Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 16. (15.4.1886)
- Date
- 1886-04-15
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-5990841-5991143--0901-5368192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Muthmassung dem höchsten Grad der Wahrscheinlich• keit nahekommt, 80 ist es die, dass ohne die Dazwisohenkanft des Ohristenthams (jener ״Gestaltung des semitischen Völkerlebens“) die germanischen Völker durch die Ansteckung des griechisch-römischen Sitten7erfalls zu Grande gegangen wären; and 8.158: Ohne allen Vergleich am wichtigsten unter den fremden Einflüssen, die das deutsche Volk erfahren hat, ist der von den Semiten aasgegangene. Und der geniale Prof E. RAnan fragt wahrhaft überwältigend, was wohl aus der Geschichte der Menschheit geworden wäre, wenn irgend ein Zufall die Gesohioke des kleinen jüdischen Stammes znm ewigen Stillstand gebracht hätte. (L’äglise chrötienne. Paris 1879 p. 256.) Es hat sich hiernach nicht sowohl ״im Schatten des Christenthnm8 und des Islams“ das Judenthum, als vielmehr im Schatten jener beiden Gebilde des Judenthum8 eine ״Fülle der Heiden“ erhalten. Aoh, wie selten war übrigens der Schatten des Christenthums für die Juden mehr als ein Schattenbild, wie selten war er für sie kühlend, wie oft hingegen glühend, brennend, ja verbrennend, zerstörend und veraeerend! Es wäre also weit richtiger, zu sagen: trotz dioses Schattens haben 8ioh die Juden erhalten. Wenn das Judenthum darüber hinans seine Kraft weniger bewährt hat, so beweist uns dies nur, dass die betreffenden Heiden für die Würdigung desselben nioht oder nooh nicht reif genug sind. Im Uebrigen vertrauen wir dem providentiellen Walten in dem Entwicklungsgänge der Völker, das wir auch da demuthsvoll verehren, wo wir es nooh nioht völlig verstehen. Meine Gedanken, spricht der Ewige (Jes. 55,8), sind nicht eure — ״Gedanken“. . . Wunderbar! Nooh in diese Jesaja-Worte vertieft, empfangen wir durch den Postboten einen Brief, in dem uns ein Christ am Aufnahme in’8 Judenthum ersucht! Sohon als Knabe von 14 Jahren habe er den Wunsch in sich getragen, Jude zu werden, obgleich seine Eltern ihm unter furchtbaren Drohungen und Misshandlungen den Umgang mit Juden verboten; er finde keine Ruhe u. 8. w. Ja, Drohungen und rohe Gewalt, denkt sie euch einmal hinweg aus der Kirchengeschiohte — wie gross erscheint euch dann euer ״Häuflein“, ihr Soheinchristen?! Wie viel besser stände es heut um die Wohlfahrt der Völker, hätte die rohe Gewalt nicht 80 ungünstig auf ihre Entwioklang eingewirkt! Das heilige Schriftthum der Juden, sagt der Verf. weiter, ist nicht durch diese Gemeingut der civilisirten Welt geworden; aber, entgegnen wir, die Bibel Israels ist durch ihre jüdisch-griechische Uebersetzung Gemeingut der Christen geworden und durch die gewissenhafte Treue der Juden in ihrem Original von Entstellung und Fälschung frei geblieben. Allerdings verabscheut das Judenthum nicht nur die mit Feuer und Sohwert vorgehende, sondern auoh jede sich anders aufdrängende Proselytenmacherei, jenen Zelotismus, der im Eifer für den Himmel dem Mitmenschen die Erde verkümmert; das Judenthum fordert von Allen, die ihm angehören oder angehören wollen, freie und treue Ueberzeugung; dem Dasein, das Leben und Streben der Juden, die providentielle Erhaltung des jüdischen Reljg io ns Volkes unter allen Wechselfällen der Geschicke, die Heilighaltung seiner sittlich - religiösen Ideale, die Entwickelung seines innersten Lebenskernes gegenüber aller irdischen Macht und Pracht, die Beachtung des Zeitgeistes, nicht insoweit sich in ihm die Geistlosigkeit derZeit, das ganze Heer der Modethorheiten, sondern insoweit sich in ihm der Geis t der Zeit, die höhe re Fassung und Verklärung des Lebens offenbart — das allein soll Andere anregen, bewegen, ״bekehren“; was darüber ist, erscheint uns vom Uebal. Ganz ähnlich denken aber auch bedeutende Christen bezüglich des Missionswesens. Ohne za bestreiten, dass Mission*- beatrebangen, welche in anderer als der oben gekennzeiohneten Weise aufgetreten sind, mancherlei Gates gewirkt haben, stimmen wir doch im Grossen und Ganzen jenen Christen bei, von denen wir hier wenigstens einen citiren wollen. Der Afrikareisende Paal Reiohard war unlängst mit dem Königsberger Professor der Kirohengeschiohte, Dr. Tso haokert, in einen Streit über die Behandlung der afrikanischen Eingeborenen gerabhen. Im Verlauf dieser Polemik schreibt Herr Reiohard über die negativen Erfolge der überseeisbhen Missionen in der ״Air. Oorr “: ״ ״Ein schwerer Irrthum von mir soll es sein, dass ich den Missionen Erfolge abspreche. Ichthue dies auch jetzt noch und besonders insofern, als die Erfolge im Vergleich zu den aufgewendeten Mitteln und geopferten Menschenleben geradezu lächerlich sind. Nicht nur in den von mir gesehenen Missionsanstalten, sondern überhaupt auf der ganzen Erde. Es ist eigentlich geradezu eine Versündigung am eigenen Volke, diesem Resultate gegenüber noch immer so viele Mittol zu ausländischer Mission za verwenden, wo es bei uns selbst noch so viel zu thun giebt, und so herzzerreissendes Elend, welches die Wilden absolut nicht kennen, herrscht. Die angeführten Erfolge betrachte ich und Jeder, der nur einmal einen praktischen Einblick in die Sache gewonnen hat und nicht etwa aus Missionsberichten, mit dem grössten Misstrauen, und einen Menschen, welcher einfach nur getauft ist und durch Bezahlung oder mit Gewalt in den Missionsanstalten zurückgehalten wird, halte ich noch lange nicht für einen civilisirten Menschen oder Christen. Die meisten, oder fast alle Neger und Wilden, welche aus Missionsanstalten entlassen sind, verfallen wieder in ihre alten Sitten zurück, oder treten, wie z. B. an der Ostküste, zum Islam Uber, und nur wenn es ihnen passt, sind sie Christen. Es ist meine feste Ueberzeugung, dass die aufgeführte halbe Million Heidenchristen auch nicht besser, und nur dem Namen nach Christen sind. Es giebt in dieser Beziehung überhaupt nur zwei Möglichkeiten, wie die Geschichte lehrt: entweder der uncivilisirte Mensch weioht vor dem civilisirten zurück und gsht schliesslich unter, wie in N0Td- und Südamerika, Südafrika, Australien, oder er widersteht wie die Jndier und Chinesen, welche doch im Sinne der Mission uncivilisirte Heiden sind“. Fast durchweg wahr und beherzigenswerth! Wie manches Stubengelehrte Perückenhaupt wird darob in bedenkliche Bewegung gerathen sein; zum Glück aber huldigen nur noch wenige Menschen dem edeln Sprach: ״Ein deutscher Professor hat's gesagt, ergo muss es wahr sein!“ Der Verf. der ״Gedanken“ hat Recht, wenn er sagt, das Christenthum sei Allen Alles geworden, d. h. den Judenchristen ein beträchtlich Stück Judenthum, den Heidenchristen ein beträchtlich Stück Heidenthum, während das Judenthum sich bestrebt habe, die Reinheit seiner Lehre zu hüten. Wer die Entstehung des Christenthums mit geschichtlichem Bliok betrachtet, kann die drei Faotoren, die mitgewirkt haben, garnicht verkennen: das damalige palästinensische Judenthum, das griechische Juden thum und die römisch-griechische Bildung. Sehr wahr nennt Paulus in seiner Epistel an die Römer das Ckri8tenthum das wilde Reis, das wider die Natur auf den edeln Oelbaum des Judenthums gepropfb worden, dem der Ruhm gebühre, jenes zu tragen — nioht umgekehrt (Rim. 11, 17. 18. 24.). Ob jedoch aus jenem ״Allen Alles“ gewährenden Verhalten des Christenthums eine 80 sehr segensreiche Frucht erwachsen sei, können wir, Angesichts der Entwickelungsgesohichte der betreffenden Völker und mancher Erscheinungen unserer Zeit, dem Verf. nur in beschränktem Masse zugeben. Wir berufen uns hier ebenfalls wenigstens auf einen der vielen christ- Hohen Gewährsmänner von hervorragender Bedeutung, auf den ebenso frommen wie berühmten Theologen