entfaltung, in allmählicher Vervollkommnung und Vollendung geht die Welt, die Menschheit, langsam aber sicher der Reife, der Erkenütniss der Wahrheit, entgegen, lautet das Grundprincip des Judenthums, eben so wie die physische Welt, nicht mit einem Male, sondern ״כעשרה מאמרות״ nur allmä'hlieh, von Stufe zu Stute steigend, — endlich die Höhe erklommen, von deren Gipfel aus sie die Herrlichkeit, die Allmacht und Majestät Gottes mit machtiger weithin tönender Stimme verkündet. — Diesem festen und unerschütterlichen Glauben an die einstige Reife und Erkenntniss der ganzen Menschheit giebt Israel überall Ausdruck; und dieser Glaube ermuthigt es, fortzusetzen das mühevolle, schou Jahrtausende währende und vielleicht noch Jahrtausende erheischende Werk der Erziehung und Belehrung, der Führung und Leitung der Menschheit zu jenen Höhen hinan, auf denen nur E i n Gott und nur Ein Volk von Brüdern sichtbar, die Alle Gott als ihren gemeinsamen Vater lieben und verehreu. Wenn wir am Rosch Haschana in den ״Malchijoth“ Gott als ״König“ huldigeD, sprechen wir voll Zuversicht: ״Und Gott wird einst König sein über die ganze Erde“ (Zecharja 14,9); und wenn dies heute noch nicht der Fall ist, und wenn der grösste Theil der Menschheit heute noch vom Wahn des Heidenthums umnachtet, von einem erhabenen, unsichtbaren Gott nichts hören will; — wir trösten uns בעשרה״ מאמרות". Die physische Welt ist auch nicht mit einem Male erbaut, nur allmählich, stufenweise ging sie der Vollendung entgegen, und so kann auch die ״geistige Welt“ nicht mit einem Male aufgebaut werden, aber es kommt der Tag, ״und der Ewige ist einzig und sein Name einzig“. — Wir lesen die Thorah — nicht weniger als zehn Verse, im Glauben, dass sie einst Anerkennung findet, als vom Sinai herstammend angesehen wird von der ganzen Menschheit; und wenn sich heute noch so Viele gegen diese Wahrheit auflehnen, so Viele vor ihr das Auge verschiiessen, wir trösten uns, .,das Buch der Natur“, die Welt, ist auch nicht mit einem Male vollendet, sondern ״בעשרה מאמרות״ allmählich, blattweise geschrieben und aufgerollt worden, bis es offen, mit klarer, deutlicher, Gottes Allmacht verkündender Schrift dagelegen, und so wird auch das ״Buch der Wahrheit“, die Thorah, ihre Höhen und Tiefen, einst erkannt, ihr Licht und Glanz einst gewürdigt werden. — Wenn wir täglich Gott loben und preisen, preisen den, ״durch dessen Wort die Welt entstanden, preisen wir ihn ״zehnfach“, nicht als ״Gott Israels“ allein, sondern als Schöpfer der Welt“, als ״EJrbarmer über die Erde“, ״Erbarmer über seine Geschöpfe“, als Gott der ganzen Mensohheit; und wenn ein Theil der Welt in Gott diesen erhabenen die ganze Menschheit in gleicher Liebe umfassenden Wohlthäter nicht erblicken will; wir wissen, die ״Völker“ werden einst in dieses ״Baruoh“ einstimmen, werden aufjubeln und aufjauchzen zu dem, der ״ewig lebt“ — wenn sie erstiegen haben werden die höchste Stufe der עשרה״ מאמרות" Diesem Glauben giebt Israel Ausdruck, im grössten Unglück, in der grössten Erniedrigung, so schwarz das Gewölk an dessen Lebenshimmel erscheinen, 80 trüb und düster sich auoh dessen Geschick gestalten mag. Jerusalem ward zerstört, das Reich ״ Jod?“ zertrümmert׳, die Monate Tammus und Ab haben zwiefaches Elend über Israel gebracht, Hadrian hat das Heiligthum Israels gesohändet, wie Keiner vor ihm, das Alles aber, sprioht Israel, kann meinen Glauben an die Zukunft der Menschheit nicht erschüttern, dass יתגדל דתקדש שמה רבה Gottes Name gross und heilig, gerühmt und gepriesen, erhöht und verherrlicht werden wird in der Welt; und wenn für den Augenblick Israel mitsammt seiner Wahrheit, in den Staub getreten, darnieder liegt, — ist die Welt nicht aus ״Nichts“ entstanden! Aus Niohts hat sich die Welt כעשרה מאמרות allmählioh, stufenweise -erhoben zu der Höhe, za dem Glanz, zu der Vollkommenheit und Herrlichkeit, in der wir den Abglanz der Majestät Gottes erblicken, und so wird auoh, wenn auoh nur langsam und allmählioh, das ״Reich Gottes“ entstehen, das Reioh der Wahrheit in' dem sein Name gross und heilig sein wird. — יתגדל״ ויתקדש שמה רבא.“ Aus den Trümmern Jerusalems wird sich ein neues, geistiges, die ganze Menschheit in sich fassendes Jerusalem erheben, aus der Asche Zions wird neue Gluth kommen, eine neue Flamme emporlodern, die Gluth der Wahrheit, die Flamme der Begeisterung, des Glaubens au Gott, den Einzigen und Allmächtigen. Ja! Das Kadisch-Gebet hat uns einst getröstet in schwerer Noth, in tiefem Unglück, und es tröstet uns heute noch, wenn der *Tod seine Schatten über unser Haus breitet, und uns Diejenigen ni.mmt, die uns über Alles werth und theuer sind — dann sprechen wir יתגדל ויתקדש שמה רבא״“ unter heissen und doch den Schmerz so wunderbar lindernden Thränen. Ein altes, ernstes Gebet, und wahrlioh werth, dass wir im ernsten Sinnen und Nachdenken darüber noch einen Augenblick verweilen! Collectanea. Von D1-. Kroner, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. XXVI. Das Hüll he-emir, das nur 5. M. 26, 17 und 18 vorkommt, will Herr Dr. Duschak in No. 29 d. Bl. duroh ״verbinden“ erklären und diese Erklärung als die ״einzig richtige“! gelten lassen. Es wird zunächst auf das talmudische Maamar hingewiesen, das ״Verbindung“ heisse. Muss das taimudisohe Maamar aber absolut diese Bedeutung haben? עשה בה מאמר (Jebam. 2, 1 fg.) z. B. wird wohl unbeanstandet übersetzt werden dürfen: Hat der Levir die zur Leviratsehe verpflichtete Schwägerin sich angetraut durch Ansprache — nämlich durch die Formel: Da sollst mir angetraut sein, wobei er ihr zugleich eine Werthsaohe behändigt. Oder auch: Hat er ihr das Ver spreo hen gemacht. Vergl. Tos. Jomtob z. St.: נקרא מאמר לפי שאק דק קידושין אלא באמירה ולא בשתיקה וב־• Ferner wird von Herrn Dusohak hingewiesen auf Meier’s Wurzelwörterbuoh, das als Grundbedeutung von ״ אמרzusammenbringen, zusammensohliessen“ angiebt. Diese Angabe müssen wif gleichfalls als entschieden unzutreffend bezeichnen. אמר heisst ursprünglioh niohts anderes als emporragen, sich erheben. Dies erweisen nicht nur die Derivata: אמיר Gipfel eines Baumes oderBerges,8) אמרי. Arnos 2,9) u. a. sowie das Hitpael התאמר (Ps. 94,4) sich überheben, sondern auch die Stämme von gleioher org.