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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-02-04 · N° 6. (4.2.1886) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 6. (4.2.1886)
Date
1886-02-04
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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— 22 — dem alle Volksgemeinschaften betrifft und daher ein allgemeines Interesse beanspruchen darf. In seinem ״Jerusalem“ hat er diese Gedanken weiter entwickelt und mit den Rechten nnd Befugnissen des Staats in nähere Beziehung gebracht, doch werdeu wir auch schon bei der Betrachtung dieser ״Vorrede“ den wesentlichen Gedankengang der Mendelssohn’sohen Rechtsphilosophie in Kürze durohgehen können. ״Eine rechtliche Entscheidung,“ sagt er, ״soll in einem Staate nicht von jüdischen oder christlichen, sondern von obrigkeitlichen Richtern geschehen“. (S. 193.) Das Recht ist unabhängig von Confessionen, es niesst aus der Vernunft. Schwieriger ist nach einer anderen Seite hin die Frage einer Kirchenordnung. Er untersucht hierbei ״das Kirohenrecht“, welches er in Wahrheit nicht als zu Recht bestehend anerkennen kann. ״ Die wahre Religion, “ sagt er, ״ maasst sich keine Gewalt über Meinungen und Urtheile an, giebt und nimmt keinen Anspruch auf irdisohe Güter, kein Recht aut Genuss, Besitz und Eigenthum, kennt keine andere Macht, als die, durch Gründe zu gewinnen, zu überzeugen und durch Ueberzeugung glückselig zu machen. Die wahre Religion bedarf weder Arme noch Finger zu ihrem Gebrauche, sie ist lauter Geist und Herz“. Aber der Kirche geht nicht durchaus alles Recht ab. Sie entbehrt desselben auf Person und Eigenthum, besitzt es aber gewissermassen in Hinsicht auf Grundsätze. Aus diesem Mangel eines eigentlichen kirchlichen Rechtes leitet Mendelssohn die sittliche Unmöglichkeit ab, dass die kirchliche Gesellschaft das Recht der Aussohliessung sioh anmaasse (s. III. S 197) Er führt, um die Berechtigung dieses für einen Uriel Acosta und Baruoh Spinoza so verhängnissvollen Bannes zu widerlegen, jenes Gebet an, welches König Salomo (I. Buch der Könige 8,41) bei der Einweihung des Tempels spricht und worin es unter anderm heisst: ״Mögest Du, Ewiger, bewirken, dass alle Völker auf Erden Dich auch fürchten und anbeten, wie Dein Volk Israel.“ Uud wenn die Rabbinen auch von Verbrechern Opfer annehmen, und hiermit offen ihr Recht der Theilnahme am Gottesdienst auerkennen, so betont Mendelssohn, dass dies zu einer Zeit geschah, ״als man etwas mehr Recht und Autorität hatte, in gottesdienstlichen Sachen ausschliessend zu sein“, (s. III. S. 199.) ״Die Nationen dulden und ertragen sich einander“, sohliesst er seine schöne Vorrede, ״und lassen auch gegen Euch Liebe und Verschonung blicken. O, meine Brüder, folget dem Beispiele der Liebe, so wie Ihr bisher dem Beispiele des Hasses gefolgt seid! Ahmet die Tugend der Nationen nach, deren Untugend Ihr bisher nachahmen zu müssen geglaubt. Wollet Ihr gehegt, geduldet und von Andern verschont sein, so heget und duldet und verschonet Euch unter einander! Liebet, so werdet Ihr geliebt werden“. Wer empfindet nicht mit bei diesen Worten des Denkers? Er fühlt sich ganz als ein Sohn des jüdisehen Stammes; das innigste Band der Liebe knüpfte ihn an diese seine Familie. In seinem Glaubensstreite mit Lavater offenbarte sich Mendelssohn als philosophischer Theologe, in seiner ״Vorrede“ als einer der Ersten unter den Gliedern des jüdischen Stammes, der auf philosophischer Grundläge völkerrechtliche Fragen erörtert hat, wenn wir von Spinoza’s Tractatus theologico-politicus absehen, der in seinen Hauptgedanken vielfältig mit dem ״Jerusalem“, dessen Betrachtung uns erübrigt, übereinstimmt, obwohl Mendelssohn’s Philosophie in allem Uebrigen den directen Gegensatz gegen den Pantheismus Spinoza’s bildet. (Forte. IV folgt.) Collectanea. Von Dr. Krön er, R&bb. in Brandenburg a. d. H. XXIV.*) ״Geben ist seliger denn Nehmen“. Ein Gymnasiallehrer richtet bei der Erläuterung eines deutschen Musterstückes an seine Schüler die Frage, woher der in demselben angeführte Spruoh: ״Geben ist seliger denn Nehmen“ stamme. Aus dem Alten Testament, antwortet ein harmloser ohristlioher Schüler und bemerkt dabei, er vermuthe dies daraus, dass die Juden 80 gerne geben. Darüber lächelt der Lehrer und sagt dann mit Salbung: Dass die Israelilen gerne geben, ist unbestreitbar; wis aber unsern berühmten Spruch betrifft, 80 kann solch eine präohtige Blüthe des Gemüths einzig und allein das Christenthum treiben, der Spruoh ist aus der Apostelgesch. 20,35 entnommen! Mit gerade nicht edlem Stolze blicken manohe christliche Knaben auf den einzigen jüdischen Mitschüler der Klasse, den nun der Lehrer fragt, ob er vielleicht wisse, wo dieser Spruoh im jüdischen Schrifothum vorkomme. Ich glaube, erwidert der Gefragte, das jüdische Schriftthum enthält einen ähnlichen Spruch. Ich würde mich gern belehren lassen, bemerkt stolzbescheiden der Lehrer. Der jüdische Gymnasiast erzählte uns darauf den Vorfall. Allerdings, belehrten wir den Knaben, enthält unsere jüdisohe Litteratur eine Parallelstelle zu jenem Dictum, die — eine nooh prächtigere Blüthe des Gemüths ist. In Wajikra rabbah c. 34 heisst es in Bezug auf 3. M. 25,35 und ebenso in Ruth rabbah in Bezug auf Ruth 2,19: יותר ממה שכ״ה עושה עם העני, העני עושה עם ב ׳ה. Das heisst deutsch etwa: Mehr als der Geber au dem Armen, thut der Arme an dem Geber; oder: Der Arme, der von Dir eine Gabe empfängt, hat Dir mehr, als Du ihm gegeben. — Tags darauf theilte der Knabe dem Lehrer, der am Gymnasium auch im Hebräischen unterrichtet, genau mit, was er von uns gehört, und der Lehrer sagte zu nicht geringem Erstaunen der Schüler: ״Ich muss gestehen, die Fassung des Originals ist noch viel prägnanter, als die des zweifellos nachgebildeten Dictums in der Apostelgesch. “ Fürwahr, die ganze Majestät jüdischen Empfindens der Armuth gegenüber, wie es sich bei jedem Anlass bethätigt uud selbst solchen Judenfeinden, in denen sich kaum noch ein Funken von Gerechtigkeitsgefühl regte, Bewunderung eingefiösst, bringt der Spruch aus dem Midrasch höchst charakteristisch zum Ausdruck. Wie durchaus gefühls- und lebenswahr erscheint es, wenn ״in Einfalt ein kindlich Gemüth“ vermuthet, der Spruoh aus der Apostelgeschichte sei jüdischen Ursprungs, weil die Juden so gerne geben, wie durchaus gefühls- und lebenswahr, wenn Lessing Daja zu Nathan sagen lässt: ״Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!“ — und darauf Nathan erwidert: ״Nimm Du so gern, als ich Dir geb’!“ Eben weil der Spruoh aus dem Midrasch dem Boden jüdischer Lehre, jüdischer That und jüdischer Empfindung entsprossen, besitzt er ein• so eigenartige Prägnanz. Sprachliches zur jüdischen Ethik. Eine Studie von Rabbiner Dr. M. Löwy-Temesvir. (Schluss.) Wenn uns nun aber weder das Wort Mischpat, nooh auch das Wort Derech, Beide im Sinne von Sitte genommen, zu dem Begriff des Sittliohen (im rein-ethischen Verstände) verhelfen, hinüberleiten *) In XX TH (No. Sä.) S. 7 a Z. 6 v. u. muss der Gedankenstr. hinter ״und“ stehen.

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