Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 10. (4.3.1886)
- Date
- 1886-03-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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J& 1«. Jüdisches Jahrg. XV, Litteratur-Blatt. Iir Belenrht«*|t aller lilntki■ rr4 Ladern betreffende« lltteraiiaelie« Kr* teheiaeaprea aaf dem Gebiete der Phile* Mpkie, Geerhlchte, Kthaographle* Theo• loffe, Orleatalla, Gzegeae* HomMetlk. liftarfrik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner l>r. Moritz Rahmer. 4. 1886, Bücher der einiichlägigeii Idtteratar, welche der Kedactlon sageaandt werden, finden ln dienen! lltatte eingehende Henprechung. Bel Klnnetidung von *wei Kecenstonn• Exemplaren erfolgt einmalige kurae GratU-lnaertlon. Das «JRdlsche Lltteratar-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen S Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werdeu mit M Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilage■ mit 16 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. MC* Buchh&ndler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 yi Rabatt. Inhalt: W issenschaftliche A uf Sätze: War Gütlie ein Antisemit? Von J. Herzfelder. — Moses Mendelssohn und das Judenthum. (Fortsetzung.) — Datum-Berichtigungen zu Dr. Zunz ,,Zur Geschichte und Litteratur“. Von L. Cohen in Rees a. Rhein Litteraturbericht: Einiges über Eduard Lasker. I. Von Max Weinberg. Notizen. Collectanea zur Mischna. (UI.) Nachdruck nur mit ■voller Quellenangabe gestattet. War Göthe ein Antisemit? Von J. Herzfelder. Der frühere Reichstagsabgeordnete Strosser batte sich vor einigen Jahren, als die Bochfluih der Antisemitenbewegung alle Dämme niederzureissen drohte, in öffentlicher Debatte auf Göthe als Gesinnungsgenossen berufen. Der ״grosse Heide“ im Bunde mit den Antisemite n! Wenn er auch vor vielen Jahren sang: ״Nicht Uber Zeit- und Landgenossen Musst Du Dich beklagen; Nachbarn werden gaBz andere Possen Und auch Künftige über Dich sagen“, daran hat er wohl nicht gedacht, dass ihn einmal ein Zuchthansdireotor auf die Redneibühne zerren werde, um für Unduldsamkeit und brutalen Hass sein Zeugniss abzulegen. Da erst neuerlich wieder ein Blatt diesen Kohl aufwärmte, dürfte es angezeigt erscheinen, solcher Anschuldigung näher auf den Leib zu rücken. Was hat der Schriftsteller Göthe an den Juden gesündigt? An die bekannten Worte im Faust: ״Ein Jud’, ein König kann es auch“, wird die Stöcker- Partei wohl nicht erinnern wollen, da ja hier dem Hebräer die Ehre widerfahrt, mit Pfaffen und Fürsten auf Fiue Sündenbank gesetzt zu werden, und wenn es ihr etwa einfiele, aus dem ״Jahrmarktsfest zu Plundersweilen “ den Judenfresser Hermann zu citiren: ״Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr, Er weiss mit leichter Müh’ und, ohne viel zu wagen, Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen“, so müsste sogleich die Antwort des Ahasveros auf dem Fusse folgen: ״Ich weiss das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind, Doch das thun Andere mehr, die unbeschnitten sind“. Dass Göthe dem Ritter Kurt auf seiner Brautfahrt Juden ״mit dem Schein vertagter Schuld“ in den Weg treten lässt, fixirt nur eine peinliche Situation, in welche schon mancher junkerliche Gesinnungsgenösse Strossers gerathen sein mag. Auch die Fragmente des ״ewigen Juden“ dürften der Liga nicht behagen, darin ihr vorgehalten wird: ״Es waren, die den Vater auch gekannt. Wo sind sie denn? Eh, die hat man verbrannt“. Wie delikat der Dichter auch in den geringfügigsten Dingen verfuhr, beweist das Gedicht ״ Auf Würdungs Tod“, in welchem er die ursprüngliche Lesart ״der Jude Elkan läuft mit manchem Rest“ aus Rücksicht auf diesen Theaterlieferanten und seine Familie späterhin abänderte: ״Der thät’ge Elkan“ etc. Hätte er sich jedoch in seinen Versen noch so derb oder spottend über Juden ausgelassen, 80 konnte das nicht an ihm irre machen, da ja das Volk Israel sich längst darein finden musste, auch dem harmlosesten Poeten als beliebter Ausschmückungsbehelf zu dienen. Wer wird den edlen Uhland als Antisemiten verschreien wollen, weil er in seinem Metzeisuppenliede sang: ״Das ist ein jüdisch ekler Gauch, der solche Kost verachtet?“ Oder Schiller, weil er einmal sagt: ״Der Preis ist mir zu jüdisch?“ Freilich wird auf eine Steile hingewiesen werden, welche Göthe's toleranter Ansohauung Abbruch zu thun scheint. Denn einmal hat er sich wirklich herbeigelassen, von dem jüdisohen Volke zu sagen, ״dass es niemals viel getaugt habe und dass er weder Böses noch Gutes von ihm sprechen wolle“, aber von dem Platze aus betrachtet, wo dieser Satz zu finden ist, erscheint er nur als eine beiläufig hingeworfene Kritik des in todten Satzungen erstarrten, historischen Hebräerthums und keineswegs als ein Angriff auf den Kern und Geist des Judenthums oder gar auf die Juden seiner Zeit. Dass er diesen geistigen Aufschwung und Besserung ihrer Lage prophezeite und vergönnte, erseheD wir aus den Briefen an Bettina. Aber wozu an Worten herumdeuteln, da wir aus seinem Greisenalter ein schriftliches Bekenntniss seiner hohen Gesinnung besitzen, das keiner Deutung bedarf? In seinem Aufsatze ״Ueber das deutsche Theater“ (1815) spricht er bei Behandlung der AuffuhruDg ״Nathans des Weisen“ einen Wunsch aus, den wir jedem Antisemiten zur Aufnahme in sein Album empfehlen: ״Möge die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, dass es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und werth bleiben!“ — Wie steht es nun mit dem Menschen Göthe? Dass dieser in Bezug auf Juden frei war von engbrüstiger Voreingenommenheit, ersehen wir nicht nur aus seinen Bekenntnissen in ״Wahrheit und Dichtung“ (Buch IV.), aus vielen Stellen des Briefwechsels mit Zelter u. A., wir erfahren es besonders aus den Mittheilungen seines langjährigen Hausgenossen Riemer, dessen Zeugniss um so unverdächtiger klingt, als