Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 31. (29.7.1886)
- Date
- 1886-07-29
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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120 — kostet es dein Leben. — Nicolaus versetzte: Ich weiss, dass früher alle Könige die Juden zu ihrem Glauben gezwungen heben: warum weicht nun Ew. Majestät davon ab? — Der König sprach: Wenn irgendetwas gegen seine Natur gezwungen wird, so wird es, wenn der Zwang aulhört, wieder zum frühem Zustande zurückkehren. So z. B. wird ein gen Himmel geworfener Stein wieder zurück zur Erde fallen Ebenso werden die Juden, wenn du sie zu deinem Glauben zwingst, nicht dabei bleiben, dagegen ist es möglich, dass du sie durch freundliche Worte zur Annahme unseres Glaubens überredest, wie der Tropfen, so schwach er ist, durch Ausdauer in den harten Marmor ein Loch bohrt. So kann die weiche Zunge auch das Herz, das ja auch nur Fleisch ist, durchdringen, etc. etc. Das Geschichtliche an diesem Bericht ist ziemlieh gleich Null. Einen spanischen König Peter, Enkel eines Alphons, gab es gar nicht. Wahrscheinlich ist Peter der Grausame, Sohn Alphons XI. von Castilieff gemeint, unter dem die Juden in der That eine ziemlieh günstige Stellung einnahmen. Allein dieser regierte 1350—1360 und nicht 1006. Die Anklage des Nicolaus verdankt ihre Entstehung wohl der Thätigkeit des Apostaten Nicolaus Donin, der die Talmud- Verbrennung in Paris 1344 so eifrig betrieb. — Doch abgesehen vom historischen Werthe dieses Berichtes haben wir darin die bekannte Fabel Bocaccio’s in der denkbar einfachsten Form. — Die Quellen, aus denen der Verf. des ״Soheerith Jsrael“ geschöpft bat, sind nicht bekannt. Bei den vielen Disputationen, zu welchen die Juden im Mittelalter über den Werth der Religionen gezwungen wurden, wäre es nicht unmöglich, dass die erste Idee zu dieser Fabel, etwa in der einfachen Form des ״Scheereth Jsrael״ in der That irgend einem Juden dazu gedient, sich aus der Schlinge zu ziehen, und dass Bocaccio, oder seine Quelle, die ursprünglich einfache Fabel nur erweitert haben. — Die vorliegende Fabel des ״Soheerith Jsrael“ hat zudem einen echt jüd. Charakter, indem sie die Möglichkeit zulässt, dass beide Edelsteine gleich an Werth seien, während die Bocaccio-Lessing-Fabel neben dem einen echten Ringe 2 sicherlich falsche constatirt. Das Judenthum hält ja unter den Monotheismen für jeden Menschen die Religion für die beste, in der er geboren und erzogen ist — also genau genommen, alle für gleichwerthig, nicht an sich, aber im Verhältniss zu ihren Bekennern. Auch erinnert die erste Antwort des Ephraim Sancho sehr an die erste Antwort, die Juda Hallevi im Kusari den jüd. Weisen dem König der Chazaren ertheilen lässt. Dr. J. Goldschmidt-Weilburg. Die Bedeutung der Mischnah Aboth V, I. ff. Eine Beleuchtung des exegetischen Essay’s des l)r. J. Hohn, in Litt.-Hl. No. 29 und 26. Von Babbiner Dr. M. Krakauer. Zu allen Zeiten waren die treuen Anhänger des Judenthums, welche ein tieferes gedankliches Verständniss seines geistigen Gehaltes zu erlangen oder dasselbe zu verbreiten bestrebt waren, von der klar erkennbaren Absicht geleitet, den Gehalt der einzelnen Lehren in Einklang zu bringen mit dem philosophischen Zeitbewusstseiu. Nur Jehuda Halevi bildet in dieser Hinsicht eine sehr bemerkenswerthe Ausnähme. Was beispielsweise, um gleich in medias res zu kommen, den Ausspruch unserer Weisen von den צשרה מאמרות anbelangt, so finden wir bei Jsak Arama den Ver.-uch, zu beweisen, dass mit den עשרה מאמרות die zehn Kategorieeu des Aristoteles gemeint sein müssen*). Arama will, wie sich aus seinen weiteren Ausführungen ergiebt, hinweisen auf das za• stündliche, beharrliche Sein der Dinge nach der von Gott festgesetzten Ordnung, welche niemals durch das religiöse und sittliche Verhalten des Menschen geändert werden könne. Es gäbe, meint er, ja auch keine Willensfreiheit, wenn unmittelbar nach den einzelnen Handlungen der Menschen das zuständliohe Sein der Dinge geändert würde, als sichtbares Zeichen göttlichen Zornes oder göttlicher Gnade. Wie berechtigt nun aber auch diese letzteren Erwägungen sein mögen, wir werden uns doch kaum bereden können, dass unsere alten Weisen mit der Lehre von den עשרה מאמרות wirklich die zehn Kategorieen des Aristoteles gemeint haben mögen. Ein solches Streben, die Lehren des Judenthums oder speciell die Aussprüche unserer alten Weisen in einem neuen Lichte, im Glanze zeitgenössischer Ideen zu zeigen, entspringt jedenfalls einer begeisterten Anhänglichkeit für das überlieferte geistige Erbe unserer Ahnen; ״ •אין לך אהבה כאהבה של תורהEs wirkt keine Liebe so beglückend, so beseligend auf das Gemüth des Menschen, wie die Liebe zur Thora“. Eine solche Liebe, verbunden mit ernster Forschung oder mit glücklicher Divination kanu oft Perlen geistiger Erkenntniss finden, die nicht nur einen unvergängliehen Werth besitzen, soudem auch geeignet sind, das Ansehen und die Werthschätzung des überlieferten geistigen Vermächtnisses bei den Zeitgenossen zu erhöhen und zu befestigen; aber wiederum gilt auch von dieser Liebe der Erfahrungssatz unserer alten Lehrer ״ .אהבה מקלהלת השורהDie Liebe überschreitet des Oefteren auch die richtigen Grenzen“. Von solcher Art waren die Erwägungen, die sich uns aufdrängten, als wir die, unstreitig von Scharfsinn und Geistesgewandtheit zeugenden Ausführungen des Herrn Dr. Kohn über die oben bezeichnete Mischna in Abot, zu Ende**) gelesen hatten. Herr Dr. Kohn will allerdings nur iu linguistischem Interesse mit dem Worte מאמרות einen neuen Begriff, den der ״Entwicklung“ oder der ״Phase“ verbinden; er will es dann den Pnilosophen oder den Naturforschem überlassen, die geistige Verwandtschaft des nach seiner Meinung in der bezeichneten Mischnah ausgesprochenen Satzes: ״In zehn Entwicklungsstufen ist die Welt geschaffen worden“ mit irgend einer wissenschaftlichen Lehre oder Hypothese von der Entstehung des Weltalls darzuthun; er selbst redet aber doch im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen von einer ״naturwissenschaftlichen Theorie“, die in der Mischna von den עשרה מאמרות enthalten sein soll, bei welcher es allerdings hauptsächlich auf den ihr innewohnenden ethischen Werth ankomme. Nun ist gar keine Frage, dass im Talmud und im Midrasch eine reiche Fülle ״naturwissenschaftlicher“ Ideen oder Theorien enthalten ist; ja es findet sich daselbst eine Ansicht, welche in schroffem Widerspruche steht zu der Behauptung des Herrn Dr. Kohn, ״Nichts in der Weit tritt sofort vollkommen und vollendet iu die Erscheinung.So ist es heute und so war es iu den Tagen der Schöpfung“. *) עקידת יצחק!בראשית שער ג׳) אמנם עדן המאמרות הוא חלוקת המציאות כמו שחלקו אותו החכמים האלהיים אל העצם ואל המקרה וחלקו המקרה אל ט־ קראו אותם י־ מאמרות וכן המאמרות הנה: העצם, הכמה,האיך, האנא ונו׳.. ולזה אמרו בעשרה מאמרות נברא העולם ונו׳. ״ (**Zu Endo“ ist dies. Essay noch nicht, es folgt noch ein Sehlussartikel, dessen Manuskript bereits iu unseren liiiuden sich belindet, und manche Punkte der obigen Abhandlung ebenfalls berührt. (Red.1