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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-03-18 · N° 12. (18.3.1886) · p. Seite 47

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 12. (18.3.1886)
Date
1886-03-18
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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— 47 — 4 . -die Bilderschrift, wie wir gesehen, zum Götzendienst l führte, and ebenso auch die alphabetische Schrift dem Menschen das Denken and Forschen erleichtert oder gar erspart, 80 half bei den Hebräern das göttliche <Jeremonialge8 etz diesem Uebelstande ab. Dasselbe brachte eine Verbindung des alltäglichen Lebens mit der Lehre za Stande, and obwohl es nur Handlangen anbefahl, 80 war doch in ihm, wie Mendelssohn meint, der Grundsatz aasgesprochen: ״Die Mensehen müssen zu Handlangen getrieben and zam Nachdenken nur veranlasst werden“ (s. S. 340 u. 341). Den Ceremonien gab 80 das Nachdenken und Forschen über sie eine wesentliehe Bedeutung. Alles Bildliche war grundsätzlich ausgeschlossen und an die Stelle der Zeichen Handlangen gesetzt. Handlangen aber vermögen, weil sie nur etwas Vorübergehendes sind, Niemanden zur Abgötterei za verleiten. Aach verhüten sie, dass der Einzelne sich isolire oder zum blossen Büchermensohen entwickele. Die wenigen geschriebenen Gesetze waren ohne mündliche Erklärung zumeist unverständlich, und andererseits war es verboten, über sie zu schreiben. So musste der mündliche Unterricht das geschriebene Gesetz erklären. Der Jüngling fand, wie oben ausgeführt, überall und in allen seinen Handlangen Gelegenheit zum Nachdenken und zum Nachahmen. Aber die Epoche der bildlosen Verehrung war kurzlebig. Schon zur Zeit der Gesetzgebung verlangte das Volk ein Thierbild, vorgeblich nicht als Gottheit (s. S. 342). Es sollte sie anführen, sagten sie und Moses’ Stelle vertreten. Als aber Aaron das Kalb gegossen hatte, riefen sie anders: ״Dieses sind Deine Götter, Israel, die Dich aus Aegypten geführt haben!“ Der Vorsehung diente diese Uebertretung des Grundgesetzes dazu, ihre Zwecke zur Verblendung zu führen. Ihr ward die Verehrung des goldenen Kalbes Anlass zur Verkündung der göttliehen Liebe. Das Heidenthum, führt Mendelssohn aus, legte seinen Göttern menschliche Eigenschaften bei, aber man liess diese Götter lieber mäohtig als gütig sein, da Güte als eine Schwachheit erschien. Das Volk und die Führer der Griechen hielten, wie Meiners in seiner Geschichte der Wissenschaften in Griechenland und Rom sagt (8. IU, S. 343), ihre Götter für Wesen, die zwar mächtiger als Menschen sind, aber einerlei Bedürfnisse, Leidenschaften, Laster mit ihnen haben. Sie sind reizbar und neidisch, sie verzeihen nicht aus Liebe. Aber der Gott der Juden ist gnadenvoll, er zeiht seinem Volke die Anbetung des goldenen Kalbes, und seine vor Mose vorüberziehende Erscheinung ruft: ״Der Herr, ewiges Wesen, allmächtig, allbarmherzig und allgnädig, langmüthig, von grosserHuld und Treue, der seine Huld dem tausendsten Geschlechte noch aufbehält, der Missethat, Sünde undAbfall verzeihet, aber nichts ohne Ahndung hingehen lässt“ (s. S. 344 u. 345). Das er nichts ohne Ahndung hingehen lasse, ist nach den Rabbinen, wie Mendelssohn sagt, eine Eigenschaft der göttlichen Liebe. Hiermit leitet der Philosoph auf das Gebiet der göttlichen Strafen über und berührt die Unmöglichkeit der auoh von vielen Kirchenmännem nicht anerkannten Ewigkeit der Strafen. Er theilt uns den Inhalt eines Gesprächs mit, welches er mit einem christlichen Freunde über dieses Thema gehabt. Gerade so wie ״Pflichten gegen Gott“ nur ein halber Begriff sind, sei dies auch mit ״Beleidigung der Maje stät Gottes“ der Fall. ״Dieser Begriff,“ sagt er, im ״buchstäblichen Sinne genommen, hat jene unstatthafte Meinung von der Ewigkeit der Höllenstrafen zur Welt gebracht, deren Missbrauch nicht viel weniger Measohen in diesem Leben wirklich elend gemacht, als sie der Theorie nach in jener Zukunft , unglückselig macht“ (S. 345). Ein endüohes Elend ’ dagegen muss, wie Mendelssohn in Uebereinstimmang mit seinem Freunde erklärt, als eine wohlverdiente Züchtigung angenommen werden. Jedooh könne und werde es der allweisen Liebe Gottes gefallen, auoh verdiente Strafen zu erlassen, wofern die Unterlassung die Besserung des Mensohen befördert. Der Aasohaaang aber, dass Gott es gut finden könne, den Mensohen Anderen zum Beispiele leiden zu lassen, stimmt Mendelssohn nioht bei. Hören wir ihn in diesem wiohtigen Punkte, auf welchem das ganze Christentham ruht, selber: ״In dem Staate Gottes leidet kein Individuum blos Anderen zum Besten. Wenn dieses geschehen 8011, so muss die Aufopferung zum Besten Anderer dem Leidenden selbst einen höheren sittlichen Werth geben, so muss es, in Absicht auf den inneren Zuwachs seiner Vollkommenheit, ihm selbst wiohtig sein, durch seine Leiden so viel Gutes befördert za haben“ (s S. 347). Die göttliche Strafe ist eine Wohlthat, die Ahndung des Verbrechens eine Aeusserang der Liebe Gottes. Und dass Gott die Lehre von der Barmherzigkeit zuerst durch Mose offenbarte, lässt Mendelssohn den Psalmisten bezeugen: Mose'n zeiget er seine Wege, Den Israeliten sein Thun. Allbarmherzig ist der Herr, allgnädig, Langmüthig und von grosser Güte (Ps. 103; nach Mendelssohns Uebersetzung.) (Schluss folgt.) Litteraturbericht, Recensionen. Orzeszko, E. P. Xeier Ezofowicz. Erzählung aus dem Leben der Juden u. 8. w. Zweite Auflage Dresden und Leipzig. Heinrioh Minden. (Fortsetzung.) Gleich bewundern8werth in der Auffassung und Schilderung ist die Scene zwischen Meier, dem Geisteserben des Ezofowicz sen. und dem ihm geistesverwandten Vetter Ber: Ber, sprach Meier, hassest Du die Edomiten? Ber schüttelte verneinend das Haupt. Der Hass thut dem Herzen weh — antwortet er. Ich trage keinen Hass gegen sie im Herzen. Auoh ich nicht, bestätigte Meier. Aber glaubst Du, dass Todros sie hasst? frag Meier weiter. Jawohl! antwortete energischer denn je Ber. Todros hasst sie. Und warum hasst er sie? Weil er nicht in derselben Zeit lebt, wie wir Anderen, er lebt immer in jenen Zeiten, in denen der römische Kaiser den Tempel von Jerusalem zerstörte, das Volk Israel aus Palästina verjagt wurde, in den Zeiten, in denen die Juden auf Scheiterhaufen verbrannten und über die ganze Erde zerstreut wurden. Er athmet und lebt jetzt, aber er denkt und fühlt wie vor 2000 und 1000 Jahren. Er weiss nichts davon, dass seit dem Tode seines Ahnherrn Todros, der aus Spanien herübergekommen, eine Unzahl von Jahren wie ein breiter Strom ohne Aufenthalt dahingeflossen sind, und dass in diesem Strome kluge und gute Menschen geschwommen sind, die der Welt kluge und gute Dinge brachten, und dass seit jener langen Zeit die Welt sich geändert hat und Menschen, welche einander hassten und verfolgten, sich die Hand zur Versöhnung gereicht haben. Er weiss von gar nichts, was auf der Welt vorgeht! Und woher sollte er es wissen? Er ist seit seiner Geburt nie aus Szybow herausgekommen, und seine Augen haben nie andere Bücher gesehen, als die ihm von Vätern und Vor-

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