Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 10. (4.3.1886)
- Date
- 1886-03-04
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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— 38 — dieser sich nicht unwerth zeigt, ein Geistesverwandter der Hofpredigerclique zu heissen, und eb6nso, wie man neuerlich Schleiden und Anderen die wohlverbriefte Taufe abgesprochen hat, das ganze ״junge Deutschland“, also Wienbarg, Gutzkow, Laube etc. kurzweg als Juden abschlachtet. Wir wissen, dass Göthe, während Herder Moses Mendelssohn einen ״pfiffigen Hebräer“ schilt, diesen hochverehrte und Jacobi’s ma8sloses Auftreten gegen ihn entschieden missbilligte; wir erfahren, mit welcher liebevollen Wärme er den musikalischen Judenjungen Felix Mendelssohn-Bartholdy umfasste, und in den Briefen David Yeit’s an Rahel lesen wir, wie er diesen unreifen Studenten aus Judäa mit nahezu väterlicher Freundschaft beglückte. Er stand mit Friedländer u. A. in freundlichstem Verkehr, und er war es, der den Maler Oppenheim thätig förderte, dem Improvisator O. L. B. Wolfi in Weimar eine Professur verschaffte und nicht nur Michael Beer’s ״Pavia“ öffentlich belobte, sondern ihm sonst noch, wie er sich gegen Eckermann ausdrückte, ״eine Freude zu machen“ bestrebt war. Wie hoch er Meyerbeer schätzte, erhellt daraus, dass er — die Wagnerianer mögen ein Kreuz schlagen! — wiederholt äusserte, nur dieser sei würdig und fähig, den Faust zu komponiren. Und, um seine Sündenregister hier zu schliessen, er las seine neuesten dichterischen Erzeugnisse, namentlich in Karlsbad, am liebsten jüdischen Damen, wie der Frau von Eskeles, Grotthus etc. vor, zu welcher Thatsache Riemer die Erläuterung giebt: ״Sie (die Juden) zeigen überhaupt in der Regel mehr geiällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Theilnahme, als ein Nationaldeutscher, und ihre schnelle Fassungsgabe, ihr penetranter Verstand, ihr eigenthümlicher Witz machen sie zu einem sensibleren Publikum, als leider unter den zuweilen etwas langsamen und schwer begreifenden Echt- und Urdeutschen angetroffen wird“. Freilich wissen wir auch, dass Göthe über das weimarische Gesetz vom 20. Juni 1823, durch welche die Heirath zwischen Christen und Juden gestattet ward, gesprächsweise seinen hellen Zorn ausgoss; aber ganz abgesehen von den Anschauungen seiner Zeit, so lag, wie wir den ״ Unterhaltungen mit Kanzler von Müller“ entnehmen, diesem Grolle kein niedriger Judenhass zu Grunde, vielmehr empörte sich sein konservativer Sinn nur gegen den Gedanken, dass, wie dieses Gesetz zuliess, ״eine Jüdin im Namen der Dreifaltigkeit in der Kirche getraut werden dürfe“. Welche Steilung er aber auch den Juden gegenüber eingenommen hätte — um in den Chorus Stöckerischer Hep-Hep-Rufer einzustimmen, dazu war er zu sehr — Göthe und der Freund Karl August’s, der noch am Tage vor seinem Tode Alexander von Humboldt gegenüber über das Anwachsen des Pietismus und das Niederhalten freiheitlicher Regungen jammerte. Der Geist, der sich erfrecht, auf die Fahne des krassesten Fanatismus den Namen Göthe zu schreiben, ist nochr immer rührig in deutschen Gauen, die Zeit ist trübe, und das Wort, das Göthe am 15. Octbr. 1825 zu Eckermann sprach, drängt sioh als Stossseufzer aus der Brust: ״Ein Lessing thäto uns noth!“ Moses Mendelssohn und das Judenthum. IV. Jerusalem. (Fortsetzung). Das Judenthum nimmt in dieser Darstellung Mendelssohn’s eine Form an, die dasselbe gewissei massen zu einer Musterreligion erhebt, einer Religion, welche moht nur frei von Dogmen und Lehrmeinungen ist, sondern auch der unbedingtesten Denk- und Gewissens• freiheit huldigt. Dieses Judenthum, diese Lehre vom göttlichen Gesetz hatte eine unverkennbare innere Verwandtschaft mit Leasings Protestantismus, welcher, auf ähnlicher Grundlage ruhend, der geistigen und Gewissensfreiheit des Menschen das Wort sprach. ״Mendelssohn stellte das Julenthum als Gesetz dar“, sagt Kayserling in seiner Biographie, ״und popularisirte somit eine Ansicht, welche Spinoza in seinem Traotate dunkel angedeutet hatte Das Judenthum ist keine Religion und kennt also auc h keinen Glauben. Auf Vernunft und historische Wahrheiten gründen sich die dem Moses geoffen barten Gesetze und erwecken zum Nachdenken über dieselben . . . Der Geist des Judenthums ist Conformität in Handlungen und Freiheit in Absicht auf Lehrmeinungen . . . Mit diesen Grundsätzen bekannte sich Mendelssohn zu einem theologischen Rationalismus, wie ihn Leibniz und Reimarus aufgestellt hatten, und erzielte die innigste Verbindung zwischen Religion und Philosophie. Er hatte unbedingte Denk- und Glaubensfreiheit, Sonderung des Staates von der Kirche proclamirt, das Judenthum als Religion negirt und der Welt deutlich bewiesen, dass das Judenthum keine Glaubensartikel habe“. (Kayserling S. 367, 368, vergl. auch Holdheim, Moses Mendelssohn und die Denk- und Glaubensfreiheit im Judenthum, Berlin 1859.) Hatte 6ich Mendelssohn mit dieser Erörterung von dem Buchstaben des mosaischen Glaubens scheinbar weit entfernt, so kehrt er in seiner Betrachtung über das Ceremonialgesetz, dessen Genesis er vortrefflieh darzulegen weiss, wieder zu dem Ausgangspunkte, dem mosaischen Glauben, zurück. Der Unterricht in den von Mose aufgezeichneten Geboten Gottes, sagt er, fand mündlich statt. Er konnte so nach den Zeiten und Umständen erweitert oder umgeändert werden. Diese mündliche Ueberlieferung niederzuschreiben, galt anfangs für unerlaubt, und nur widerwillig entschloss man sich zu dem nothwendig gewordenen Schritte, die Erläuterungen des Gesetzes schriftlich zu fixiren. Doch nannte man dieses Niederschreiben ״ein Zerstören des Gesetzes“ und sagte mit dem Psalmisten: ״Es ist eine Zeit, da man um des Ewigen willen das Gesetz zerstören muss“. (Bd. III. S. 324.) Die mündliche Lehre war indes viel wirksamer auf das Gemüth, als der geschriebene Buchstabe. ״Was der Schüler vom Morgen bis Abend that und thun sab, war ein Fingerzeig auf religiöse Lehren und Gesinnungen, trieb ihn an, seinem Lehrer zu folgen, ihn zu beobachten, alle seine Handlungen zu bemerken, den Unterricht zu holen, dessen er durch seine Anlagen fähig war, und sich durch sein Betragen würdig gemacht hatte“. Die Verallgemeinerung der Schrift jedoch verdrängte diesen persönlichen Verkehr, namentlich durch die Erfindung der Buohdruckerkunst. ״Aus Schriften lernen und lehren wir; Natur und Menschen kennen wir durch die Schrift. Unser Umgang ist zum grossen Theil Briefwechsel, und Vorlesen ein wesentlicher Theil unserer Unterhaltung. So hat der Mensch für den Menschen an Werth verloren. Der Jüngling weiss aus Büchern mehr, als der Greis aus Erfahrung. Wir sind: litterati, Buohstabenmensonen. Wir können kaum begreifen, wie ein Erdensohn sioh bilden und vervollkommnen kann ohne Buph“ (8. in. S. 326). Im fernen Alterthum dagegen war der Mensch nothwendiger mit dem Menschen, und die Betrachtung inniger mit der Handlung verbunden. Der Unerfahrene musste von dem Erfahrenen, der Schüler von dem. Lehrer lernen. (Fortsetzung folgt.)