Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 13. (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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— 51 — im bürgerlichen Beben waltete noch die heimische Religion. Daher antwortete Jesus auf die Frage: ״Wem sollen wir geben? wem gehorchen?“ mit dem Bescheid: ^Ertraget beide Lasten, 80 gut Ihr könnet, dienet zween Herren in Geduld und Ergebenheit; gebet dem Kaiser und gebet Gott“. Noch jetzt gilt dieser Rath, sagt Mendelssohn im Anschluss daran. Keiner kann auf gewissenhafte Weise vom Gesetz entbunden werden. ״ Manches mag in dem Gesetze vielleicht an Zeit, Ort und Umstände gebunden gewesen sein, mag vielleicht mit Zeit, Ort und Umständen geändert werden können — wenn es dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen "Willen darüber zu erkennen zu geben, 80 laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als Er das Gesetz selbst gegeben hat“. Keine Vernünftelei könne vom strengen Gehorsam entbinden. Die Gesetze über Landeseinrichtung und Landeseigenthum zwar höben sich mit der Sache selbst auf, persönliche Pflichten aber nicht (s. S. 856). Das jüdische Gesetz sei daher für den Juden verbindlich, und auch Jesus von Nazareth habe dasselbe nicht beseitigt. Er lebte vielmehr nicht nur nach der mosaischen Lehre, sondern auch nach den Satzungen der Rabbinen. Für ihn war noch der rabbinische Grundsatz voller Geltung: ״Wer nicht im Gesetz geboren ist, darf sich an das Gesetz nicht binden; wer aber im Gesetze geboren ist, muss naoh dem Gesetze leben und naoh dem Gesetze sterben“ (S. 357). In rührender Apostrophe wendet sich Mendelssohn liier an die christlichen Mitbürger: 0״, Ihr lieben Brüder und Mitmenschen, die Ihr der Lehre Jesu folget, solltet uns verargen, wenn wir das thun, was der Stifter Eurer Religion selbst gethan und durch sein Ansehen bewährt hat? Ihr solltet glauben, uns nicht bürgerlich wieder lieben, Euch mit uns nicht bürgerlich vereinigen zu können, so lange wir uns <iuroh das Ceremonialgesetz äusserlich unterscheiden? “ Und wenn das Abweiohen vom Gesetz die einzige Bedingung einer bürgerlichen Vereinigung sein sollte, so hätte freilich ein Dohm vergebens geschrieben (siehe die ״Vorrede“ an mehreren Orten) und würden die Juden die Einschränkungen dem bürgerliohen Rechte vorziehen. Man meine vielleicht, ״Glaubensvereinigung sei der nächste Weg zur Bruderliebe und Bruderduldung, und in dieser Meinung wolle man einen Glaubensvergleich zustande bringen, wolle um Wahrheiten und Rechte gleioh wie um feiles Kaufmannsgut handeln, bis endlich der Vertrag zur Glück- Seligkeit des menschlichen Geschlechts niedergeschrie- ׳ben werden kann“ (s. S. 359). (Schluss folgt.) ידEiniges Uber Eduard Lasker“ von Leopold Freund. Besprochen von Max Weinberg. (Fortsetzung statt Schluss). Ich kann es mir nicht versagen, aus der Fülle dessen, was der geistvolle Essayst über die Bedeutung, das Streben und die Eigenart Laskers sagt wenigstens Einiges hier einzufügen. Es wird das Allen, die das Leben Laskers mit Sympathie und Interesse begleitet, eine lautere Freude, der engeren Laskergemeinde aber eine echte Herzenslabe sein. So heisst es: . .. Von der erhabenen Mission erfüllt, Freiheit und Recht realisiren zu helfen, wollte Lasker die Aera von Blut und Eisen, welohe seine Ideen brutal durchkreuzte, dennoch duroh realpolitische Concessionen besänftigen, um sohliesslioh das jüngste und dessen ungeachtet noch eherne Zeitalter zu humanisiren. In den Mitteln irrte der ironische Adept des unverfälschten Constilutionalismus oft, aber seine Absiohten waren stets lauter und sein Streben bleibt immer grossartig. Unterlag er auch, als der duroh die Postulate der Ethik und der Dootrin nicht sonderlieh genirte, gewaltige Realist auch die erbarmungslose Logik unbequemer Thatsachen, die er herbeiführte, seinen Gedankenkreis störte, so mindert das doch nicht die absolute Bedeutung seiner Lebensaufgabe und den sittlichen Werth seiner Intensionen. Die Renaissance des wirklichen Rechtsstaates bleibt aber gewiss nicht aus, denn Ideen, welche solid basirten socialen Interessen entsprechen, lassen sich nicht in dauernden Ruhestand versetzen . . . Lasker wird in der Verfassungsgesohichte als sein ״zielbewusster eifrigster Pionir anerkannt werden. Und an einer anderen herrlichen Stelle: ״Schärfe und Tiefe, verbunden mit Fülle und Wärme des Gemüthes, — uneigennützige Theilnahme an alle Bestrebungen und Leistungen seiner zahlreichen Freunde, — lebhaftes Interesse für alle Zweige der Wissenschaft, sowie Empfänglichkeit für Kunst- und Naturgenüsse — stete Bereitschaft, durch schlagfertiges Disputiren anzuregen und in minder energischen Genossen die schlummernde Thatkraft zu wecken, — die Tendenz, oft und gern peripatetisch verhandelnd, als Berathar, wie unter Umständen, als Mentor und C e n s 0 r aufzutreten, — die Kunst seine eigene rastlose Rührigkeit Anderen mitzutheilen, — die speoifische Gabe, das Vertrauen der Menschen leicht zu gewinnen und in Folge davon auf Männer in den heterogensten Berufsstellungen und von den verschiedensten Bildungsgraden durch persönlichen Verkehr einen ethisch fordernden, immer nachhaltigen Eindruck auszuüben, — alle diese vorzüglichen Grundbedingungen und Leitfäden sympathischer Impulse standen im seltenen Vereine und in grossem Masse dem echten und dem ganzen Lasker zu Gebote“. Und wie recht hat Freund, wenn er an einer andern Stelle sagt, dass Sohmoller sowohl, wie alle seine Vorgänger in ihren Charakteristiken Lasker’s nur als Ezoteriker zu betrachten seien und daraus den Schluss zieht, dass, . . ״wie sehr man auoh den umsichtigen Generalstabschef der Partei schildern, den flei8sigen Arbeiter in parlamentarischen Commi8sionen preisen mag, — den unermüdlichen Redner im Plenum, den intellectuellen Urheber und gewandten Geburtshelfer zahlreicher und oft wichtiger Gesetze — wie glänzend man auoh den naoh der Beute der politischen Jagd nie lüsternen, uneigennützigen Kämpfer für den Rechtsstaat und die Freiheit darstellen mag, der ״nur die Felder des Bürgers, wie des Landmannes Acker vor Verwüstungen schützen wollte“, und sogar den immerhin einmal möglioh gewesenen deutschen Deäk: in allen diesen, die Vielseitigkeit des Mannes oharakterisironden Situationen kommt dooh nur unvollständig zur Geltung, was Lasker bedeuten wollte und im Ganzen wirklich bedeutete; der ganze Lasker ist aber allein der echte, dessen Andenken sich erhalten wird. So sonderbar es wohl Manchem klingt, weloher blos aus Zeitungen schöpfte, was er von ihm weiss, wir gewärtigen dennoch, zumal bei seinen, gleich uns, intimeren persönlichen Freunden kaum einem begründeten Widerspruche zu begegnen, wenn wir behaupten: ״Der nioht politische Lasker, dessen reiches Gemüthsleben die Welt nioht kannte, war viel grösser, als der Parlamentarier. Davon konnte freilich die exoterisohe Aussenwelt kaum etwas wissen, denn seinem Wesen nach nioht Jedem zugänglich, entzieht sich das innere Leben eines Mensohen stets den Blicken der grossen Menge. Die Politik möchten wir überhaupt keineswegs als das unterste Fundament betrachten, von dem ge-