Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 16. (15.4.1886)
- Date
- 1886-04-15
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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Tisohendorf, der in seiner Schrift ״Aas dem heiligen Lande“ (Leipzig 1862) sagt: ״WunderDar! die Stimme des Gesetzes mit ihren strengen Mahn- und Strafworten, wie sie Allen erklungen, so ist sie auch Allen klar und theuer geblieben, während die Stimme der himmlisch fröhlichen Verheissung, die der erlösenden Eriüllung. zum unheilvollen Missverständniss, zur Spaltung unter den Völkern der Erde geworden“. Das Chri8tenthum erscheint dem Verf. überall volksthümlioh. Dieser Ansicht gegenüber ernst za bleiben, war ans besonders schwer. Sie, Mann der ״Gedanken“, ist auch das Latein in der Liturgie der Zweihundert Millionen Katholiken, die aaf der Erde leben und die ״sozusagen dooh wohl aaohu dem Christenthum angehören, volksthümlioh? Sind wach nar die Gebete der Protestanten so volksthümlioh? Haben wir nioht bereits das Gegentheil erwiesen? Und doch ist Ihnen vor Allem der Protestantismas — deutsch. Haben Sie dabei gedacht, was Sie da sagen oder sich sagen Hessen? Ist denn auch nur die Benennung der protest. Feiertage so ״volksthümlioh und deatsoh?“ Ist Epiphaniastag, Esto mihi, Ocali, Lätare, Quasimodogeniti etc. eto. so zweifelsohne teutonisch? Ist das Nene Testament, ja ist auch nur der Name des Stifters des Christenthums, sei es Jesus oder Rabbi oder Wurzel und Stamm Davids, 80 echt urgermanisoh? Denken wirklich Kinder oder Lehrer der protestantischen Schulen Deutschlands, selbst wenn sie nach Luthers Bibelübersetzung von Christus und den Aposteln, von Nazareth, Jerusalem, dem Oelberg und dergl. sprechen, an Urgermanien, Teut oder Hermann den Cherusker, oder etwa an Hannover, Bremen, Berlin, an einen deutschen Schlaohtenlenker der Gegenwart und dergl.? Doch wir halten es entschieden für kein Unglück, dass eine Religion nioht volksthümlioh, nioht deutsch, nicht französisch, nioht englisoh oder spanisoh ist, wohl aber für ein grosses Glück, wenn sie allgemein mensohlioh ist. In diesem Falle schadet es ihr, ihren Bekennern und Andern ebensowenig, wenn sie an einen ״fremden“ Ursprung erinnert, wie es etwa der Wissenschaft und ihren deutschen Jüngern schadet, wenn diese erfahren, dass der geometrisohe Lehrsatz vom Hypotenusenquadrat nicht deutschen, sondern pythagoräisch-grieohisohen Ursprungs, die Erfindung des Glases nioht eine germanische, sondern eine phönicische, die Erfindung aer Locomotive nicht eine teutonische, sondern eine englische ist. Im Gegentheil, diese Jünger werden besser einsehen lernen, was ein Volk dem andern verdankt, und werden so —- unbeschadet des Patriotismus — zur lichten Höhe des Menschenthums emporgehoben. Ungleich mehr noch soll das Geistesleben der Religion über das Volksleben hinausragen. (Der Verf. kennt vielleicht das Wort Christi: ״Mein Reich ist nicht von dieser Welt“.) Dem Verf. erscheint im Jndenthum Manches ״fremd“, weil er nie darin heimisch war. So nennt er auch die Bauart des jüdischen Gotteshauses fremd. Nun, man darf wohl dem Karlsruher evang. Stadtpfarrer und Dekan Zittel diesbezüglich etwas mehr Urtheil und Geschmack Zutrauen, als einem Konvertiten, der ebensowenig die Kirche, wie die Synagoge besucht. Wie Zittel in der bereits angeführten Schrift: ״Der protest. Gottesd“. S. 10 ff. die moderne Bauart der Kirche verwirft, dagegen die Bauart der alten Synagoge empfiehlt, ist wirklich der Mühe werth zu lesen. Das Judenthum ist dem Verf. national, auoh die jüdischen Feste sind ihm wesentlich national. Wie einseitig er den Begriff des Nationalen im Judenthum erfasst, haben wir bereits früher beeproohen; fügen wir hier noch Einiges über die jüdischen Feiertage hinzu, am dem Verf. Etliohes aas den ihm so fremden Elementen der jüdisohen Religionslehre nahezalegen. Der Versöhnungstag, das heiligste Fest der Israeliten, das der Verf. — mit oder ohne Absicht? — bei seiner Besprechung der jüdisohenFeBte nioht erwähnt, ist der selbstthätigen, ohne Mittler an bewirkenden Läuterung, Heiligang and Versöhnung des Jaden mit sich, seinen Mitmenschen and seinem Gotte gewidmet. Das Neajahrsfest ist der Anfang der Vorbereitung za dem eohtmensohliohen Versöhnangsfest, weshalb aaoh sohon in der Liturgie des Neujahrsfestes das Gebet um Voreinigung aller Menschen za einem Bruderhände — dessen Mitglieder nioht etwa sammt und sonders uniformiter diese oder jene Ceremonien üben, sondern ״mit ganzem Herzen, mit aufrichtigem Sinn den erkannten Gotteswillea befolgen“ — zum Ausdruck kommt. Gegen diese beiden Feste wird wohl kein wahrhaft religiöser Mensch etwas zu erinnern finden. Dass die andern Feste nioht nur Gesohiohts-, sondern auoh Natur- und Religionsfeste in des Wortes schönster, hehrster Bedeutung sind, ist schon zum Ueberdra88 oft erörtert worden. Uebrigens erklärte —י■ יי" , י 1 ' er es urplötzlich wieder für einen Naohtheil derselben. Dooh — ״der Herr ist Advooat“. Für heute scheiden wir von dem ״Gedanken“• helden mit der Versicherung, dass uns die bevorstehenden jüdisohen Feste völlig befriedigen werden: das jüdisoh-״nationale“ Pessaoh als Fest des einigeinzigen Gottes der Freiheit, der weder leibliohe noch geistige Sklaverei duldet, wird uns auoh fürder etwas mehr Zusagen, als das ohristlioh-״volksthümliohe und weltreligiöse“ Osterfest, das bekanntlich den Glauben an die leibliohe Auferstehung und Himmelfahrt Jesu festigen soll; und ebenso wird uns auoh ferner das von dem Verf. ebenfalls nioht erwähnte jüdisch- ״nationale“ Wochenfest, das dem Andenken an die Verkündigung der Zehngebote, dieser Grundprinzipien aller hohem Civilisation, geweiht ist, etwas mehr erbauen, als das christlich•״ volksthümliohe und weitreligiöse“ Pfingstfest, das den Glauben an die den Aposteln gewordene Gabe, in fremden Zungen zu reden, stärken soll. (Fortsetzung folgt.) Recension. Die Unzulänglichkeit des theologischen Stadiums der Gegenwart. Ein Wort an Docenten, Pfarrer und Studenten. Leipzig. Lehmann. 1886. 109. S. Mk. 1.20. Das vorliegende Buch fällt eigentlich nioht in unsere Sphäre, wir wollen es auoh nicht in dem Sinne beurtheilen, wie es sich giebt, nämlich als eia praotisoher Rathsohlag zur Verbesserung der theologischen Vorbildung, sondern nur in Bezug auf das Verhältniss, welches wir dazu einnehmen. Der Verfasser, der, wie er sagt, nur deswegen das Gowand der Anonymität angenommen hat, um der Sache nioht durch seine Parteistellung zu schaden, stellt viele Grandsätze auf, bei denen wir sagen können tout com me chez noas. Sein Werk zerfällt in 4 Capitel: 1. Pfarramt und Pfarrer, 2. Professor und Student, 3. die theologischen Disoiplinen, 4. Ergebnisse. Unter den Pfarrern giebt es viele, die ihr Amt als blosse Pfründe betrachten, andere, denen es nur um äussere Erfolge zu thun ist, wieder andere, denen man nicht mit Unrecht Heuchelei zum Vorwürfe macht, und endlich solche, von donen der Verf. sagt: ״sie renomiren geradezu mit ihrer Gleichgültig-