Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 14. (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-5990841-5991141--0892-5368185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
daram unsere Ab handlang mit einem allgemeinen Ueberblick. iCine jede Nation rühmt sioh mit freadigem Stolze derjenigen Geister, welohe das Eigenthümliohe, Charaoteristische derselben in ihren Sohöpfangen am Treffendsten wiederzageben wussten. Jeder einzelne fühlt in ihren Werken sein eigenes Denken and Empfinden wieder, er erweitert daroh sie seinen Ideenkreis, wird sich duroh sie seiner Nationalität and seiner Pflichten bewusst. Die Dichter und Philosophen, die Kriegsherrn and Gesetzgeber, können so in ihren Wirkungskreisen die ganze Besonderheit eines Volkes wiederspiegeln, der Art und Sitte desselben in ihrem Thun und Streben einen klassischen typischen Ausdruck geben. So tritt in So hiller gewissermassen das ideale jugendliche Deatsohtham in die Erscheinung, welches seit der Annahme des Christenthums die höchsten sittlichen Ideen mit den höchsten äusserliehen Vorzügen za vereinigen strebt. So ist in dem Propheten Samuel das die innigste Gotteskindschaft mit der unbeugsamsten Sittenstrenge vereinigende Israel verkörpert u. desgl. m. Aber nur aus den Nationen können solche Naturen hervorgehen, die, sei es duroh Soh wertes-, sei es duroh Geisteskraft, frei und mächtig sind. Nur ein geistesstarkes Hellas konnte nach politischem Verfall noch einen Plato, einen Aristoteles tragen, nur ein kampfesmächtiges Born vermochte in seinem Untergange noch einen Antius hervorzubringen. Geistesstark war auch das seiner Selbstständigkeit beraubte Juda. Seitdem dnroh die Lösung des staatlichen Zusammenhangs die Theile des jüdischen Reiches nach allen Enden der Welt zerstreut waren, war das Fortbestehen von Nationalität und Eigenart kaum noch möglich. Wie der von dem Weltentheiler vergessene träumerische Dichter musste Juda durch die Völker den Besitz und Antheil wiedererlangen, den es verloren hatte. Die politische Verbesserung der Juden ist der erste und entscheidende Schritt in der lange aufgesohobenen Verbindung Israels mit den Völkern. Auoh die geistige Vereinigung mit denselben zögerte nicht länger. Ja, Moses Mendelssohn ist der wahrste Zeuge dieser Ver* einigung. Durch seine Werke hat er sein Deuts ohthum nicht nur bezeugt, sondern ihm auoh unvergängliche Denkmale gesetzt. Ihm aber galt es vor allen, diese Errungenschaft seines eigenen Selbst zu einem Besitz seines Stammes zu maohen. Alle Erfolge, welche die Welt ihm verlieh, legte er als ein treuer Sohn Israels auf dem Altäre des Judenthums nieder, erstattete dieser seiner Mutter und Nährerin den köstlichsten und herrlichsten Lohn. Herangebildet durch den ,More Nebuchim“ und durchdrungen von des Maimonides philosophischem Judenthum, ward Mendelssohn der Mitwelt und Nachwelt in geistiger und sittlioher, staatlicher und religiöser Beziehung ein Leitstern auf dornigem Pfade, ein — Führer der Verirrten. _ Ad. Waldauer. Litteraturbericht Recensionen. ״lieber die Organisation und Caltar der mensch• liehen Gesellschaft*‘ von J. Frosohhammer, Prof, der Philosophie in München. (München, Aokermann’s Nachfolger.) Das vorliegende Werk enthält philosophische Untersuchungen über ״Recht und Staat“, ״soziales Leben“ und ״Erziehung“. Das erste Buch ״Ueber das Reoht“ handelt 1. über Ursprung und Entwichlang des Reohts, 2. Reoht und Sittlichkeit, 3. die Rechte, 4. die Idee des Reohts, 5. Reoht und Phan-, tasie. Das 2. Buoh ״Ueber den Staat“ handelt 1. vom Ursprung des Staates, 2. die Staatsorganisation, 3. der Polizei- und Rechts-Staat, 4. der Culturstaat, 5. Staat und Eirohe. Das 3. Buch ״Ueber das soziale Leben“ behandelt 1. Historisohes, Zustand der modernen Gesellsohaft, 2. Socialismus und Gommunismus, 3. Staats- Sozialismus, 4. die Religion als soziales Gut, 5. Ideale Güter für das soziale Leben, 6. Illusionen und Ideale, 7. der Pessimismus und die soziale Frage. Das 4. Buch ״Ueber die Erziehung“ behandelt als allgemeine Erziehungslehre, 1. die meusohliohe Natur als Gegenstand der Erziehung, 2. das Prinzip der Erziehung, 3. die Methode der Erziehung und Anhang über Friedr. Fröbels Erziehungsmethode, 5. die Organe der Erziehung, und in einem 2. Theile die spezielle Erziehungslehre. — Prof. Frosohhammer ist ein selbstständiger Fortbildner der Schelling’sohen Naturphilosophie, und er hat als solcher die ״Phantasie als Grundprinzip des Weltprocesses“ in einem Werke dieses Titels aufgestellt. Die Anwendung dieses Prinzips auf die theoretischen Wissenschaften vom Menschen hat der Verf. in seinem ״die Genesis der Menschheit und deren geistige Entwicklung“ geliefert, die Anwendung auf die praktischen Wissenschaften vom Menschen bildet das vorliegende Werk. Als solche iuteressirt auch die Leser dieses Blattes eine kurze Besprechung dieses Werkes: was ist denn das Judenthum anders als eine Reohts-, Staats-, Gesell- Schafts- und Erziehungs-Lehre auf Grundlage des reinen Monotheismus? — Die Grundidee der Froschhammer’schen Philosophie, die Phantasie sei das Grundpvinoip des Weltprocesses, erscheint dem Reoensenten, der die Psychologie Beneke’s kaum zu lernen Gelegenheit hatte, um es kurz zu sagen, als eine müssige Spielerei des Verstandes, wenn auoh die Durchführung dieses Prinoips keine Spielerei, sondern eine Riesenarbeit war. Recensent ist der Ansiobt, dass seit Eant die Jagd naoh solohen Principien nützlichem Beschäftigungen hätte weichen müssen. Solche Spielereien sind der ״Wille“ Schopenhauer’s, das ״Unbewusste“ Hartmanns eto. Wenn man so alle Formen geistiger Thätigkeit durchsucht und bald in dieser, bald in jener ein Grandprinoip des identischen Seins und Denkens statuiren will, so mögen das immer Constructionen von grossem Interesse für die philosophische Phantasie sein, insofern diese an allen möglichen und unmöglichen Verbindungen der Vorstellungselemente sioh ergötzt; aber ein instructivez Interesse für das philosophische Denken, welches der letzte Ausläufer des menschlichen Erkennens und Wissens, also des Denkens ist, welches einem Sein, einer Wirklichkeit entsprechen will, wohnt solohen Constructionen nicht inne. Abgesehen von der Richtigkeit der psychologischen Voraus- Setzungen dieses neuen Versuches einer Identitäts- Philosophie, in welohem die ״Phantasie“ die Rolle des identischen Elements zugetheilt ist, frage ich: welchen Fortschritt im Wissen und Erkennen bedeutet es, wenn man das problematische Element im Sein und Denken Phantasie nennt? Ist damit ein tieferer Blick in’s Herz des ״Kindes“ gethan, wenn man ihm einen ״neuen Namen“ giebt?“ Und welohe Verrenkungen und Windungen sind nicht in den einfachsten Denkoperationen nöthig, um nur den neuen Namen za einem metaphysischen Faktor zu maohen! Frosohhammer ist noch ein Anhänger der alten Psychologie mit ihrer Vermögenstheorie, er stattet nooh die Seele mit so vielen Vermögen aus, I als dieselbe Arten der aotiven Aeusserang hat, also: