Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 23. (3.6.1886)
- Date
- 1886-06-03
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
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— 89 — ein Kalender des Jahres 1723) תפג), gedruckt zu Wilmersdorf, Kunde giebt. Die Rückseite des Titels enthält gegen das Gesetz der Thora לא תעוננו und gegen das Verbot des Talmud in grossen Lettern und in hebräischer Sprache folgende abergläubische Behauptung: ״Diese Tage eines Monates sind gut, um an denselben von einem Orte nach dem andern und 11. 15. 16. 19. 21. 27. und 29. Aber der 1. des Monats, so wie der 3. 10. und 25. sind nicht gut“. So wurde ein unschuldiger Kalender, der in erster!Reihe nur religiösen und bürgerlichen Zwecken dienen sollte, gleichzeitig dazu bestimmt, den Aberglauben unter dem Volke zu verbreiten. Welcher fromme Jude wird heute bei dem Anblicke solcher Erscheinungen nicht begeistert in den Lobspruch einstimmen:!ברוך שהבדילנו מן התועים ונתן לנו תורת אמת! Litteraturbericht. Recensionen. Deutsch, G. D. Die Symbolik in Cultus und Dichtung bei den Hebräern. Vortrag gehalten im Vereine für die Wissenschaft des Judenthums zu Prag, Commissions-Verlag von B. Epstein. Der Reinertrag ist dem israelitischen Proseminarvereine gewidmet. 22 Seiten in 8°. In den Rahmen eines kurzen Vortrages die Symbolik in Cultus und Dichtung zu behandeln, dazu gehört ein Lakonismus und eine Präcision des Ausdrnckes, der die Lacedämonier weit in den Schatten stellt. Aber schon der Versuch ist dankenswerth. Die Sprache ist fliessend und mit geistvollen Bernerkungen und Complimenten, die den Schalk vermuthen lassen, gewürzt. Auf Einzelheiten wollen wir nicht eingehen. Nur ein Punkt sei hier erwähnt. Seite 13 lesen wir: Die Auslegung des Satzes: Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israels aus dem Lande Aegypten, an diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai’s (2. Mos. 19,1) lässt riel eher vermuthen, dass es der fünfzehnte des 3. Monates gewesen sei, an welchem die Offenbarung angekündigt wurde“. Ich greife mit Absicht diese Stelle heraus, weil dadurch gleichzeitig ein Irrthum in Grätz, Monatsschrift 1885 p. 136 berichtigt wird. M. Schreiner in seinem Aufsatze: ,Al Jakubi über den Glauben und die Sitten der Juden“ schreibt: Dann haben sie (die Juden nämlich) ein Fest am 16. Tag des Haziram (Siwan), an dem die Thora Musa offenbart wurde“. Schreiner nennt dies einen Irrthum und eine Verwechselung (ibid. p. 136 Anm. 4.) Dooh ist keines von beiden der Fall. Im Buche der Jubiläen, die von Dr. S. Rubin in ein herrliches Hebräisch übertragen wurden, lesen wir im ersten Verse des 1. Capitel ויהי בשנה הראשונה לצאת בני ישראל מארץ מצרים בחדש השלישי בששה עשר בו וידבר יי׳י אל משה לאמור■ Dr. B. Beer’s Arbeit über das Buch der Jubiläen (1056) und Rubin’s Einleitung p. XXV, sowie Schreiner’s Notiz in Grätz’ Monatssohrifc 1885 . 136 zeigen, dass die Feier des Woohenfestes ei einigen Sekten des Judenthums nicht am 6. und 7. sondern in der Mitte des Monates Siwan stattfand. Dass dieses gegen die Tradition, gegen die Lehre der Pharisäer war und zwar ostentativ, zeigt gleichfalls Rubin (1. c.), indem er sagt ואם כן לא מנו השבעה שבועות ממחרת הפסח כדעת הפירושים. — Dr. Deutsoh ist den Lesern des Litteraturblattes durch seine tieissigea Beiträge wohlbekannt, und da der Reinertrag der Schrift einem edlen Zwecke gilt, kann diese Schrift, deren Ausführung und Vollendung eine hoch verdienst! iche Arbeit wäre, bestens empfohlen werden. Horowitz, Dr. M., Rabb. in Frankfurt am Main. Jüdische Aerzte in Frankfurt am Main. Beilage zum Jahresbericht der isr. Religionsschule. Kornmissions-Verlag von J. Kaufmann 1886. 40. S°. Dr. Horowitz arbeitet rastlos an einer Gesohichte der Juden in Frankfurt a. M., schon liegen 3 Hefte ,Frankfurter Rabbiner“ aus seiner Feder vor, und nun werden wir mit den bedeutendsten Aerzten und Aerztinnen (p. 9) bekannt gemacht. Joseph Salomon Delmedigo war auch in Frankfurt a. M. Arzt. Von allgemein historischem Interesse ist der Nachweis H.’s, dass die von Grätz’ dem Delmedigo vorgeworfene Stelle im מכתב אחת nicht von diesem, sondern von einem Geschichte machenden Karäer ä la Firkowitsch herrühre. Nicht minderes Interesse bietet p. 27 der Ausspruch des Frankfurter Rath’s, ,dass die .luden sich nur natürlicher Mittel“ bedienen könnten, d. h. dass die Zauber mittel ihnen unbekannt. Mit Recht schreibt H den Aerzten einen bedeutenden Antheil an der Judenemancipation bei, er schliesst diese Arbeit mit den Worten: Dort, wo der Mensch dem Menschen näher trat, verständigten sich zuerst die Herzen und diejenigen, die ihrem Glauben und ihrem Stamme getreu, ihrem Gotte dienten als ״Heiler der Kranken“, dienten zugleich ihren Brüdern als ״Befreier der Gefesselten“. Rmg Seherschewski, Dr. Benjamin. משגת עולם קטן מסכת נתוח Jerusalem 1886. VI u. 70 S. Kl. 8°. Was der Verf. den Lesern bietet, ist nichts Geringeres, als die descriptive und topographische Anatomie des Menschen in vollkommener Congruenz mit den Benennungen und Angaben der zünftigen, modernen Speoial-Wissenschaft- Bewegt sioh der Verf. auf einem für die hebr. Litteratur ganz fremden Gebiete? Durchaus nicht. Viele anatomische und pathologisoh - anatomische Angaben registrirt der Talmud und recipirt die rituelle Norm. Jeder Sachkundige kennt ad hoc den Tract. Chullin als wichtigste und klassische Primär-Quelle. Sollte man einwenden, diese Angaben kämen ausschliesslich oder doch hervorragend der Thierarzeneikunde zu Statten, so braucht man nur auf die 8. Mischnach des Tractates Oholot zu verweisen, welche ausschliesslich und summarisch die Gliedmassen des menschlichen Körpers zählt. Diese Misohnah ist von eminenter Wichtigkeit, weil sie unzweideutig beweist, dass man in Kreisen der Misohuahlehrer sioh mit dem Seoiren menschlicher Körper, mit Osteologie und Anatomie, eingehend beschäftigt haben muss. 248 Gliedmassen sind am menschlichen Körper gezählt worden. Man hat sie mit der gleichen Zahl positiver religiöser Pflichten in Relation gebracht. Die Zahlenangaben der oben oitirten Misohnah werden im Gebetritual (Pijut 1. Massaph Rosch haschono) bekanntlich verwerthet und symbolisirt. Sind aber die Angaben der beregten Mischnah richtig? Die moderne Anatomie zählt Alles in Allem nur 211 Gliedmassen auf. Herr Pines, der die hebräische Terminologie der einzelnen Körpertheile scharf zu fixiren sucht, geräth darob in grosse Verlegenheit. Als wir vor Jahren einen Jüdischen Arzt auf die anatomischen Angaben im Gebetritual für den Neujahrstag aufmerksam machten, verfolgte er dieselben mit regstem Interesse und konnte sich vor Staunen darüber gar nioht fassen, dass die Quelle für diese Gebetpiece, die Misohnah in Oholoth, nicht nur