Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-07-01 · N° 27. (1.7.1886) · p. Seite 105

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 27. (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
Seite 105 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492408-5990841-5991155--0954-5368235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 105 — Was für Bewenden es mit der״Keduscha de-Sidra“, ä. i. die hebräische Kednscba mit aram. Uebersetzung, 1hat, wird aus einer Stelle in Tosefta (Zuckermandel Berachoth 8. 2) recht klar. Da heisst es: אק צונין צם המברך רייהודה היה עונה עם המברך קק׳ק׳ וכו וברוך כבוד וכו d. h.: Es gab in alter!seit dreierlei Gebete: Eines, das die Gemeinde allein ohne Yorbeter verrichtete, d. L das ״Schema “*Gebet. Eines, das der Vo r b e ter allein mit# lauter Stimme verrichtet, während die Gemeinde es unter lautloser Stille anhörte — das war die ״Tefillah“ oder ״Sohemoneh Essreh“ — fernerein Gebet, das von Gemeinde und Yorbeter zu gleicher Zeit abwechselnd gebetet wurde, und das war die Ked u8ch ah (S. Megillah, Perek 4. M. 3, Tossef. Jomtob z. St.). Das ist der Sinn der citirten Tosefta. Mit dem Yorbeter darf Niemand mitbeten. Der Vorbeter betet und die Gemeind schweigt und hört (Maimonid. H. Tefilah Per. 8. Halacha 4—9), nur die Kedusoha beteten Vorbeter und Gemeinde abwechselnd zu gleicher Zeit. Nun aber haben wir heute zwei Formationen der Keduschah vor uns. Die Ur-Kedusoha in reiner hebräischer Sprache — wie sie aus den Versen des -Jesajas und Jecheskel entstanden — und ferner die ״K’duscha de Sidra“, Urtext mit aramäischer Ueber- Setzung. Wie ist diese zweite Keduscha entstanden? Es giebt darüber verschiedene Ansichten; der Rokeach (H. Tefilah) meint: בשעת השמד in einer für Israel unheilvollen. Zeit. Soviel ist sicher, dass sie in einer Zeit entstanden, wo man die hebräische Sprache nicht verstanden und das Volk, soweit es am Gottesdienst aotiv betheiligt war, Alles in aramäischer Sprache sprechen musste. Wenn daher der Vorbeter den Vers aus Jesajah (VI, 3) וקרא זה אל ודי, ואמר קדוש in hebräischer Sprache vorgetragen, antwortete das Volk mit der Taguam-Uebersetzung dieses Verses p ומקבלין מן דן ואמרין רדיש וכי und wenn der Vorbeter den zweiten Vers (aus Jecheskel 3.12) in hebräischer Sprache vorgetragen, da antwortete wieder die Gemeinde mit dem Targum ונטלתני רוחא וכו und auf die Worte des Vorbeters aus Exod. 15,18 י״י ימלוך לעולם ועד antwortete die Gemeinde mit dem Targum יי מלכותיה קאם לצלם וכד. Dieses die Entstehungsgeschichte dieser ״Keduschah de-Sidra“. Das aus genannter Tosefta gewonnene Resultat ist also folgendes: Alle Gebete mussten nothwendig einsprachig sein. Die Gebete, die man ohne Vorbeter verrichtete, waren entweder hebräisch oder griechisch — בכלידשק, in jeder Deliebigen, dem Volke verständlichen Sprache —; die Gebete, die der Vorbeter ohne Gemeinde verrichtete, die von Esra und Genossen begründete ״Schemoneh Essreh“ wurde nur in hebräischer Sprache verrichtet (siehe Maimonid. H. Tefilah Perek 1. H. 4), denn der Vorbeter musste zu allen Zeiten 80 viel Hebräisch wissen, dass er dieses Gebet in der heiligen Sprache vortragen konnte. Die abnorme Erscheinung, dass ein und dasselbe Gebet in zwei Sprachen verrichtet wurde, kam nur bei dem vom Vorbeter und der Gemeinde zugleich verrichteten Gebote der Kedusch ah vor, welche der Vorbeter, der hebräisch verstand, in dieser Sprache vortrug, während das Volk aus Unkeuntniss der hebräisohen Sprache das vom Vorbeter Gesagte in aramäischer Sprache wiederholen musste. Das ist alles so einfach, so!natürlich. — Und warum wundert sich denn Herr Dr. Ehrenfeld darob so sehr? Warum zieht er daraus Schlüsse, die jeder soliden Basis entbehren? Und nun noch ein Wort über die etwas dunkle Be- Zeichnung קידושא דסדרא. (Schluss folgt.) Zur Erinnerung an S. L. Steinheim. ״Aus den Papieren eines ergrauten Apothekers* von Heinrioh Zeise entnehmen wir Folgendes über seinen einjährigen Aufenthalt in Altona: ״Unter den dortigen Aerzten erfreute sich damals der Dr. Salomon Levi Steinheim eines sehr geachteten Namens, er war am 6. August 1789 za Bruohhausen geboren, hatte im Jahre 1811 in Kiel promovirt, und Hess sioh dann als Arzt in Altona nieder. Hier zeiohnete er sioh besonders im Jahre 1814 aus, indem er den von Davoust aus Hamburg Vertriebenen, unter welchen ein pestartiges Fieber ausbraoh, die aufopferndste Hülfe leistete. Steinheim veröffentlichte verschiedene medicinisohe sowie naturwissenschaftliche Abhandlungen, doch war er gleichzeitig ein Verehrer der Poesie und edirte einige Schriften in dieser Richtung. Wir wollen hier nur seiner Dichtung ״Sinai, Gesänge von Obadiah, dem Sohne Arnos“, ferner ״Gesänge Obadiah’s aus der Verbannung“ hervorheben. Steinheim, welcher in unserer Familie Hausarzt war, hatte mir stets ein freundliches Wohlwollen erwiesen, und als im Winter von 1841 auf 42 in seiner Wohnung sogenannte litterarische Thee’s stattfanden, lud er mich mehrfach zu denselben ein. Hier wurde mir der Genuss zu Theil, die ersten dramatischen Arbeiten Gutzkow’s vorlesen zu hören, sowie Dr. As sing, dessen geistreiche Töchter, L.ud milla und Ottilie, sowie schliesslich Thorwaldsen zu sehen, der, von Italien heimkehrend, einen Abend auf der Donner’- sehen Villa zugebracht und bei seiner Rüokkehr nach Hamburg in dem Steinheim’schen Hause vorspraoh. Steinheim bewohnte zu jener Zeit ein Haus an der Südseite der Palmaille. Dr. Steinheim verliess um die Mitte der vierziger Jahre Altona und wandte sioh nach Rom; er kehrte im Jahre 1855 aus Italien zurück, und ich hatte damals häufig Gelegenheit ihn zu sehen und zu sprechen. Seine Bibliothek lagerte in meiner elterlichen Wohnung, und er wünschte, sich derselben zu entäussem, er nahm Buoh für Buch in die Hand, ein jedes wehmüthig betrachtend, und ich sah ihm deutlich an, welchen Schmerz es ihm verursachte sich dieser litterarisohen Schätze zu entäussern, aber schliesslich übergab er Alles für einen höchst mässigen Preis einem Altonaer Buchhändler. Im Jahre 1865 sah ich Dr. Steinheim zuletzt, er hatte Kopenhagen besucht und berührte auf seiner Rückkehr Altona; er war lebhaft und mittheilsam, sein weisses Haar wallte ihm auf die Schultern hernieder und, Abschied nehmend, äusserte ich: dass wir uns jetzt wohl zum letzten Male gesehen hätten (wenn ich nicht irre, begab er sioh wiederum nach der Schweiz), worauf erlachend erwiderte: das könne Keiner wissen. Meine Ahnung aber hatte mich nicht getäuscht, im nächsten Jahre traf die Nachricht ein, dass er am 18. Mai in Zürioh verstorben sei. Dr. Steinheim ruht auf dem israelitischen Friedhof in Altona; der Grabstein, aus Marmor, trägt auf der Vorderseite in hebräischer Sprache nachstehende Inschrift: ״Höre, Israel, der Ewige, dein Gott, ist eia einiges Wesen“. Ueber diesen Strophen ist in dem Grabstein eine Kanne, das Levitenzeichen, ausgehauen. Auf der Rückseite des Steines befindet sich folgende Inschrift: Hier ruhet der Arzt, Dr. raedicin. Salomon Lovy Steinheim. Ein Denker und Dichter, geh. zu Bruohhausen 14 Ab 554‘J. gost zu Zürich 4 Sivan 5621!. ,Sein Pilger hier, und dort Sein Bürger einst“. So wandelt er still in Demuth, Seinen Stamm lehrend überall.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.