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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-07-08 · N° 28. (8.7.1886) · p. Seite 108

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 28. (8.7.1886)
Date
1886-07-08
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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— 108 - König Joschia vorgenommen, und in den Berichten hierüber (2. Kön. 12 uud 22) findet sich trotzdem kein Vermerk, dass der Tempel nach der Vollendung der Bauten eingeweiht wurde. Und der fromme Hohepriester Simon, ״der um den Tempel blos Gänge, gestützt von Pfeilern, gebaut“, und sonstige oberhalbliehe äussere Ausbesserungen gemacht hat, sollte gegen den herkömmlichen Brauch sich gemüssigt gesehen haben, deswegen ein pomphaftes ־Weihfest zu veranstalten? (Fonsetzung folgt.) Die Sprachen ־ Concession in der Mischnazeit. Ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: ״Gehört die Thoravorlesung zum Gottesdienst“! Von Rabbiner Dr. Kohn in Inowrazlaw. 11 קידיושא דסדרא (Schluss). Ohne den Ausdruck "״קידוש א דסדרא historisch und linguistisch hier erschöpfend erklären zu wollen — was bis jetzt noch Niemandem gelungen — wollen wir es doch nioht unterlassen, das Unserige zur Er■ läuterung dieses namentlich geschichtlich dicht verschleierten Momentes beizutragen. Die betreffende Talmudstelle (Sotah 49 a) lautet wie folgt: אלא על&א אמאי קא מקיים אקידושא דסדרא ואיהא שמיה רבא דאנדתא שני אופל צלמות ולא סדרים הא יש סדרים תופיע מאופל. ״Auf was (welchen Grundsäulen) ruht die Welt! Auf der ״Keduschah“ der ״Sidra“ und auf dem ״Kaddisch“ nach der ״Agada“ — denn es heisst (Hiob 10 22) ״Fin8temi88 des Todesschattens, ohne Ordnungen“ (Sedarim); wenn aber ja Ordnungen vorhanden, dann glänzt es inmitten der Finsterniss“. — Die hier zu erörternde Hauptfrage ist, was bedeutet ״Sidra“ in der Einzahl und was ״Sedarim“ in der Mehrzahl! Das Wort ״Sidra“ bedeutet in der Regel ״Lehrhaus“ und das jeweilige Oberhaupt der Schulen nennt man (Chulin 137 b) ״ ריש סידראOberhaupt der Sidra“. Wir finden aber auch das Wort ״Sidra“ in der Bedeutung von ״Bethaus“ — ״Rabbi Jonathan — erzählt der jerusalemische Talmud (Megilah 55 כח Edit. Zitomir) — ging vorüber an einem Bethause (עבר קומי סידרא) und hörte, wie die zur Thoravorlesung Aufgerufenen die übliche Benediction nicht sprechen etc. — Aus demselben Grunde, aus welchem das Lehrhaus Sidra hiess, wohl weil darin die סדרי משנה vorgetragen und gelehrt wurden, nannte man auch das Bet haus ״Sidra“ weil man in demselben סדר תפלה (Rosch haschanah 17 b) סדר ברכות (Rosch haschanah 32a) verrichtete.*) Auf diese zwei Stätten, Bethaus und Lehrhaus, (beide zusammen also in der Mehrzahl סדרים) wendet Rabba die Hiobstelle צלמות ולא סדרים an: ״giebt es kein Bethaus und kein Lehr haus — dann ist die Erde voll Todesschatten (Finsterniss)“ — giebt es aber solche Stätten (הא יש סדרים) für die ״Lehre“ und fürs ״Gebet“ — dann glänzt und leuchtet *es inmitten aller (sozialen und politischen) Finsterniss“. Von der Agadaund dem ihr folgenden ״Kaddisch“ (im Talmud immer nur unter dem Namen “אמן יהא שמי רבא" bekannt. S. Zunz. G. V. 345—50.) wissen wir aus unzähligen Stellen (Jalkut, Prov. 133 b. Jochasin f. 1.23 a ופותח ראש גלות ודורש . . ועומד החזן ואומר קדיש,) dass sie im Bethause ״vor dem Volke“, vor der ״grossen Menge“ vorgetragen wurden; dann aber wird קידושא דסידרא״“ als Gegensatz die ״Keduscha des Lehrhauses“ bedeuten; und auf dieser zwiefachen Heiligung des göttlichen Namens in *) Oder auch weil man darin die ״Abschnitte“ dev Thora — cheutalls Sidra genannt vorlas. (llod.) den ״Sedarim“ — im Gotteshaus und im Lehrhaus — auf ״Kadisoh“ und ״Kedusch;a“ ״ruht steht — die Welt“ sagt der politisch vielgeprüfte Rabba — (ofr. Aboda sarah 18.2) Ob diese Keduschah wirklich nach dem ״Lehrhause“ verlegt wurde — weil, wie Rokeach (H. Tefila) und Andere sagen (Siehe Beth Josef O. Ch. 132) "כשעת השמד" die übliche Kednscha (im Gotteshause) bei Todesstrafe verboten war! Wer vermag heute darüber etwas Bestimmtes za sagen! Die Einleitung zu dieser ״Keduscha“ ובא לציון נואל (Jesaja 59.20) verräth allerdings einen ernst düsteren Hintergrund, dessen einzigen Lichtpunkt die Hoffnung auf den ״Erlöser“ bildet. — Diese Kedascha de-Sidra ist in der merkwürdigen zweisprachigen Form, entstanden aus dem Responsorium zwischen Vorbeter und Gemeinde, als Erinnerung an eine bedeutungsvolle und ernste Zeit bis auf den heutigen Tag, als wesentlicher Bestandtheil des Gottesdienstes erhalten geblieben.**) Ein Unioum ist sie aber keineswegs, wir finden noch ein zweites Responsorium, das ebenfalls zweisprachig ist, und das ist das im Talmud oft erwähnte, und unter dem Namen “״אמן יהא שמי רכא gekannte Kaddisch-Gebet. — Die verschiedenen ״ Formationen“ dieses Gebetstüokes bezeugen alle, dass es aus hebräischen und aramäischen Elementen zusammenge8etzt ist, und man frägt sich, wozu nooh zum Schluss das hebräische עושה שלום״“ (Hiob 25.2) nach dem vorhergehenden aramäische יהא שלמא רכא; ebenso was bedeutet das hebräische יהי שמו הגדול מבורך (Berachoth 3.a Midr. Koheleth 109. b) nachdem nur das aramäische יהא שמה רבא מברך allgemein üblich ist! Un8erseligerLehrerOberrabb.Rappoport(Erech Milin s. v. 165 אפטרא) vermuthet, dass das hebräische ein späterer europäischer Zusatz zum ursprüngliehen morgenländischen Text wäre, da die Juden in Europa hebräisch besser verstanden haben, als aramäisoh; Andere meinen wieder, das Kaddisoh sei ursprünglioh hebräisch verfasst worden und erst später in’s Aramäische übersetzt worden. Unserer Ansicht nach ist das Kaddisoh, wie die Kedusohah, ein Responsorium zwischen Vorbeter und Gemeinde, (חזן וקהל)• Die Gemeinde nämlich sprach dieselben Sätze aramäisch, die der Vorbeter hebräisch gesprochen. — Also die Gemeinde sagte! aramäisch אמן יהא שמה וני, darauf der Vorbeter hebräisch — אמן יהי שמו הגדול, — die Gemeinde aramäisoh יהא שלמא רבא, darauf der Vorbeter hebr äisch עושה שלום וב׳. — Was uns diese Ansicht, dass Kaddisoh und Keduschah stets Responsorien zwischen Gemeinde und Vorbeter gebildet, als unumstösslich wahr erscheinen lässt, ist der Umstand, dass wir gerade bei diesen zwei Gebeten immer den Ausdruck ועונק finden. — Das Wort ענה bedeutet aber Wechselgesang zwischen den Einen und den Anderen (ofr. 2. B. M. 32.18 und Mendelssohn’s Commenta r z. St.). Hat aber in diesen Gebieten ein Wechselgesang zwisohen Vorbeter und Gemeinde stattgefunden, dann musste nothwendig auch die Verschiedenheit der Sprachen — (hebräisch und aramäisch) — die die beiden mitwirkenden Theile gesprochen resp. verstanden, zum Ausdruck kommen. — **) Dass die Erklärung des Maimonides (Hilchoth Tefilah Absch. il § 5) bezüglich dieser Keduschah nicht befriedigt, bedarf nicht, erst der näheren Auseinandersetzung. Maimonides sagt, der Vorbeter selber trägt erst die Keduschah in hebräisolier und dann in aramäischer Sprache vor, ״damit auch das ״Volk“ versteho;“ dann müsste er das bei der ganzen Tefilah thun; dann könnte er das schon bei der ersten Keduscha (in der Schemoneh Essreh) thun; dann könnten wir ja heute das Targum in der Keduschah weglassen, da das ״ Volk“ heute Targum noch weniger versteht, als das Hebräische. K.

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