Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 6. (4.2.1886)
- Date
- 1886-02-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Jahrg. XV. Litteratur-Blatt. fmr Beleirhtng Aller md Jidn betrefTeadea lltterAriecbra Kr* •ebelaaagea inf den «•biete der Philo• •ophle, Geschieht«, Kthaographte» Th«©• taffle, Orientalia, Kxegese, Homiletik, titsrgih, Herausgegeben Yon Rabbiner l)r. Moritz Ilahnier. 0.(%14.ד/ז h ffia.f\rAAxrr. -i .7” ״ז־ ׳..׳ Bleherderelanelilftglgen Mtteratar,wcirbt der Kedaetlon engeNANdt werdea, ftadea la diesem Hlmtle elu!reh*1(de Benprechaag. Bei KlanendunM vom inel KecenslonR• KxempUren erfolgt eianallge karxe Qratl«*lnR#rtiAN. Das ,»Jtdlsehe Lltteratar-Biatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bosen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. 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Im Verkehr mit Dohm also hatte Mendelssohn Gelegenheit, über die bürgerliche Stellung der Juden nachzudenken und auf Mittel zur Abhülfe der Uebelstände zu sinnen. Dohm hatte mit der Sache der Menschheit auch die des Judenthums vertheidigt, und dem Werke desselben hatte Mendelssohn zeitig Vorrede und Uebersetzung des Manasseh beizufügen gewnsst. Diese Vorrede nun ist in ihrem ersten Theile eine Apologie mehr der Jaden, als des Judenthums, gegen die Vorurtheile der Zeit, analog der Vertheidigung Manasseh’s gegen die des verflossenen Jahrhunderts. Während in den früheren Jahrhunderten Mord und Giftmischerei als Grund der Angriffe gegen die Kinder Israel dienten, 80 ist jetzt, meint Mendelssohn, an die Stelle derselben Dummheit, Aberglaube, Mangel an Geschmack und feinen Sitten getreten (S. 182). ״Denn das Vorurtheil kleidet sich in die Gestalten der Jahrhunderte“. Nachdem er an dem Beispiele des unglücklichen Lippold das Verfahren der früheren Zeiten demonstrirt und auf Grund der neueren Forschung, besonders des Werkes ״Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenbürg von Möhsen“ die Ehre desselben gerettet hat, giebt Mendelssohn in dem letzten Theile seiner Vorrede in einem vortrefflichen sooialpolitischen Excurs die Mittel und Wege an, auf denen der Jude dem Staate zu grosssem Nutzen gereichen könne. Vorwürfe, wie sie heute zur Tagesordnung gehören, oberflächliche Urtheile, die nooh jetzt in Zeitungen und Büchern mit einer gewissen Beharrlichkeit wiederkehren, Irrthümer, die noch unaufhörlich geglaubt werden, führt der Philosoph auf ihren Urgrund zurück, indem er die schwache Grundlage, auf der sie ruhen, untersucht. Dort wo Mendelssohn in dem Fortgange seiner Betrachtung auf die Vermehrung der Juden, einen heut oft genug aufgeworfenen Streitpunkt, einzugehen Gelegenheit findet, erkennen wir in ihm einen Staatsmann, der zwar in Folge seiner socialen Stellung nur theoretisiren kauu, aber iu unserem Zeitalter gewiss eine Bedeutung als praktischer Politiker, nicht bloss für die Interessen des Jadenthums, haben würde. ״Dass Menschen einem Staate unnützlich sind,“ sagt er (S. 188) ״dieses ist eine Sprache, die mir eines Staatsmannes unwürdig zu sein scheint. Einer weisen Regierung ist kein Bettler zu viel, kein Krüppel völlig unbrauchbar. Die Menschen eilen dahin, wo sie ihr Auskommen finden; sie vermehren sich and drängen sich zusammen, wo ihre Thätigkeit freien Spielraum findet; die Bevölkerung nimmt zu, so lange das Genie neue Erwerbsmittel entdecken kann. Sobald die Quellen erschöpft sind, stehen sie von selbst stille, und wenn ihr aas Gefass von der einen Seite überfüllet, so lässt es von der andern Seite den Ueberfluss von selbst auslaufen.“ Verletzender als dieses alberne Theorem der schädliehen Vermehrung ist der Vorwurf, dass die Juden nichts hervorbringen, also ״lediglich Verzehrer sind, die den Erzeugern zur Last fallen müssen“. Man müsste, wendet Mendelssohn ein, auch den Lehr- und Wehrstand, ja auch innerhalb des Nährstandes alle Kaufleute, Lastträger, Land- und Wasserfahrer u. s. w. unter die blossen Verzehrer reohnen; aber jene Behauptung ist sophistisoh und falsch. ״Nicht nur, wer mit Händen arbeitet, sondern überhaupt, wer nur etwas thut, befördert, veranlasst, erleichtert, das seinen Nebenmenschen zum Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers, und er verdient ihn zuweilen um so mehr, je weniger Bewegung man an seinen Gliedmassen gewahr wird. Der Kaufmann, der Krieger, der Gelehrte bringt hervor, indem sie Gegenstände menschlichen Bedürfnisses den Menschen mittheilen, dem Staat Ruhe und Sicherheit bringen, die Nation geistig erziehen und heranbilden“. Allerdings müsse dem Missbrauch der Zwischenhändler ein Damm gesetzt werden, und diesen biete die freie Concurrenz. Wir hören in der Entwickelung dieser und ahnlicher Gedanken neben dem Kaufmann den Gelehrten, neben dem Philosophen den Staatsmann sprechen, wir erkennen, dass Mendelssohn nicht blos ein theoretischer Philosoph ist, sondern die praktischsten, materiellsten Interessen in das Gebiet der geistigen Betrachtung zu ziehen weiss. Endlich ergeht er sich in der ״Vorrede“ über die Competonzfrage, welche das Recht der Kirche auf die Glieder eines Staatswesens betriflt. Hierauf näher einzugehen, wird um so wichtiger sein, weil es nicht blos die Juden, nicht blos einen besonderen Stand, son-