Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 32. (5.8.1886)
- Date
- 1886-08-05
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
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124 die brav, treu und fleissig sind! Und dann, bereiten wir Juden Andern ohne Untersohied des Q-laubens nicht 68hr oft — nennen wir’s einmal so — Weihnachtsfreuden? Ja, wir würden dem Gesinde sogar gestatten, sich in einem besondern Zimmer einen Weihnachtsbaum autzustellen und zu schmücken; freilich, daran würden wir uns nicht betheiligen. Ich halte es für eine indirekte Missachtung der christlichen Beligion und für eine direkte Sei bst Verhöhnung, wenn gewisse Juden, die ebensowenig christliche wie jüdische Weihe suchen, in bekannter Manier oder vielmehr Unmanier Weihnachten mitfeiern.“ Wir stimmten dem verehrungswerthen Greise dankend bei und erinnerten uns noch gar oft dieses lieblichen Genre-Bildes, das sich uns aut dem lichten Grunde altjüdischer Frömmigkeit darstellte. — Einzig in seiner Art dürfte folgender Satz des ״Gedanken“helden sein: ״Juden, welche sich von dem Gesetze befreit haben, gelangen, sobald sie nachdenken, in eine veränderte Stellung zu dem Stifter der Christliehen Religion.“ Der Verf. will glauben machen, ihm sei ״nachdenken“ mehr, als gedanken- und gefühllos das nachsprechen, was ihm seine ״Bekehrer“ vorgedacht, d. h vorgesprochen haben; in Wirklichkeit nachgedacht kann er nicht haben. Juden, die sich taufen lassen — das ist heutzutage auch die Ansicht aller verständigen Christen — denkeu überhaupt am allerwenigsten über den Stifter des Christenthums nach, am allermeisten über Stellen, Titel und ähnliche materiel le Vortheile undAuszeichnun gen. Charakterstärke und denkfreudige Juden und Christen haben viel über jenen Stifter nachgedacht, ohne zu ihm — ״in eine veränderte Stellung zu gelangen.“ Wir wollen dem Verf. nur einen solchen Christen nennen: den religionsphilosophischen Schriftsteiler Albert Dulk, den Autor der sehr beaohtenswerthen Schrift: ״ Der Irrgang des Lebens Jesu“ (Stuttgart, Dietz 1884). Aus dieser, übrigens mit wärmster Liebe für ihren Gegenstand verfassten Schrift — mit der wir durchaus nicht in allen Punkten einverstanden sind — könnte der ״Gedanken“held wirkliches Nachdenken und noch manches Andere lernen, zum Exempel: die grellen Widersprüche, in welche die Verfasser des Lebens Jesu, wie Strauss, Schenkel, Hase, Keim, Renan, mit sich selbst und mit einander gerathen — sowie eine objektive Würdigung der Bergpredigt. Wir lassen es bei diesem Hinweis bewenden; wissen wir dooh, wie uns Juden eine Reproduktion der von der christlichen Modetheologie abweichenden Forschungsergebnisse, selbst wenn sie den besonnensten und ernstesten Christen eignen, gedeutet wird. Durch solche Reproduktionen tragen die Juden die Unkirchlichkeit in weite Kreise, durch die betreffenden Schiiften thun das Christen nicht, bewahre! Nur Juden sind schuld an der Aufklärung oder, wie man zu sagen beliebt, ״Aufklärerei“. Darum erweisen wir der Niedertracht nicht den Gefallen, aus der Schrift Dulk’s Auszüge zu bringen; der Wahrheitsuchende wird sie ja ohnedies lesen oder gelesen haben und — das Beste daraus behalten. Der Verf. der ״Gedanken“ betont insonders die Gesetzeserleichterung durch Christum und giebt für dieselbe Stellen aus dem N. T. an. Wir haben aber längst aus demselben N. T. auch erwiesen, dass Christus eine tiefe Ehrfurcht für das ganze Gesetz hegte und nichts, garnichts daran geändert wissen wollte. Es ist also die Frage wohlberechtigt: Welche bezüglichen Stellen sind echt, welche unecht? Die richtige Antwort finden wir unter Anderm in der bei berufenen jüdisohen und christlichen Forschern feststehenden Thatsache, dass durch mehrere Jahrhunderte nach dem Tode Christi namentlich dessen jüdische Anhänger (Judenohristea) treu dem Gesetze lebten und lehrten. Wenn Christus allerdings die Ethik des Judenthums — zumeist nach der allegorischen oder hyperbolischen Art des Midrasch und der Aggada — in den Vordergrund stellte so folgte er hierin den jüdisohen Propheten (I. Sam. 15,22. Jes. 1,11; 58,5 ff), einem Hillel, dessen zahlreichen Jüngern und vielen jüdisohen Gesinnungsverwaudten derselben. (Schlussartikel folgt.) בעשרה מאמרות Ein exegetischer Essay. Von Dr. J. Kohn, Rabbiner in Inowrazlaw. HI. ״Büoher haben ihr Schicksal“. Auch von einzelnen ״Sprüchen“ gilt dieses Wort. Ueber manches ״Wort“ breiten sich schon die Schatten der Vorgessenheit, ehe es die Welt noch recht verstanden und begriffen, Wiege und Grab des Wortes liegen da hart nebeneinander; manche Sprüche hingegen überdauern Jahrhunderte und Jahrtausende, und die spätesten Geschlechter führen sie mit einer Liebe und Freudigkeit im Munde, als lägen darin alle Weisbeits- Schätze der Welt tief verborgen. — So ist’s mit dem in Rede stehenden Spruche der Fall. Wohin wir uns wenden, überall finden wir die עשרה מאמרות In Rosch baschanab H2 a sagt der Talmud הני עשר מלכיות כנגד מי׳־, כנגד עשרה מאמרות. Wenn wir am Rosch haschanah Gott ״zehnfach“ als ״König“ huldigen, seine Regierung ״zehnfach“ rühmen und verherrlichen, so geschieht das nur, weil ״in zehn Entwiokelungs- Phasen die Welt geschaffen wurde“. — In Megillah 21,6 sagt der Talmud אין פודותין מ׳־י• פסוקים כנגד עשרה ״ .מאמרותWeniger als zehn Verse soll man aus der Thora nie vorlesen, weil doch die Welt auch in zehn Eniwiokelungsstufen vollendet wurde“. — Im Kolbo S. 2 heisst es: וכרוך שאמר יש בו עשרה ״ .פעמים ברוך כנגד עשיר מאמרות שכהן נברא העור׳Beim Morgengebet sagen wir zehnmal כרוך״» weil die Welt auch ״Zehn Höhen“ ersteigen musste, bis sie endlich die der Vollendung erstiegen“. Im Tur Oraoh Ch. 56 sagt Josef Karo, das Kaddisch-Gebet enthält zehn Ausdrücke des göttlichen Lobes und Preises: יתגדל ויתקדש ■ יתברך וישתבח ויתפאר ויתרומם ויתנשא ויתהדר ״ ויתעלה רתהללweil die Welt auch ״Zehn Stufen“ auf der Leiter der Vervollkommnung erklimmen musste, ehe sie vollendet dastand.“ Wie ist dieses scheinbar harmlose בעשרה מאמרות zu solcher Bedeutung, zu solchem Ansehen gelangt! Sollte es wirklich nnr die ״Dekade“, der Zufall, dass in der Schöpfungsgeschichte das Wort ויאמר zehnmal vorkommt, sein, der solch’ grossen Eindruck gemacht, das ״Wort“ so mächtigen Wiederhall finden Hess! Wir wissen ja aber, dass — worauf der Talmud schon aufmerksam macht — in der Schöpfüngsgeschichte das Wort ״ויאמר״ nur ״neunmal“ vorkommt, und die Zahl ״Zehn“ überhaupt nur eine ״runde Zahl*)“, wie ״Zehn Generationen“, ״Zehn Wunder“, *) Wir glauben in diesem ״כעשרה מאמרות״ überhaupt, Auklänge an die ״Pythagoräische Zahlenlehre“ zu finden, die als חכמה יונית“ uer offenbar sehr alten Mischnah nicht unhekannt war. — Was den Pytliagoräem die ״Zehnzahl“ gegolten, ist bekannt. — Sie war die Zahl der ״höchsten Vollendung“, ״das oberste Maassvorhähniss des Universums“. Philol. fr. 18 heisst es von demselben: ״Hohen Werth legten auch schon die alten Pythagoräer der die ganze Natur in sich begreifenden ״Zehnz&hl“ bei. Philolaus nennt jene gr03s, allgewaltig, und Alles vollbringend, Anfang und Führer in des himmlischen und irdischen Lebens“. (Örandis I S. 17J) . . . Der ganze fünfte ״Perek“, der vom Anfang bis zum Ende voll ״Zahlen“ ist, erinnert unwillkürlich an die ״Pythagoräische Zahlenlehre.“ — Die griechische Philosophie stand in Israel stets in hohen Ehren. ־ •יפת אלהים ליפת וישכק באהלי שס K.