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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-06-03 · N° 23. (3.6.1886) · p. Seite 88

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 23. (3.6.1886)
Date
1886-06-03
Page
Seite 88 (sequence 2)
Language
German
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— 88 — sie ihre Religiosität bethätigt, da musste die Conj cession gemacht werden, dass sie diese Pflichten in jeder beliebigen Sprache erfüllen kann. Durch alle diese religiösen Verrichtungen 8011 der Glaube, die Religion, die Gottesfurcht, die Liebe zu Gott im Herzen des Menschen erhalten, soll Andacht und Erbauung in der Seele derselben geweckt und erhalten werden. Bei Anlässen aber, wo nicht das Volk, nicht die unwissende Menge, sondern die höchsten Vertreter des Volkes, der König, der Hohepriester, die Aeltesten, die Gesammtheit der Priester als segnende Körperschaft, der Kriegs-Gesalbte u. s w. wirken, da, wo das national - religiöse Leben durch die höchsten Würdenträger des Staates zum Ausdruck kommen soll, da muss auch die nationale Landessprache, die ״heilige Sprache“ beibehalten werden! — Wie würde es denn klingen, wenn dor jüdische König, bei solch ausserordentlich feierlicher Gelegenheit, wie die Thora- Vorlesung, die einmal in je sieben Jahren an geheiligter Stätte im Angesichte des ganzen Volkes stattfindet, wenn er diese Vorlesung nioht in der heiligen Landessprache, sondern in einer f r e m d e n Sprache halten würde! Wie würde es klingen, wenn der Hohepriester, der Israel vom ״Gott der Hebräer“ Sühne und Versöhnung bringen 8011, wenn er — nachdem er den Dienst im Allerheiligsten verrichtet — dem Volke etwas aus der Thora in fremder, nichthebräischer Sprache vortragen sollte! Wie wenig begeisternd für das in den Krieg ziehende Volk würde es sein, wenn der gesalbte Priester das ״Höre Israel, Ihr ziehet in den Kampf gegen Eure Feinde“ (5. B. M. 20.3) etwa in der Sprache dieser Feinde zurufen würde! Ja, wie beschämend für den, der die Erstlinge bringt, würde es klingen, wenn er sein Dankeswort an Gott:״ "ארמי אובד אבי״Als Aramäer irrte mein Vater umher u. s w. und Gott gab uns dieses Land“ (ö. B. M. 2ti.ö) wieder in aramäischer Sprache sprechen würde! Wie heute war auch damals die Sprache das höchste Kleinod eines jeden Volkes! Auch Israel war und blieb seine Sprache heilig, und wenn es auch duroh politische Umwälzungen auf diesen kostbaren Schatz bei den heiligsten Gelegenheilen seines religiösen Lebens verzichten musste; wenn auch der ״grossen Menge“ die Kenntniss der heiligen Sprache im Sturme der unglücklichen und wild bewegten Zeiten abhanden gekommen, so fordert doch die Religion, dass diejenigen, die an der Spitze des Volkes stehen, der König, der Hohepriester, der Kriegs ־ Gesalbte, die Aeltesten u. s. w. den Besitz dieses Kleinods — die heilige Sprache — dem Volke erhalten, sie pflegen und kennen mussten, und bei Anlässen, wo die heilige, nationale Flamme im' Herzen des Volkes entzündet werden 8011, das Wort wieder erklinge, in dem Gott zu Abraham, Isak und Jakob gesprochen, die Sprache wieder ertöne, in der sich Gott Israel am Sinai geoffenbart. Eine Stelle im jerusalemischen Talmud (Sotah 28.0) illustrirt diese Sprachen - Concession auf religiösem Gebiete in einer jeden Zweifel ausschliessenden Weise. Rabbi Lew erzählt der Talmud, kommt nach Caesarea, geht nach dem Gotteshaus und hört die versammelte Gemeinde das ״Schema“ in griechischer Sprache verrichten. Er will es ihnen wehren. ״Was willst Du denn,“ ruft ihm R. Jesse zu, ״wenn sie kein Hebräisch verstehen, sollen sie deshalb das Schema gar nicht lesen! Lasse sie nur! In jeder Sprache, die man versteht, kann man seiner Pflicht — auch in Bezug auf die heiligsten Gebote der Religion — vollkommen genügen!“ (Fortsetzung folgt.) Aus alten Kalendern. Von L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein. (Schluss.) Interessant dürfte es nun auch sein, zu erfahren, dass zu jedem 10. oder dekadischen Ruhetage sich eine Widmung an irgend einen Schutzgeist am Fusse des Kalenders befindet, die ein helles Licht auf den religiösen (?) Geist jener Schreckenszeit zu werfen im Stande ist. Zu den 30 Ruhetagen heisst es der Reihe nach: ״An das höchste Wesen; an das menschliche Geschlecht; an das Frankenvolk; an die Wohlthäter der Menschheit; an die Märtyrer der Freiheit; an die Freiheit und Gleichheit; an die Republik; an die Vaterlandsliebe; an die Freiheit der Welt; an den Hass und die Verräther; an die Wahrheit; an dieGerechtigkeit; an die Schamhaftigkeit; an die Unsterblichkeit; an die Freundschaft; an die Genügsamkeit; an die Herzhaftigkeit; an die Biederkeit; an den Heldenmuth; au die Uneigennützigkeit; an die Selbstverläugnung; an die Liebe; an die eheliche Treue; an die väterliche Liebe; an die mütterliohe Zärtlichkeit; an die kindliche Ehrerbietung; an die Kindheit; an die Jugend; an das männliche Alter; an das Alterthum; an das Unglück; an den Ackerbau; an den Fleiss; an unsere Voreltern; an die Nachkommenschaft; an das Glück". — Was mag man in jener Zeit, in welcher der Durst nach Blut keine Sättigung finden konnte, unter den meisten dieser erhabenen Begriffe sich doch wohl gedacht haben? Wahrlich! Der Denker erblickt in denselben nur einen Hohn auf das Getriebe einer Zeit, die in ihrem Sohoosse zwar die Keime für eine bessere Zukunft barg, deren Früchte aber erst über Leichen- und Trümmerhaufen hinweg zu reifen vermochten. Dass die Glieder der jüdischen Nation in den wiedergewonnenen Landestheilen in den Strudel sich haben mit hinabreissen lassen, ist aus der Geschichte nicht erwiesen, wohl aber, dass sie ihren echt deutschen Beruf neben dem religiösen aufrecht zu erhalten, es an Opfern nicht werden haben fehlen lassen. Ob die gegen eine durch Jahrtausende geheiligte religiöse Observanz aller gebildeten europäischen Nationen eingeführte dekadisohe Zeiteintheilung auch die Feier der jüdischen Sabbath- und Festtage tangirte, ist aus dem Kalender nicht zu ersehen, das Gegentheil aber wohl zu vermuthen, da der Kalender ausserdem alle Angaben enthält, welohe auf die Feier der jüdischen Feste Bezug haben. Werfen wir nun beim Anblick unseres Büchleins einen Rückblick auf die Schlussperiode des vorigen Säculums, so muss es den aufrjohtigen Gläubigen mit Wehmuth erfüllen, zu erfahren, wie zu jener Zeit der Atheismus die Geister der Massen verwirrte und mit welohen Geburtswehen sie zu kämpfen hatte, ehe sie nach Antritt des gegenwärtigen Jahrhunderts auch den Bekennern unseres Glaubens Licht und Freiheit bringen konnte. Zwar konnte ein Akt des Präfekten des Roer-Departements an die Unterpräfekten, Maires etc. d. d. Aachen 28. Febr. 1800 noch mit den Worten beginnen: ״Herumschweifende Juden und anderes herrenloses Gesindel, selbst Missethäter, suohen den Nachstellungen der Polizei zu entgehen“. (S. Sammlung der Präfeotur-Akten des Roer-Departementes, Jahr 1810.) Aber das Deutschthum trotz der Gefahren der Schreckensherrschaft aufreoht erhalten zu haben, diesen Ruhm konnten die französischen Machthaber unsera Glaubensgenossen nimmer streitig machen, wie unser in jüd.-deutscher Spraohe abgefasster Kalender zur Genüge gezeigt hat. Betrübender noch ist aber die Erscheinung einer andern Geistesverwirrung inmitten unseres eigenen Volkes zu Anfänge des 18. Jahrhunderts, von welcher

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