Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 14. (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 54 — noch unterdrückten Jaden Borns einen so tiefen Eindruck, dass sie sich in einem Dankschreiben an St. wandten, bittend, er möohte derartige Stadien weiterhin veröffeutlichen. Aach der Jaden Einflass auf allgemeine Sitte and Brauch verstand er vielfach in origineller Weise darzustellen. Z. B. in seinem 1872 erschienenen Bache ״ Jehuda di Modena, Verfasser eines Schachbuchs“ (Altona 1872), welchem im Jahre 1873 ״Schach bei den Juden“, ein Anhang zur grossen ,Geschichte und Bibliographie des Schachspiels“ von Dr. Antonius van der Linde folgte. Seine Prodactivität war, wie der Leser erfahren haben wird, eine gewaltige. Ausser der grossen Anzahl eigener Werke verfasste er auch zahlreiche Beiträge zu Schriften Anderer, die er herausgab, und manch’ bedeutendes Buch, wie z. B. des ״Maimonides Tractat über die Einheit“ u. s. w. verdankt ihm seine Wiederveröffentlichung. In einem eigenen Organe ״ המזכירHebr. Bibliographie, Blätter für neuere and ältere Litt, des Judenthuine. Zugleich eine Ergänzung zu allen Organen des Buchhandels“, folgte er den Erscheinungen der gesammten jüd. Litteratur, rubrificirte sie mit unermüdlichem Fleisse und reeensirte sie theilweise. Zahlreiche andere Zeitschriften und Blätter zählen St. zu ihrem Mitarbeiter, so ״Pierer’s Universallexikon“, Frankel’s ״Zeitschrift für die relig. Interessen des Judenthums“. Im ״Magazin für die Litt, des Auslandes“ veröffentlichte er treffliche, knapp und gedrungen gehaltene Nekrologe zu Ehren seiner Freunde Zedner und Abraham Geiger. Auch war er an des Letzteren ״jüd. Zeitschrift“ gleichfalls Mitarbeiter. Nunmehr steht er an der Grenze des Zeitab- Schnitts, welcher nach des Psalmisten Wort (P8. 90) die allgemeine Zahl menschlicher Jahre erschöpft. Nichtsdestoweniger hat der keine Mühe scheuende Greis noch im letzten Jahre die grosse Preisarbeit der Pariser National-Akademie, welche sich mit jüd. Uebersetzern befasst, glänzend gelöst. Was er in streng wissenschaftlichem Bahmen gewirkt, auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens hat es sichtbar und unsichtbar Früchte getragen. Denn Steinschneiders Wirksamkeit als Schriftsteller und Docent, als ßibliotheksbeamter und praktischer Schulmann, war eine stets einheitliche, von denselben Ideen getragene und stets dieselben Ziele verfolgende. Der religiösen Polemik hat er sich trotz seiner stets offen bekannten, durchaus liberalen Gesinnung, zu Gunsten streng wissenschaftlioher Thätigkeit, nach Kräften fern gehalten. Er hat dem Judenthum, wie angedeutet, durch jüdische Wissensoha ft Beohte und Stellung zu erwerben unermüdlich sich bestrebt. Sein Leben war daher eine ununterbrochene Kette von Mühe und Kampf für Becht und Freiheit. Aber in Hunderten seiner jüdischen und christlichen Schüler ist der von ihm gestreute Samen emporgediehen und zur Klarheit geworden, was St. stets mit Nachdruck betonte: die Nothwendi gkeitde rErkenntniss und Darlegung des inneren Zusammenhangs jüdisehen Geisteslebens mit der G es oh io hte und Litteratur der gesammten oivilisirten Welt. Moses Mendelssohn und das Judenthum. (Schluss.) Der Philosoph warnt davor, solohen Gesinnungen zu folgen, er erklärt ein solches Bestreben für einen Fallstriok des ohnmächtig gewordenen Fanatismus, der sioh in mancherlei Gestalten verwandle. ״ Gesetzt, man vereinige sioh über die Glaubensformel“, explioirt er im Eifer seiner Mahnung (8. S. 360), ״die man einzuführen und festzusetzen denkt; man bringe Symbole zu Stande, wider welche keine von den jetzt in Europa herrschenden Beligionsparteien Etwas einzuwenden findet: was ist dadurch ausgeriohtet? Bios in Worten, in der Formel läge die Uebereinstimmung. Setzet nur ein für allemal die Artikel fest; wehe dem Elenden alsdann, der einen Tag später kommt und auch an diesen bescheidenen, geläuterten Worten Etwas auszasetzen findet! Er ist ein Friedensstörer I Zum Scheiterhaufen mit ihm!“ Und au die Fürsten sioh wendend, mahnt Moses Mendelssohn mit dem Gewichte eines Propheten (S. 36L und 362): ״Begenten der Erde! Wenn es einem unbedeutenden Mitbewohner derselben vergönnt ist, seine Stimme bis zu Euch zu erheben, trauet den Bäthen nicht, die Euch mit glatten Worten zu einem so schädlichen Beginnen verleiten wollen. Um Eurer und unsrer Aller Glückseligkeit willen, Glaubens- Vereinigung ist nicht Toleranz, ist der wahren Duldung gerade entgegen! Machet keine ewige Wahrheit zum Gesetz, keine Beügionsmeinung zur Landes• Verordnung. Lasset Niemanden in Euren Staaten Herzenskündiger und Gedankenriohter sein; Niemanden ein Becht sich anmassen, das der Allwissende sich allein Vorbehalten hat! Wenn wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, 80 gebet Ihr selbst Gott, was Gottes ist! Liebet die Wahrheit! Liebet den Frieden!“ Dieses der Inhalt und wesentliche Gedankengang des ״Jerusalem“, eines Werkes, das, wie Kayserling bemerkt, als eine Verherrlichung des Judenthums betrachtet werden kann. Wir werden seine Bedeufc'hhg, von dem unvergänglichen inneren Werthe absehend, dann noch höher ansohlagen, wenn wir in Betracht ziehen, dass zu der Zeit der Herausgabe des Jerasalem der Kaiser Joseph in Oesterreich seine Toleranzbestrebungen zu verwirklichen suchte, und Vieler Wünsche dahin gingeD, eine Glaubensvereinigung zu schaffen, die sioh auoh auf die Juden erstrecken sollte (s. Briefwechsel mit Herz Homburg Bd. V. d. Ges. Sehr. S. 671.) Die in dem ״Jerusalem“ niedergelegten Wahrheiten sind dort in 80 anschaulicher und handgreiflioher Weise dargestellt, dass wohl kaum ein wesentlicher Widerspruch oder Fehler der Deduction in ihnen entdeckt werden könnte. In Wahrheit, Mendelssohns Disourse über die der ganzen Menschheit gehörenden ״ewigen Wahrheiten“ und über den ״Bilderdienst“ der vorzeitigen Menschheit werfen ein wunderbares Streiflicht auf eine unserer Kenntniss und Forschung verschlossene Weltepoche. Was das Ceremonialgesetz anbetrifft, so sehen wir, •wie Mendelssohn eine unbeugsame Consequenz des Gedankens mit einer seinem grossen liebevollen Charaoter entspringenden Toleranz verbindet. Und doch, nicht Jedem kann, auoh trotz der eingehenden und eindringlichen Ausführung Mendelssohns, diese seine Behauptung als überzeugend und strict erwiesen erscheinen. In gewissenhafter Weise, sagte er, können die Kinder Israels nur duroh eine sichtbare Handlung Gottes, duroh ein Wunder, vom Ceremonialgesetz — abgesehen von den sioh selbst aufhebenden Localgosetzen — entbunden werden. Dies — der Hinweis auf ein so selten siohtbares Wunder — ist wohl die schwächste Seite der Beweisführung unseres Philosophen, der ja sonst den Wunderbeweis aus der Beligion vorbannt wissen will. Er giebt auoh nicht annähernd eine Andeutung, wie er sich dieses Wunder einer göttlichen Offenbarung zur Aufhebung des Ceremonialgesetzes ׳ denkt. Meint er die Stimme Gottes duroh den Mund eines Propheten, oder die Zeichen Gottes in der Geschichte, in der Eatwickelungsgeschiohte des Judenthums. Wir vermögen ihm in das Beioh des Wunders nicht zu folgen und sohliessen