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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-02-25 · N° 9. (25.2.1886) · p. Seite 35

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 9. (25.2.1886)
Date
1886-02-25
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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— 35 — Litteraturbericht Recensionen. Orzesrko, E. P. Meier Ezofowicz. Erzählung aus dem Leben der Jaden u. 8. w. Zweite Auflage Dresden und Leipzig. Heinrich Minden. (Fortsetzung.) Und wie vorurtheilsfrei und schön, aber auch wie grossdenkend und wahr ist es, wenn sie den Michael Ezoiowicz sen. sagen lässt: Israel! Du bist ein grosses Volk! Du unter allen Völkern warst das erste, das den einzigen Gott im Himmel erkannte, und unter Donner und Blitz jene zehn Riesenworte vernahmst, auf denen, gleich wie auf zehn Felsen, andere Völker durch alle Geschlechter hindurch sich die Staffeln zum Wege der Vervollkommi.ung aulbauen. Israel! Blind von Geburt oder mit der Blindheit des Bösen geschlagen ist derjenige, der Dich betrachtend, Deine alte Würde nicht erkenut! Erblindet das Auge, oder von Hölleugluth vertrocknet, das der Leiden, die Du erlitten, gedenkend, nicht in Thränen aufgeht! Unglücklich derjenige, dessen Lippen über dich das Wort — ״unwürdig“ — aussprechen. Möge der Ewige sich seiner erbarmen und ihm vergeben, denn er besitzt nicht jenes Mass von Gerechtigkeit, mit dem man die Vorzüge und Fehler der Völker misst, noch jenes Licht der Weisheit, welches erkennen lässt, wie Schmerz und Elend Sünden erzeugen! Israel! Du zeugtest Moses mit dem Herzen voll glühender Liebe gleich dem flammenden Busch, David mit der goldenen Harfe, die schöne Esther, die über das Unglück ihres Volkes in Thränen zerfloss. Dir entstammten die Makkabäer mit den gewaltigen Schwertern, und die Piopheten, welche für die Wahrheit ihrer Erkenntniss willig in den Tod gingen. Du hast, als du noch glücklich und friedlieh im Lande deiner Väter lebtest, die Sclaverei deiner Mitbrüder verdammt, hast auf deinen Feldern jede zehnte Garbe für den Hungernden stehen lassen, hast Redefreiheit Jedem gewahrt, der zum Volke sprechen wollte, und nur vor Jehova allein beugtest da dich mit den Worten: ״wir sind alle gleich vor unserm himmlischen Vater!“ Und als du daun unglücklich und besiegt, vou dem Blnte deiner Söhue, die das Land ihrer Vorfahreu veriheidigten, benetzt, in Thränen und Asche zwischen den fremden Völkern standest, da hast du alle Schmerzen und alle Verachtung erfahren, und bist doch deinem einzigen Gotte treu geblieben, hast deine Erinnerung an deine Vorfahren nicht verloren, und hast allen Völkern, die jemals in Bedrängniss und Leid waren, gelehrt, wie man ohne Waffen sich wehren kann! (S. 225.) Freilich haben Zeiten und Verhältnisse diesem Volke arg mitgespielt, so arg wie keinem mehr a.!f der weiten Welt und das konnte natürlich nicht ohne schlimme Rückwirkung auf seine leibliche, wie geistige und moralische Entwicklung bleiben aber für jegliche Gemeinschaft kommen Zeiten geistiger Blindheit und geistigen Verfalls. Es geschieht dies am öftesten, wenn Lebensfähigkeit und Energie der Völker durch vieles Dulden und Arbeiten erschöpft, durch Ströme vergossenen Blutes entkräftet ist. Die Juden des Westens befanden sich im 16 Jahrhundert in einer ähnlichen Zeit. Hatten sie doch Jahrhunderte lang in trostloser Furcht, in der Verbannung, zwischen Blut und Feuer gelebt. Weit hinter ihnen lagen jene Zeiten, wo aus ihrer Mitte weise Aerzte voll weitlicher Gelehrsamkeit hervorgingen, verehrt von ihren Mitmenschen, von Königen hoch geachtet; weit hinter ihnen, halb vergessen, halb verachtet, lag der weise und aufgeklärte Maimonides, der, ohne di« schuldige Ehrfurcht gegen israelitische Rechtgläubig• keit zu verletzen, die Weisen Griechenlands hoch verehrte; der die Lehren der Bibel und des Talmuds auf mathematische und astronomische Wahrheiten zu gründen und zu stützen versuchte; der offen den heissen Wunsch bekannte, die 2500 Bogen des Talmud in einen Band voll Aufklärung zu vereinen, der aller religiösen Verdunklung zum Trotz frei erklärte, die Augen seien dem Menschen vom und nicht rückwärts gegeben, damit er vor sich sehen könne, und es vorhersagte, dass die Welt sich 80 mit Wissen füllen werde, wie die Tiefen des Meeres mit Wasser gefüllt sind. (S. 8.) Und diese unglücklichen geschichtlichen Verhältnisse, nicht aber Bibel und Talmud, sind der eigentliche Grund,«lass ״vier Jahrhunderte“, (dem Schauplatz unsererErzählung)nachdem die ehrwürdige, ernste, sanfte und durchaus sympathischeGestalt des israelitischenDenkers, welcher überdies als der bedeutendste Denker des Mittelalters bezeichnet werden kann, von der Erde verschwuuden, diesem Riesen mit dem Adlerblick und dem glühenden Herzen Zwerge voll Bitterniss und Müdigkeit folgten, den trüben, beengten argwöhnischen Blick aut die Welt gerichtet. ״Hüte dich vor der Weisheit Griechenlands“ sprach zu seinem Sohne Josef Ezobi, denn sie ist dem Weinberge Sedoms ähnlich, sie füllt den Geist des Menschen mit Trunkenheit und Sünde“. ״Fremde drängen sich in die Thore Zions“ ruft Abba-Maria, als er erfährt, dass die Jünglinge Israels bei andersgläubigan Weisen lernen. In voller Uebereinstimmung beschliessen Rabbinen und Vorsteher der jüdischen Cultusgemeinden im Westen und sprechen es als Gesetz aus, dass Niemand vor zurüekgelegtem 30. Lebensjahre sich der weltlichen Lehre zuwenden dürfe. ,Nur derjenige, sagen sie, der seinen Geist an der Bibel und dem Talmud gesättigt, hat das Recht erworben, sich am fremden Feuer zu wärmen. ״Rabbi“ antworteten darauf die Beherzteren, die sich aber trotzdem demüthig der seelischen Führung ihrer Oberen unterwarfen, wie können wir uns weitliehe Gelehrsamkeit nach unserem 30. Lebensjahre aneignen, wenn sich der Geist abstumpft, das Gedächtniss schwächt und die Lust und Kraft der Jugend vergeht?“ ״Es geschah jedoch wie vorgeschrieben. Ihr Geist wurde stumpf, das Gedächtniss schwach, Kraft und Lust der Jugend verfiel. Das stille regungslose Grab des Maimonides stand in einem Meer von Finsterniss, das sich über sein durch ihn dem Lichte zugeführtes Volk ergoss. Sein Gedächtniss wurde verflucht, und eine verwegene Hand verwischte die Grabsohrift voll Dankbarkeit und Verehrung, an ihre Stolle jene trockenen und schrecklichen Worte voll fanatischer Verdunkelung setzend: Hier ruht Moses Maimonides, der verfluchte Ketzer“. Die gleichen Streitigkeiten entbrannten zur selben Zeit zwischen den in Polen ansässigen Juden. Nur waren diese uuendlich viel weniger von Leiden erschöpft, als ihre Brüder im Westen, aber freier und sich ihrer Rechte an das Dasein und die Zukunft mehr bewusst, zeigten sie weniger Enthaltsamkeit, sich an der fremden Flamme zu wärmen. Im Gegentheil entwickelte sich aus ihnen eine ziemlich starke Gemeinschaft, welche laut nach weltlicher Lehre rief, um sich mit der übrigen Menschheit in geistigem Mühen und Streben zu verbrüdern. Einer der Männer, der an der Spitze dieser Gemeinschaft stand, war der litthauisohe Senior Ezofowicz. Seine ihm

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