Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 15. (8.4.1886)
- Date
- 1886-04-08
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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Boden greifbarer Thatsachen au verpflanzen, als direct persönlich Betheiligter unterlebt habe, wobei Freund an seine zeitweilige Auswanderung nach England und an den am längsten (1858—1870) perenirenden unter den ältesten unbesoldeten Assessoren der preussischen Monarchie erinnert, der, als er sioh eine Stellung errungen, duroh das von ihm gegebene Beispiel dazu beigetragen, (ja, wir dürfen sagen, sehr erheblich dazu beigetragen) das Werk M0868 Mendelssohns zu ergänzen und zu vervollständigen. Wie dieser — so schliesst Freund diesen Gedanken ab — einstmals die Juden dem allgemeinen Gulturleben znführte, indem er zwisohen der Synagoge und der Weltbildung glüoklieh vermittelte, so verknüpfte sie jetzt Lasker mit dem Staats leben im neuen deutschen Beiohe. Hier in der Culturgesohichte der Israeliten in Deutschland, welche mit der politischen und der Culturgesohichte des deutschen Volkes in fruchtbarer Wechsel- Wirkung steht und beiden ebenbürtig, ganz so wie sie, in die Geschichte der Mensohheit mündet, sieht man Lasker im Vordergründe". Mit den herrlichen Worten Longfellows, die, wenn irgendwo, bei Lasker am rechten Platze sind: Lives ot great men all remind us We can make our lives sublime And in parting, leave behind ns Footsteps in the sands of time sohliesst die ebenso tief angelegte, als belehrende und anziehende Leotüre. Freunds Arbeit ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Charaoteristik und Kenntniss dieses seitenen Mannes. Ganz besondere Freude wird sein feines Verständnis der Lasker-Natar aber denen bereiten, denen es, wie auch dem Schreiber dieses, einmal vergönnt war, über den Politiker Lasker und den Gelehrten hinaus in der Werkstatt seines Denkens und Fühlens einen verstohlenen Blick werfen zu können. Recension. ״Ueber die Organisation and Cnltar der meiischliehen Gesellschaft“ von J. Frosohhammer, Prof, der Philosophie in München. (München, Aokermann’s Nachfolger.) (Schluss.) Wenden wir uns nun der psychologischen Basis des F.’sohen Systems zu, so ist dieselbe, um es kurz zu sagen, veraltet. Die Annahme von Seelenvermögen für die hervortretenden Aktionen der Seele war eine ״mythologische Fiction“, die dem poetischen Personifioirungs-Triebe entsprang, aber Wissenschaftlioh nioht die geringste Einsioht gewährte. Ich will mich über diesen Punkt hier näher aussprechen, weil dieser von der grössten Wichtigkeit für die Pädagogik ist, und weil in unsern systematischen Beligionsbüchern die psychologische Vermögenstheorie in der Lehre vom Menschen noch vorherrscht. (Vgl. z. B. das Würtembergische Beligionsbuoh S. 41). — Was würde man von einer Physiologie der Pflanzen denken, welohe die Theorie aufstellte: die Lebenskraft der Pflanzen bestehe in dem Wurzelbildungs-, Stammbildungs-, Astbildun gs-, Blä tterbildungs-,Blütheun dFruchtbildungs-Vermögen? Oder von einer Physiologie der Thiere und Menschen, die niohts besseres zu lehren wüsste, als: die animale Lebenskraft bestehe in dem ״Knoohen-, Bänder-, Muskel-, Gefässe-, Nerven- und Eingeweide-Bildungs- Vermögen?“ Man würde sioh offenbar über die Pretention einer solohen Physiologie, sioh für eine Physiologie zu halten, mit Beoht moquiren. Eine solohe Physiologie wäre nichts weiter als eine systematische Anatomie, während sie doch aaoh die Lehre von den chemischen Bestandtheilen des Körpers und der Grundgesetze der Veränderungen derselben, der Grund-Kräfte und der Genesis der Formen sein 8011. — Ebenso verhält es sioh mit der Psychologie. Die alte Psychologie war nur eine Art Anatomie: sie legte die Systeme des psyohisohen Organismus klar, sie klassificirte die zahllosen psyohisehen Akte nach den Systemen: Denken, Fühlen, Wollen. In diesen 3 unendlioh in einander gesohlungenen Formen tritt das active Sein der Seele hervor, wie das Sein des Körpers in Knochen, Bändern etc., und nach denselben nun ein Denkvermögen, ein Gefühlsvermögen, ein Begehrungsvermögen zu statuiren, hat nicht mehr Berechtigung und Werth, als der organischeu Kraft, wie schon gesagt, ein osteologisohes, ein syndesmologisches, ein angiologisohes, ein neurologisches und splanohnologisohesProduktions-Vermögen ־ zu substituiren. Unrichtig wäre das ja nioht, aber was wäre damit gewonnen? Und zu welohen Irrthümern müsste dies nioht führen? Würde irgend ein physiologischer Monist auf die Idee kommen, eine dieser angenommenen Produotionskräfte des Organismus, z. B. das ״Knochenbildungs-Vermögen“ etc. als das Princip des ganzen organischen Lebens oder gar als das ״Grundprincip des Weltprocesses“ oder auch nur als die Grundmaterie, aufzustellen: wie lächerlich wäre das! Denn die systematischen Theile des Organismus, Knochen, Muskeln eto., sind ja niohts Einfaches, sondern höchst zusammengesetzt. Nicht anders ist es aber mit der psychologischen Vermögens-Theorie: was ist damit zur Erklärung der Genesis dieser Formen gewonnen? Und diese Vermögens-Theorie ist die unglückselige Quelle für alle die verschiedenen Versuohe identitätsphilosophisoher Systeme von Schelling, Hegel, Schopenhauer, Hartmann und — des Herrn Prof. Frosohhammer. Die Phantasie nimmt in den 3 Systemen des psychischen Seins ungefähr die Stellung ein, die irgend ein Organ, z. B. der Gaumen, in den 5 Systemen des leiblichen Organismus, sie ist weder eine einfache, noch eine spezifische Kraft, es giebt ebensowohl eine Phantasie für Vorstellungen, wie für Gefühle und für Wollungen, sie ist überhaupt kein leeres Vermögen, das für sioh bestände, sondern nur in ihren Gebilden vorhanden, und ihre Gebilde sind das unendlich oomplicirte Produkt der einfachen seelisehen Kräfte und Elemente — und sie, die selbst ein Produkt ist, soll das ״Grundprinzip des Weltprocesses“ sein! Das ist der verhängnissvolle Einfluss der alten Psychologie mit ihrer Vermögens - Theorie auf die deutsche Philosophie, und die Be form derPsyohologie durch Herbart und Beneke ist darum eine der grössten Thaten in der Geschiohte der Philosophie. Freilioh hat Prof. Frosohhammer im vorliegenden Werke (S. 340 u. ff.) eine recht zutreffende Kritik der rationalen Psychologie Herbart’s geliefert. Die Herbart’sohe Psyche als eine indifferente, punktuelle Monade, mit ihren Selbsterhaltuagen, welohe als Vor- Stellungen sioh in den Variationen des psyohischen Lebens auf ihr herumtummele, ist in der That keine zureichende Hypothese für die Psychologie. Aber warum versuchte Herr Prof. Frosohhammer es nicht mit Beneke, dem gigantischen Begründer der Psyohologie als Naturwissenschaft? Beneke würde ihm auf keine seiner Einwürfe gegen Herbart die Antwort schuldig bleiben, Beneke bat eine Theorie des Bewusstseins, die Prof. F. bei Herbart vermisst, die luoe