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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-06-17 · N° 25. (17.6.1886) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 25. (17.6.1886)
Date
1886-06-17
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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96 Gebiet als der Kunst nützlich und förderlich betrach־ tet werden. Sie haben ihr sowohl durch geschickte Handhabung ihres Materials gedient, als sie zu ihrer Verbreitung und Verallgemeinerung beitrugen. Wer weiss, wie es um die Musik heute noch stände, wer weiss, ob man den Geist unserer grossen Meister besser als zu ihren Lebzeiten begreifen würde, ohne den eindringlichen und beharrlichen Sinn der Glieder dieser Nation, welche Geschmack und Schätzung für sie durch Interpretiren auf ihren Instrumenten oder durch Gommentiren und Becensiren ihrer Werke verbreiteten? Ihre Thätigkeit hat das allgemeine Interesse auf diesen Punkt gelenkt, die christliche Habgier zum Wetteifer gereizt und Alles in Allem genommen ist ihnen unsere Kunst eher zum Danke verpflichtet, da es sehr zweifelhaft bleibt, ob sie ohne ihre Dazwischen* kunft eine so reiche Blütiie erlebt hätte. Ihre Theil* nähme an diesem Fache hat die Kunst mit grossen Talenten und Namen von hellem Klange bereichert, es wäre demnach weder ehrlich noch würdig, ihre ausserordentlichen Erfolge im Ganzen bestreiten oder verkleinern zu wollen.“ Im Verlaufe des Kapitels spricht Liszt noch über die originelle Produktivität der Juden in der Kunst und spricht ihnen eine solche aut ihrem eigenen Gebiete ab. ״Die Israeliten konnten keine neuen Weisen erfinden, denn sie sangen niemals ihre eigenen Gefühle. Ihr langes Verschlossenhalten des Edelsten, was in ihnen lag, ihre Religion des Schweigens gestatte ihnen nicht den Aufschwung ihrer Seele, das TU”gk; hres Herzeus, d&s Bsbsu i h. r 0 r Lsidsnschait dieser idealen Sprache anzuvertrauen. Sie wagten nicht, die von ihren Vätern so misstrauisch verhüllten Saiten schwingen zu lassen. Sie wagten nichts zu erzählen von ihren langen Drangsalen, ihrem Elend, ihren Beschwerden und verhaltenen Drohungen, von ihren heiligen Verheissungen, von ihrem Vertrauen auf Jehova , ihrer Gewissheit, wiederzusehen den Berg Sinai und den Berg Horeb, wieder einzuziehen in das Land der zwölf Stämme, wieder zu umfassen die gesegnete Erde und Freudenthränen zu mischen in die Ströme des Kedron, mit dem Schrei des Adlers vom Libanon ihr Jauchzen zu vereinigen über das wiedergewonnene Jerusalem, das grosse, heilige! Sie ver• trauten nichts von ailedem irgend einer Kunst an, die den Heiden einen Begriff von ihren Glaubensmysterien hätte geben können, welche sie unsern Spott und Hohn drohenden Blicken so sorgsam entzogen. So besteht weder Architektur, noch Malerei, noch Dichtung, noch Musik, welche man als ihre nation ale betrachten könnte, welche die innerste Anschauung dieser Menschen ausspräche, die kraft eines erzenen Glaubens, einer übermenschlichen Macht des Höffens ihre dunklen Tagen mit einem andern Augen nicht wahrnehmbaren Scheine vergolden.“ Ich glaube, dieser Ansioht widerspricht unsere gesammte Psalmenlitteratur und unsere neuhebräisehe Poesie. Hat je ein Volk die Sehnsucht und Hoffnung seines Herzens, die Leidenschaften seiner Seele in schönem und edlern Weisen wiedergegeben, als der jüdische Stamm in seinen Psalmen und religiösen Poesien? In Bezug auf die Malerei und Architektur und die übrigen freien Künste haben wir Juden an den allgemeinen Aufgaben der Kultur theilgenommen und d3s gereicht dem jüdischen Geiste doch nur zur Ehre. Aber interessant ist doch die letzte Bemerkung Liszt’s, denn während die einen es uns zum Verbrechen anrechnen, ,dass wir unsere Synagogen in maurischem Styl erbauen (siehe de Lagarde, Deutsche Schriften II, 27) und nicht in gothisch-romanischem, und uns dadurch den Ehrennamen eines Deutschen streitig machen, tadelt uns Liszt, dass wir keine, speziell jüdischnationale Architektur geschaffen. In schönen und ehrenden Worten gedenkt Liszt der ״ Künstlerorganisation“ Sülzers und des durch ihn geleiteten Gottesdienstes, dem er am Kolnidre-Abend in der Wiener Synagoge angewohnt. Es ist immerhin schön, wenn in einer Zeit, wie die gegenwärtige, ein Mann wie Liszt, wenn auoh nicht immer mit voller Sachkenntniss, doch immer mit Unparteilichkeit, den Kunstleistungen der Juden in so schönen Worten feiert; es macht diese Art der BeurtheiluDg und Auffassung seinem Herzen und seinem Christenthume alle Ehre und ehrt den Kritiker eben so sehr wie den Gegenstand seiner Kritik. Dr. Blumenstein, Luxemburg. בעשרה מאמרות Ein exegetischer Essay. Von Dr. J. Kohn, Rabbiner in Inowrazlaw. Die erste Mischna des 5 Abschnitts der Pirke Aboth bedarf sprachlich und sachlich der Erklärung; versuchen wir zuerst das Wort und dann die Sache zu ergründen. Alles was da ist, ist entwickelungsfähig und entwickelungs be dürftig. Nichts in der Welt tritt sofort vollkommen und vollendet iu die Erscheinung; alles steigt auf dem Wege allmählicher Entfaltung und Vervollkommnung von Stufe zu Stufe immer i höher und höher, bis e»• endlich den höchsten | Gipfel der Vollendung erklommen. So ist es heute I nnH an ץ70ס oq רון Han To*rar! Ha«• ft/*V»fvnfrmor Hann nicht mit einem Male ist die Welt entstanden, sondern בעשרה מאמרות״“ in zehn Entwickelungs- Stufen, die eine Stufe immer höher, als die andere, ging die Welt, die Schöpfung der Welt, ihrer Vollendung entgegen. . . Wir bringen das Wort "3=־ “מאמרות Stufen oder Höhen mit את ה׳ האמרת du hast Gott erhoben (Deut. 26. 17) und mit ״ ״בראש אמיר״an der Spitze des Wipfel8“ (Jes. 17. 6) in Verbindung, und wollen zur Begründung unserer Ansicht auch jene sch wier i g e n Stellen in Deuteronom näher ins Auge fassen! Jbn Esra bringt darüber zwei Meinungen. Seine eigene ״dn hast Gott erhoben“ wie ״בראש אמיר״ an der Spitze des Wipfels. Ihm folgt Nachmanides "ורוממתם אותו“. Jehuda Halewi aber übersetzt ״du I hast Gott sprechen lassen“. (Ihm folgt Gesenius! im Thes. ״tu hodie dicere fecisti Dominum“). Wir glauben, man braucht nur auf die ursprüngliehe Bedeutung des Wortes אמר״“ zurückzugeheu, um zu erkennen, dass in האמרת״“ Beides, sprechen und erhöhen zugleioh enthalten ist. — Was heisst ״sprechen?“ Einem Gedanken, den wir innerlich hegen, einen klarenund aller Welt verstand liehen Ausdruck verleihen./— — Ich sage klar und verstündlich, denn auch der Stumme, auch das Kind kann durch Geberden, pantominisch,;durch Lallen seinen Gedanken Ausdruck verleihen, aber nur mangelhaft, unvollkommen; אמר״“ bedeutet aber die Ideen, den Gedanken vollständig klar, aller Welt begreiflich zum Ausdruck bringen, und nicht halb und dunkel —daher "־“ לאמר■so und nicht anders. Gehen wir einen Schritt weiter. Die Gottes-Idee ist 80 alt, als die Menschheit besteht! Es giebt kein Volk auf Erden, in dessen Inneren die Gottesidee nicht latent vorhanden wäre; es kommt■ nur darauf an, wie die verschiedenen Völker dieser Idee Ausdruck verleihen, wie sie die Idee in die Erscheinung treten lassen. Der Fetisch-Verehrer, der Götzendiener, der Thier- und Feuer-Anbeter, in alleu lebt die Gottesidee wie im intelligentesten Menschen, aber sie bringen diese Idee so unvollkommen zum Aus- 1

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