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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-05-20 · N° 21. (20.5.1886) · p. Seite 81

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 21. (20.5.1886)
Date
1886-05-20
Page
Seite 81 (sequence 3)
Language
German
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— 81 religionen die Gottheiten, göttliche Eigenschaften, göttliche Namen etc. entstanden und diese Mythen die Anfänge des menschlichen Glaubens enthielten. Die ersten Mythen, die sogenannten Urmythen, waren einfach, dem kindlichen Gemüthe der Völker sofort einleuchtend. Eine solche Urmythe lautete zum Bei-! spiel: Die Sonne vermählt sich mit der Erde und ihr Kind ist die Vegetation, die Blumen und Kräuter. Aus dieser Auffassung ging der erste Gottesdienst als Sonnendienst hervor. Bald entwickelte sich die Sonne 1 von einem himmlischen Lichtkörper zu einem höchsten "Wesen, einem Schöpfer, Erhalter, Regierer der Welt. Auch die Eigenschaften der Gottheiten, sowohl gute als böse, sind den Naturerscheinungen entnommen. So liegt z. B. der tiefere Grund der Zänkereien, des ehelichen Zwistes zwischen Zeus und Hera in der 1 Naturbedeutung dieser beiden Gottheiten, durch welche die streitenden Naturkräfte personificirt werden. Redner zog nun zwischen indisohen und grieohischen Göttermythen einige Parallelen. Gemeinsam ist ihnen die Trinität. Der Inder verehrte in Brahma den Schöpfer, in Schiwa den Zerstörer und in Wischnu den Erhalter und Erneuerer der Schöpfung, aber alle drei sind nur Benennungen der drei verschiedenen Kraftäusserungen des einen Gottes. Der Grieche betete zu den Göttern des Himmels, des Wassers und 4er Erde. In allen Naturreligionen verkehren die Götter mit den Menschen und haben ihre Vertreter auf Erden. Es sind dies die Herkulesgestalten, von denen jedes Volk eine sein eigen nennt. Immer sind es Gottgeweihte, von einem göttlichen Vater und einer irdischen Mutter gezeugt. Solch ein Gottgeweihter ist nach der Bibel auch Simson. Es gehen zwar über Simson’s Persönlichkeit die Meinungen sehr auseinander. Die meisten theologischen Autoritäten halten ihn für eine geschiehtliehe Persönlichkeit in mythologischem Gewände. — Fast alle Bearbeiter der Simsonsage finden eine Aehnlichkeit zwischen ihm und Herkules. Besonders spielt die 12-Zahl in den Thaten beider Helden eine Rolle. Diese 12-Zahl bezieht sich auf den Thierkreis. In 12 Zeichen steigt die Sonne auf und nieder und in diesen 1? Zeichen verrichtet auch der Sonnensohn seine Heldenthaten. Der Verfasser des Richterbuches mag aus sehr früher Zeit einen Stoff vorgefunden haben, den er zu seinem Zwecke verarbeitete. Darauf weist die 12-Zahl der Abenteuer hin. Es sind in die Erzählung so zahlreiche Strophen eingefiochten, dass man an einer alten dichterischen, vielleicht romanzenartigen Darstellung der 12 Abenteuer nicht zweifeln kann. Dichterisch ist das Räthsel, poetisch das Gebet, das Simson spricht, als er dem Verdursten nahedst■, rhythmisch auch das Gebet vor seinem Tode, und der Bericht über die Niedermetzelung der 1000 Philister enthält ein witziges Wortspiel. Das Räthsel musste dagewesen sein, denn Simson konnte doch nioht ein Räthsel auf eine persönliche Begebenheit gründen, von der Niemand etwas wnsste. Es darf wohl angenommen werden, dass das Räthsel bei den alten Ebräern im Umlauf war. Der Herr Vortragende lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die in der Simson- und Herkulessage vorkommende Mythologie und Symbolik des Löwen. Simson eröffnet wie Herkules seine Laufbahn mit der Erwürgung eines Löwen. Der Löwe war nun das Symbol der verzehrenden Hitze und wurde gewohnlich mit aufgesperrtem Rachen als brüllend und verzehrend dargestellt. Die Araber nennen noch heute die grösste Hitze und die dürrste Jahreszeit den brüllenden Löwen. Der Herr Referent legt Gewicht darauf, dass es in der Geschichte Simson’s heisst: der Löwe (die Gluthhitze) kam ihm brüllend entgegen. Der Löwe war auch noch jung, denn die Hundstage hatten erst begonnen; die volle Kraft der Gluthhitze trat erst ein, als das Gelrreide verbrannte. Simson ist der Ueberwinder dieses Löwen. Er ist die wohlthätige, rettende Macht, welche die Erde vor dem Brande der Sonne schützt. Im Leibe des getödteten Löwen siedelten sich Bienen an. Die Biene war, wie der Herr Referent an verschiedenen Mythen bewies, das Sinnbild der geheimnisvollen, in der Fruchtbarkeit sich äassernden Naturkraft. Der Herr Vortragende zeigte ein der indischen Mythologie entnommenes Bild, welches das Räthsel des Simson darstellt. Das Bild zeigt uns einen mit zwei Hörnern versehenen, aufgesperrten Löwenkopf. Dieser Löwe ist das Sonnenthier, die Hörner bedeuten die Sonnenstrahlen. Die Sonnenstrahlen bewirken die Fruchtbarkeit der Erde und deshalb kommt aus dem aufgesperrten Rachen des Löwen eine Kuh hervor, nach der indischen und vielen andern Mythologien das Bild der fruchtbaren Erde. Aus der Brust der Kuh fliegen Bienen empor. Biene und Honig galten als das Beste, als das reinste Erzeugniss der organischen Natur, als das liebste Opfer für Sonne und Sonnengötter, denn die Alten dachten sich den Honig als wesentlichen Bestandtheil des Göttertrenks. So erklärt uns das Bild das Räthsel: Speise giDg von dem Fresser und Süssigkeit von dem Starken. Dieser Symbolik zufolge ist Simson auch die wohlthätige Kraft der Sonne, der zeugende, befruchtende Sonnensohn. Er ist wie Herkules der Erhalter der bestehenden Naturordnung, und sein Kampf gegen die der Weltordnung schädlichen Kräfte ist durch aen Verfasser des Richterbuches auf den Kampf gegen die Philister übertragen. Fassen wir ihn auf als Sonnensohn, was auch sein Name (שמשון v. שמש) bedeutet, so hat sein Auftreten einen Zweck und er wird eine sittliche Perlichkeit. Recension. Buber, Salomon. Midraseh Tanchuma zum ersten Male nach Handschriften zu Oxford, Rom, Parma und München herausgegeben, kritisch bearbeitet und mit einer ausführlichen Einleitung versehen. Wilna 1885. Wittwe und Gebrüder Romm. (Schluss.) Das hohe Alter der Tanchuma geht schon aus dem Umstand hervor, dass, wie Buber überzeugend nachweist, fast alle uns bekannten Midraschim aus Tanchuma geschöpft haben. Nur für Beresohit Baba erscheint uns der diesbezügliche Beweis nicht vollständig erbracht. Ganz so wie es uralte Halachas gab, so wird es auch alte tradirte Hagadas gegeben haben, die sich oft im Wortlaut übereinstimmend in den verschiedenen Midraschwerken vorfinden, ohne für die gegenseitige Benutzung Zeugniss geben zu dürfen. Die Verbindung mancher Textanfänge mit bestimmten Versen aus den Hagiographen unter der Formel!זש״ד ist sicherlich in vielen Fällen eine auf Tradition alter Prediger beruhende gewesen. Bei den anderen von Buber beigebrachten Stellen wird eher an eine Ergänzung von Lücken in den Handschriften der B. raba aus dem Tanchuma durch Drucker und Herausgeber zu denken sein. Die Nachweisungen über die Benutzung der Tanohuma, angefangen von den Scheetot des Gaon Achai bis herab auf Elia Misrachi, also von

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