Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 31. (29.7.1886)
- Date
- 1886-07-29
- Page
- Seite 121 (sequence 3)
- Language
- German
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— 121 Diese entgegengesetzte Ansicht lautet: כל מעשה בראשית בקומתן נבראו בדעתן נבראו בצביונם נבראו־ (Chullin fol. 60 a; Rosch Haschana fol. 11a) ״Alle Wesen sind in den Tagen der Schöpfung in ihrer vollen Grösse, in ihren Erkenntnissgraden *) und in ihrer vollen Schönheit geschaffen worden“. Wir hätten demgemäss gewünscht, dass Herr Dr. Kohn für den zweiten Theil seiner Behauptung jedenfalls eine vorsichtigere Fassung, die Form der Hypothese gewählt hätte. In Synhedrin fol. 38 b heisst es allerdings in Bezug auf den ersten Menschen: שתים עשרה שעות הוי היום שעה ראשונה הוצבר עפרו שניה נעשה גולם שלישית נמתחו אבריו רביעית נזרקה בו נשמה חמישית עמד על רגליו ששית קרא שמות וגר, allein es ist daselbst einzig und allein vom ersten Menschen, von Adam, die Rede; von der חוה hingegen heisst es שביעית נזדווגה לו. Auch ist die dort gegebene Mittheilung von dem ausserordentlich schnellen Wachsthum der Nachkommenschaft Adams gerade keine Stütze für die Lehre von der allmählichen Entwicklung der animalischen Wesen. Für den Kundigen also bedarf es keines besonderen Hinweises darauf, dass im Talmud uud Midrasch ״naturwissenschaftliche“ Ideei^ oder Theorien sich vorfinden; ob wir aber auch in dem Ausspruche von den עשרה מאמרות eine solche Idee erblicken müssen, das wollen wir nun untersuchen. Betrachten wir zunächst das sprachliche Moment. Ueber den Sinn des Schrifiverses את ה, האמרת היום lässt sich allerdings streiten; das Wort מאמר hingegen hat in der Sprache der Schrift und in der Sprache unserer Weisen keine andere Bedeutung, als die von ״Ausspruch“, ״Befehl“ oder ״Geheiss“. Im Buche Esther kommt dieses Wort zweimal vor: Cap. 2 V. 20 und Cap. 9 V. 32. An beiden Stellen kann es nur in der Bedeutung ״Befehl“ oder ״Geheiss“ genommen werden. Selbst der, dem ersten Anblicke nach, etwas schwer verständliche Ausdruck in der zweiten Mischnah des Tractates Jebamot עשה בה מאמר bedeutet nichts Anderes, als ״Rücksprache nehmen“, wie aus Mischna 7 in מעשר שני Cap. 4 erhellt (היה מדבר עם האשד. על עסקי גטה וקדושיה). Demgemäss bedeutet מאמר immer nur ״Ausspruch“, dann beziehungsweise auch ״Befehl“, ״Geheiss;“ späterbei den jüdischen Religionsphilosophen erhält es auch die Bedeutung ״Abhandlung“. Betrachten wir nun des Weiteren eine Stelle in Rosch Haschana fol. 32 a, die von den עשרה מאמרות handelt. Daselbst wird gefragt: הגי עשרה מלכיות בנגד מי? Darauf wird geantwortet: כנגד עשרה מאמרות שבהם נברא העולם• Gegen diese Bemerkung wird Einwand erhoben durch die Frage: הי ניהו ויאמר דבראשית ״?תשעה הויWelches sind denn dieselben? Die ויאמר, die wir in der Schöpfungsgeschichte verzeichnet finden, sind doch bloss neun? Dieser Einwand wird beseitigt durch die Entscheidung: בראשית נמי מאמר הוא וגד■ Wäre nun der Satz von den עשרה מאמרות eine ״naturwissenschaftliche“ Idee, so hätte die Frage *1 111 H!!soll llasclianali zur Stelle erklärt Kasolii sub voce לדעתן folgendes:שאלם אם חפצין להבראות ואמרו אין; in gleichem Sinne auch in Chullin 1. c. Wenn nun diese Erklürung, die immerhin einen mystischen Charakter hat, auch einzelnen im Talmud vertretenen Anschauungen entspricht, so bleibt doch noch schwierig, warum das בדעתן oder לדעתן nicht zu Anfang steht, der Zeit folge entsprechend. Da nun aber auch die Thiere orfahrungsgemkss verschiedene Grade der Intelligenz besitzen, da wir terner im Talmud Sätze linden wie השתא דעת בהמתו לא הוד, ידע וגד (Beracbot 1 a> temer Horijot b'la שאלו תלמידיו את רבי אלעור מפני מה הכלב מביר את קונו יחתול אינו מביר את קונו und dergl. mehr, so glaubten wir בדעתן, dem Geiste des Talmuds gemäss, mit ״Erkenntnissgrlule•• übersetzen zu können. nicht lauten dürfen: הי ניהו, sondern hätte etwaיlautea müssen: מגא הא מלתא דאמור רבנן oder auoh מגא הגי מילי ,מאי קרא. Die Frageform הי ניהו lässt ganz klar erkennen, dass der Nachweis des zehnten ויאמר verlangt wird, damit man, der Schritt gemäss, mit Reoht sagen könne ״ בעשרה מאמרות נברא העולםDurch zehn göttliche Befehle ist die Welt erschaffen worden“. Noch deutlicher geht dies hervor aus der Parallelstelle im פרקי דר' אליעזר Cap. 3 gegen Ende. Daselbst heisst es: בעשרה מאמרות נברא העולם ואלו הן ויאמר ויאמר לא.אלהים יהי אור, ראמר .. יהי רקיע טוב היות האדם לבדו. In dieser Parallelstelle wird nicht das Wort בראשית als ein besonderer מאמר aufgefasst, sondern es werden volle zehn ויאמר aufgezählt. Der Ausdruck ואלו הן zeigt doch klar, dass hiermit der Nachweis von zehn in der Schöpfungsgeschichte vorkommenden ראמר gegeben wird. Wir wollen weiter kein Gewicht darauf legen, dass nach der Auffassung des Herrn Dr. Kohn es in der Mischnah folgerichtig hätte heissen müssen אלא־ליתן שכר טוב לצדיקים ... ולהפרע מן הרשעים ... denn wir glauben in dem Vorhergehenden schon zur Genüge dargethan zu haben, dass diese Auffassung als eine unberechtigte angesehen werden muss. Fragt man nun aber, welches wohl die eigentliehe und richtige Bedeutung dieser Mischna sein möge, so glauben wir annehmen zu dürfen, dass in derselben die Idee der göttlichen Vergeltung in ihrer Berechtigung aus der Schöpfungsgeschichte nachgewiesen wird. Zur Begründüng dieser Auffassung wollen wir auf eine Stelle in Berescbith Rabba Cap. 10 hin weisen, die in gewissem Sinne eine Parallelstelle zu uuserer Mischna ist. Daselbst heisst es: מלאכתו. לא כן אמר ר׳ ברכיה בשם ר׳ סימון לא בעמל ולא ביגיע ברא הק״בה את עולמו ואת אומר מכל מלאכתו אתמה אלא להפרע מן הרשעים שהן מאבדין את העולם שנברא כולו בעמל ויגיע וליתן שכר טיב לצדיקים שהן מקיימן את העולם שנברא כולו בעמל ויגיע. Aus diesem Midrasch, der bloss eine anthropomorpbistische Färbuug hat, leuchtet, so zu sagen, ganz klar die Idee der göttlichen Vergeltung hervor und wird ihre Berechtigung dargethan. Aus welchem Grunde nennt Gott sein Werk ״ מלאכתוseine Arbeit?“ Weil mit diesem Worte zugleich das Recht Gottes ausgesprochen wird, diejenigen zu bestrafen, welche durch ihre Aufführung sein Werk, ״seine Arbeit“, zerstören und wiederum diejenigen zu belohnen, die durch ihr Verhalten für den weiteren Bestand desselben Sorge tragen. Derselbe Gedanke, nur aus einer anderen Quelle abgeleitet, ist auch, wie wir glauben, in der Mischna בעשרה מאמרות ausgesprochen. Warum gab Gott zehn Befehle, wie die Schrift erzählt, bei der Er- Schaffung des Weltalls? Konnte denn die Welt nicht durch einen einzigen Befehl Gottes entstehen? Es ist daraus das Recht Gottes abzuleiten, dass er diejeuigen bestrafen kann und muss, die aus Mangel an Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen selbst seiner zehn Befehle nicht achten und wiederum diejenigen zu belohnen, die in ihrer Lebensführung stets dessen eingedenk sind, dass das Weltall ins Dasein getreten ist בעשרה מאמרות. Pasewalk, den 28. Juni 1886. Die Kirchenväter in ihrem Verhäitniss zur talmudischen Litteratur und insbesondere zur Hagada. Zahlreich und mannigfaltig, iu Halacha und Hagada, in Dogmatik und Liturgie gleich eiuschlagend,