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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-07-01 · N° 27. (1.7.1886) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 27. (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
Seite 106 (sequence 4)
Language
German
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— 106 — Steinheim lieferte auch manches Gedioht für Gntzkow’s ״Telegraphen“, und namentlich erinnere ich mich einer trefflichen Dichtung, i,< er an Henrik "Wengeland gerichtet, der dafür kämpfte, «lass den Israeliten der Zutritt in Norwegen gestattet werde. Aus einem Artikel: ״Hamburger Abende“, aus den Erinnerungen eines Alten, welchen die ״Hamburger Jahreszeiten“ von 1874 brachten, möge Nachstehendes hier noch Platz finden: ״In welcher Ge- Seilschaft ich mich befand und bewegte, das wird aber der Theaterzettel sagen, den ich als Reliquie anfbewabrt habe: Den 7. Februar 1841: ״Clavigo“. — Clavigo, Herr Kirchner. Carlos, Herr Dr. Gutzkow. Beaumarchais, Herr Riesser. Guilbert, Herr Dr. Steinheim. Buerco, Herr Wilh. Saint Georges, Herr Mon6arto. Bedienter, Herr Hagen. Marie Beaumarchais, Frau Amalie Gutzkow. Sophie Guilbert, Frau Steinheim, u. s. w. Es waren Abende und Menschen, wertb, dass man ihrer gedenkt. Karl Gutzkow in der ganzen herben Kraft des frischesten Mannesalters, dessen Schwelle er eben betreten hatte, neben ihm seine heitere, sanfte Gattin, welche immer aussah wie ein knospendes Mädchen. Das Lesekränzchen alternirte: es wurde einmal in der Gutzkow’schen Wohnung, «las andere Mal in derjenigen des Dr. Steinheim abgehalten. Diese lag in Altona, ein einstöckiges, weitläufiges Renaissance-Gebäude, von dessen Fronten die eine nach der Elbe, die andere in den Garten blickte. Steinheim, früher Arzt, jetzt in behaglicher Ruhe eines reichen Besitzes sich erfreuend, war ein hochgebildeter Mann, in der Litteratur daheim wie Wenige, sprachgewandt; vor Allem aber ein tiefer Kenner und leidenschaftlicher Freund der Musik. Er hat nicht nur den Text zu verschiedenen Oratorien geliefert — z. B. zu Ferdinand Hillei’s ״Zerstörung von Jerusalem“ — sondern solche und Anderes auch selber componirt. Seine Gattin, eine stille, receptive Natur, verband die besten Weltformen mit anmuthender Häuslichkeit. Damals stand die Emancipation der Juden auf der Tagesordnung der Welt in Hambürg; Steinheim war einer ihrer glänzendsten Verfechter, ward aber weit überholt von einem anderen Mitgliede des Gutzkow’schen Lesekränzohens, seinem Freunde Gabriel Riesser. Becensionen. Die jüdischen Kolonien in Russland. Kulturhistorische Studie und Beitrag zur Geschichte der Juden in Russland. Nach den Berichten des russischisraelitischen Journals ״Woschod“ und nach eigenen, in den russisch-jüdischen Kolonien selbst gemachten Beobachtungen bearbeitet von Julius Elk. Verlag von J. Kauffmanu, Frankfurt a. M. 1886. (4 Mark.) ״Die Veröffentlichung dieser Arbeit,“ sagt Verf. in der Vorrede, ״soll die Aufgabe erfüllen, auch im deutschen Lande eine erhöhte Theilnahme für die russische Judenschaft hervorzurufen, und hegt der Unterzeichnete die feste Hoffnung, dies von ihm erstrebte Ziel erreicht zu sehen“. Wir theilen mit dem Verfasser den Wunsch, dass er das angedeutete Ziel erreichen möge. Ja, wir mü3sen gestehen, dem Gros des deutschen, ja dem Gros des gesammten Judenthums überhaupt, ist der russisch-polnische Jude nicht sympathisch. Hervorgerufen ist diese Antipathie durch verschiedene Umstände, einerseits durch die gewerbsmässig betriebene Wanderbettelei, durch welche das russisch ־ polnisohe Judenthum für viele Gegenden gerade zu einer Landplage geworden ist, andererseits durch dessen theilweise Annahme russischer National- Tagenden, resp. -Untugenden, als Unredlichkeit, Unreinlichkeit etc. Doch diese Abneigung, zum Theil begründet, zum Theil unberechtigtes Vorurtheil, verschwindet bei der Lektüre vorliegenden Werkes. Die Schilderung der systematisch betriebenen Verfolgung und Bedrückung, der entsetzlichen Leiden der russisehen Juden seit Jahrhunderten, der Ausschliessüng־ derselben von jeder gewerblichen Thätigkeit, mit alleiniger Ausnahme des Schacherhandels, ist wohl geeignet, unser grösstes Interesse und Mitleid zu erregen. Beim Beginn dieses Jahrhunderts hatte das Elend der russischen Juden eine solche Höhe erreicht, dass eine Steigerung desselben schlechterdings kaum noch denkbar war. Kaiser Alexander I. und sein Nachfolger Nikolaus I., von den besten Absichten geleitet, fassten den Plan, zuerst in Sibirien, dann in Südrussland jüd. ״Ackerbau - Kolonien“ zu errichten. Von grösstem Segen hätten diese Pläne für die jüd. Bevölkerung Russlands werden können, hätte nicht das feile, bestechliche russische ßeamtenthum — die im Volksmunde sogenannte ״russische Wirthschaft“ — deren Verwirklichung vereitelt. In objektiver Weise, an der Hand offizieller Berichte, schildert der Verf., wie man zuerst Jahre hindurch die jüd. Familien, die inzwischen Hab und Gut veräussert hatten, um sogleich nach den zu gründenden Kolonien aufbrechen zu können, warten Hess, bevor man sie beförderte, so dass sie infolgedessen der bittersten Noth preisgegeben waren, wie die Gelder, mit welchen die Juden behufs Anschaffung von Ackergeräthen eto. subventionirt werden sollten, statt dessen in die immer leeren Taschen der Beamten wanderten, und welch entsetzliche Armuth bald über die jüd. Kolonien hereinbrach. Doch mit dem Jahre 1846, in welchem Kaiser Nikolaus den verdienstvollen Kisselew — russ. Domänenminister von 1838—56 — mit der Reorganisation der jüd. Kolonien beauftragte, trat eine Wendung zum Besseren ein und gegenwärtig befinden sich dieselben, wie der sachkundige Verfasser nachweist, in ziemlich gutem Zustande. Das Alles muss man in dem mit grosser Saohkenntniss geschriebenen Werke selbst nachlesen, das auch recht viel des Interessanten für Denjenigen bietet, dessen Herz für seine nach Verbesserung ihrer Zustände strebenden Glaubensgenossen warm schlägt. Steinhardt. Notizen. 1. Was ist die von Horaz erwähnte Tricesima sabbata? Das Jewish Chronicle vom 8. Juni bringt die Lösung des Herrn Francis, Herausgebers der Satiren des Horaz, (1. 6. 9. Satire Zeile 09), dass, da das jüdische Jahr mit dem 1. September (?) beginnt, bis zum 15. April 00 Wochen verstreichen, weshalb denn Horaz dies d. h. das Passahtest den 30. Sabbat nenne. — Wenn nun auch die Feiertage als ״Sabbat“ bezeichnet werden, so scheint «ms dies nicht zutreffend, weil im jüdischen Jahr nicht immer 30 Wochen vom 1. Tischri bis 1 zum 15 Nissan verlauten, es ist dies nur in einem Schaltjahre der Fall; wenn man aber den Nenjahrstag, den Versöhnungstag, das Jjaubhiittenfest und Schemini Azereth hinzurechnet, 80 trifft der 30. Sabbat auf den שכת הגדול, der bekanntlich schon zur Zeit des Bestandes des Tempels, auch später, zur Zeit der Akademien, ein Versammlungstag für die Gelehrten (כלה) war. Daher kommt es, dass auch in der Christliehen Kirche der Samstag vor Ostern Sabbatum magnuin heisst. Dies dürfte also dem tricesima sabbata des Horaz entsprechen. — Oder weiss Jemand eine bessere Erklärung V Kmg. 2. James Darmstetter weilt gegenwärtig in Afghanistan, um dann nach Persien zu gehen׳, er beabsichtigt nebst seinen linguistischen Studien auch die Geschichte und Sitten der Beni Israel und der Cochin-Juden zu studireu. Verantwortlicher Kedacteur Dr. Kahmer Magdeburg. Druck von D. L. Woltt, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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