Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 9. (25.2.1886)
- Date
- 1886-02-25
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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— 34 — sprachen, dass Mendelssohn dem Christenthume eben so fern stehe, wie dem Judenthu me. Nachdem der Philosoph sich darüber ausgelassen hat, dass er nie dem Christenthume gegenüber eine feindselige Stellung eingenommen, dass er auch nicht um etwa noch unentdeckte Docamente gegen die Thatsachen des Christenthums wisse, legt er das Resultat seiner Erkenntnisse in folgendem Satze nieder: ״Ich erkenne keine andere ewige Wahrheiten, als die, welche der menschlichen Vernunft nichtnur begreiflich, sondern durch menschliche Kräfte dargethan und bewährt werden können“. Dass er mit dieser Erkenntnis« nicht, wie es oben behauptet war, den Boden des jüdischen Glaubens verlasse, dass mit anderen Worten das Juden* thum keine geoffenbarte Religion, wie das Christenthum, kenne, sondern nur geofienbarte Gesetzgebung, aber keine Heilswahrheiten oder Vernunft- Sätze, dass überhaupt Gott ewige Wahrheiten allen Menschen in gleicher Weise, d. i. durch N atur und Sache, nicht durch Wort und Schrift offenbare, dieses bildet nebst dem Ceremonialgesetze den wesentliehen Inhalt des zweiten Theiles seines ״Jerusalem“. Er weist zunächst, um die Art, wie Gott sich den Menschen offenbart, zu verdeutlichen, auf die Verschiedenheit der vernunftmässigen Wahrheiten hin. Ewige Wahrheiten, sagt er, sind entweder unverändert und nothwendig, oder zufällig. Die n o t hwendigen Wahrheiten entspringen aus dem Verstände, die zufälligen aus dem Willen Gottes. Zu den ersteren gehören die Sätze der reinen Mathematik, zu den letzteren, den zufälligen Wahrheiten, die der Physik und Geisferlehre. Ausser den ewigen Wahrbeiten giebt es zeitliche oder Geschichtswahrheiten, die durch den Zusammenfluss von Ursachen und Wirkungen einmal geschehen. Zur Erkenntniss der nothwendigen Wahrheiten dient die Vernunft, sie werden verbreitet durch Unterricht und Ueberzeugung. Die zufälligen Wahrheiten zeigt neben der Vernunft die Be obachtung. Da unser Leben nicht hinreicht, alle Erscheinungen der Natur selbst wahrzunehmen, so hilft uns die Beobachtung Anderer, denen wir aber nur dann vertrauen, wenn wir überführt sind und selber noch prüfen können. Geschichts- Wahrheiten müssen im Gegensatz zu den ewigen Gesetzen sinnlich wahrgenommen oder aber auf eine Autorität hin geglaubt werden, die über allen Zweifel erhaben ist. Wie nur durch Vernunft und Beobachtung das ewig Wahre erkannt wird, so ist es Gott genehm gewesen, zur Erkenntniss historischer Wahrheiten den Menschen auf menschliche Weise hinzuführen, d. h. durch Worte und Schrift, durch ausserordentliche Dinge und Wunder (Bd. III. S. 315). Die ewigen Wahrheiten werden in Gott gemässer Weise, nämlich durch Vernunft, erkannt. Und die Vernunft reicht zur Erkenntniss derselben hin. Es bedarf der! Offenbarung für ewige Wahrheiten nicht. , ln diesem Sinne glaubt auch das Judenthum, dass alle Menschen, ohne Offenbarung, zur Glückseligkeit berufen sind, mögen sie auoh hier in niederem, dort in höherem Culturstande leben. Ja, es findet, wenn in Folge der Cultur die natürlichen Grenzen überschritten werden, allemal ein Rückschlag statt. ״Das Maass der Sittlichkeit eines Volkes bleibt sich in allen Perioden seiner Entwiokelung ungefähr gleich“. Mendelssohn kann daher Lessing nicht beistimmen, der eine fortwährende Verbesserung des Menschengeschlechtes annahm (s. Lessing, Erziehung des Menschengeschlechts. Werke Bd. III. S. 181) Er behauptet vielmehr, der Mensch schreite fort, aber die Mensohheit bleibe immer auf derselben Stufe (8• S. 318). Von diesem Exours zurückkehrend, wiederholt er, dass das Judenthum sich keiner aussohliessenden Offenbarung ewiger Wahrheiten rühme. Es hat vielmehr dieselben ewigen Wahrheiten, wie die übrige Menschheit. Wohl aber besitzt es eine ge offenbarte Gesetzgebung. Wozu sollte auch wohl ein geofieubarter Glaube dienen? Wenn Gott sich offenbart: ״loh bin der Ewige, Dein Gott! das nothwendige, selbstständige Wesen, das allmächtig ist und allwissend“ (8. S 319), so würde der gedankenlose Thiermensch es doch nicht vernehmen und der Sophist dennoch Vernunftgründe für da< Dasein Gottes verlangen, da ihm die ewige Wahrheit nur durch die Vernunft gilt. Die einzige, ewige Gottheit wurde daher auch vorausgesetzt, bevor jene Gesetzgebung geoffenbart werden konnte. Die Lehre vom Dasein eines ewigen Gottes füllte etwa die VorbereLtungstage zu der Gesetzgebung aus; denn nur unter der Voraussetzung eines ewigen Gottes wurden die Gesetze als historische Wahrheiten dem Volke übermittelt Diese Geschichtswahrheiten nun, fährt der Philosoph fort, müssen durch Autorität bewährt, können durch Wuuder bekräftigt werden; denn die Wunder dienen nur zur Bestätigung, nie zu Beweisen von Vernunft wahrheiten (s. Betrachtungen über Bonnets Palingenesie in Bd. III. S. 147). Das Buch Mose enthält nun allerdings nioht blos Gesetze und Verordnungen, sondern auoh Vernunft- Wahrheiten und Reiigiouslehren. Aber die Letzteren sind mit den Ersteren auFs Engste verbunden, weswegen die Rabbinen die Gesetze den Körper und die Lehren die 8eele nennen. ״Die Wahrheit bietet sich in dem Gesetzbuohe Moses“, sagt Mendelssohn, ״in der einfachsten Bekleidung, gleichsam ohne Anspruoh, auf den ersten Anblick dar. Allein je näher Ihr hinzudringet, je reiner, unschuldiger, liebeuud sehnsuohtsvoller der Blick ist, mit welchem Ihr auf sie hinschauet, desto mehr entfaltet sie Euch von ihrer göttlichen Schönheit, die sie mit leichtem Flor umhüllt, um nicht von gemeinen, unheiligen Augen eutweihet zu werden. Allein alle diese vortrefflichen Lehrsätze werden dem Erkenntnisse dargestellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges: Du sollst glauben! oder Du sollst nicht glauben! sondern alle heissen: Du sollst thun! oder nicht thun!“ Alle göttlichen Befehle richten sich an den Willen. Das Wort ״Glauben“ heisst in der Bibel zumeist auoh nur ״Vertrauen, Zuversicht“ (l. Moses 15 6, 2. 14.31, 5. 4.39, 5. 6.4). Gebote und Verbote erstrecken sich auf Thun und Lassen; Glauben und Zweifel aber entspringen aus der Erkenntniss von Wahrheit und Unwahrheit. Das alte Jndenthum kennt daher auch keine Glaubensartikel. Zwar hat Maimouides deren dreizehu aufgestellt, doch wurden Albo, Chasdai, Luria und die neueren Kabbalisten nicht• verketzert, als 9ie dieselben verwarfen, veränderten oder verringerten. Und in Wahrheit lässt sich eine Religion auch nicht auf Fundamental begriffe zurückführeu, wie es bei einem Wissen wohl angehen mag. Die Quintessenz des Glaubens sind die Werke. Als sich daher ein Heide, der zum Judenthum übertreten wollte, aber von Schammai abgewiesen war, an Hillel wandte, rietb ihm dieser mit Recht: ״Sohn! liebe Deinen Nächsten wie Di oh selbst. Dieses ist der Text des Gesetzes; alles Uebrige ist Commentar. Nun gehe hin und lerne!“ (Forts, folgt.)