Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 5. (28.1.1886)
- Date
- 1886-01-28
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 — absurdum, indem, wie er ausftihrt, unter den tägliohen Gebeten allerdings ein Capitel die Minim, d. L Ketzer, Apostaten verwünsche, was aber nimmermehr auf Christen oder Muhamedaner zu deuten sei. Im vierten Theil handelt der Verfasser von der Nichtigkeit der von Buxtorf in seiner Bibliotheca Rabbinorum aufgestellten Behauptung, dass die Juden Gott lästern, und bespricht zu diesem Zwecke die jüdisoben Gebete. Alsdann wird die Verkehrtheit der angeblichen Bekehrungssucht der Juden nachgewiesen und, wie alles Andere, durch die Bibel und jüdische Schriftsteller bezeugt. In seinem vorletzten | Abschnitte geht Manasseh ferner auf die Tüchtigkeit ] der Juden zu Handlungsgeschäften ein, was ihre j Aufnahme durch die handelsmächtige englische Nation ganz besonders empfehlen sollte, und greift endlich in seinem siebenten und letzten Abschnitt zu der danielischen Weissagung zurück (Daniel 12,17) worin eine Zerstreuung der Juden über alle Länder vorherverkündet wird. Die Uebersetzung dieses Manasse’schen Werkes hatte, wie leicht zu sehen, eine deutlich ausgeprägte Tendenz. Der Zeitpunkt, in welchem ״Nathan der Weise“ erschienen war, und Dohm die ״Verbesserung der Juden“ herausgab, war der rechte Moment, um an die ersten Emancipationsversuohe der Juden in Europa zu erinnern, ln der Vorrede, die Mendelssohn dieser Uebersetzung gab, und die uns sehr wichtige Aufschlüsse über Mendelssohn’« Stellung nicht nur zum Judenthume, sondern auch zu der Regierung und den Regierenden ertheilt, sagt er (S. 180): ״Von den Cabineten der Grossen, und von Allem, was auf dieselben Einfluss hat, bin ich allzu weit entfernt, um an diesem grossen Geschäfte auch nur den mindesten Theil nehmen und mitwirken zu können. Ich lebe in einem Staate, in welchem einer der weisesten Regenten, die je Menschen beherrscht haben, Künste und Wissenschaften blühend, und vernünftige Freiheit zu denken so allgemein gemacht hat, dass sich ihre Wirkung bis auf den geringsten Einwohner seiner Staaten erstreckt. Unter seinem glorreichen Scepter habe ich Gelegenheit und Voranlassung gefunden, mich zu bilden, über meine und meiner Mitbrüder Bestimmung nachzudenken, und über Menschen, Schicksal und Vorsehung, nach Maassgäbe meiner Kräfte, Betrachtungen anzustellen. Aber von allen Grossen und ihrem Umgänge bin ich stets entfernt gewesen. Ich habe jederzeit im Verborgenen gelebt, niemals Antrieb oder Beruf gehabt, mich in die Händel der wirksamen Welt einzumischen, und mein ganzer Umgang hat sich von jeher bloss auf den Zirkel einiger Freunde eingeschränkt, die mit mir ähnliche Wege gegangen sind. In dieser dunkeln Ferne stehe ich noch da, und erwarte mit kindlicher Sehnsucht, was die allweise und allgütige Vorsehnng aus diesem Allen wird werden lassen“. (Forts, folgt.) Warum man Moses Mendelssohn den ״deutschen Socrates“ nannte? Von Max Weinberg. III. (Schluss.) Diese unbestreitbar socratischen Züge seines Wesens Hessen sich aus seinen Werken und den Aufzeiohnungeu seiner Freunde und Verehrer ohne Mühe verdoppeln und verzehnfachen, iadess damit würde der Beweis, dass er in seinem Wesen seinem grossen Vorbilde in vielen Stücken nahe gestanden und geglichen, nur zum kleinsten Theile geführt sein. Auch bei dem grossen Weisen des Alterthams ist unzweifelhaft trotz der begeisterten Schilderungen seiner unsterblichen Freunde und Jünger ein grosser Theil seiner mit un verblasstem Glanz duroh die Jahrtausende strahlenden göttlichen Züge unausgepragt geblieben, weil sie dem Duft der Rose gleich weder durch Stift noch Griffel für die Spätergeborenen sich erhalten Hessen. Der Hauptwerth sokratischer Naturen liegt eben in dem Zauber ihrer herzbezwiugeuden Personlichkeit, in der magischen Kraft, die sie über selbst ganz entgegengesetzt beanlagte Naturen üben, in der unnachahmlichen Art, die in ihnen lodernde Flamme unbewusst in Andere überzuleiten, durch ihre blosse Gegenwart das Böse uuu Gemeine fern zu halten, mit einem Worte: in der Art und dem Umfang, bei Mi t-und Nach weit moralischeE roberungen zu machen. Und hierin hat nach dem einstimmigen Urtheil der bewährtesten Zeitgenossen Mendelssohn seinem dassischen Vorbilde so sehr geglichen, dass sie, die allein dazu befugt waren, nicht anstanden, ihm den Ehrennamen eines Weisen, eines Sokrates der Deutsehen beizulegen. Und nach Allem, was wir von ihm wissen, in der That mit gutem Grunde. ״Was von ihm öffentlich vor der Welt geglänzt hat, war der kleinste Theil seines Werthes; nicht einmal seinen Geist kann man au3 seinen Werken, so voll manniohfaltiger Kenntnisse, so geschmackvoll und so scharf״ sinnig sie sind, nach Würden schätzen. Wie viel minder noch seine sittliche Güte, seinen Diensteifer, seine Bescheidenheit, alle die grossen und liebenswürdigen Tugenden seines Charakters!“ sagt J. J. Engel von ihm. Seine Bedürfnisslosigkeit und dadurch auch in der Beschränkung sich geschaffene echte Unabhängigkeit — ״was man entbehren kann, maoht dem Weisen keine Sorgen“, war sein bekannter Ausspruch — haben etwas Rührendes, all sein Thun und Denken ist echt menschlich, ungezwungen und ungeheuchelt, Leben und Lehre, Wirken und Werke wie nur je bei einem Menschen, aus einem Guss. In diesem Sinne betrachtet, kann die Summe seines Wirkens nicht leicht zu weit gefasst werden. Wie Viele, di» wie K. P. Moritz verzweifelt und in sich zerrissen zu ihm kamen, verliessen beruhigt und ermuthigt sein gastlich Haus. Wie Viele sind durch sein Wort zu hehrster Begeisterung und Bethätigung für das Gute erweckt und entflammt, die ohne ihn ihr Amphibienleben weiter geführt hätten! Und wenn er als Philosoph, wie er selbst gesteht, ״nioht im Stande war, dem Rade einen Schwung zu geben“ und der Welt- Weisheit neue Bahnen zu brechen, als echter Jünger Socrates’ hat er es bei gar Vielen gethan, die in seiner beseligenden und heiligenden Nähe sich laben und sonnen durften. Dass er auch in der Form der Unterhaltung ganz die Bahnen seines grossen Vorbildes einschlug, ist männichlich bekannt und mag hier deshalb übergangen sein. Nur daran wollen wir zum Schluss noch erinnern, dass ihm auch von der berühmten socratischen Ironie sein gut zugewogen Theil zu eigen war und auch dessen Witz bei ihm nicht vermisst wird. Seine Antwort an Friedrich den Gr., als er ihn nach Sanssouci citirte, um sich wegen der an seinen Versen geübten Kritik zu verantworten, sein treffliches Wort, als die Academie ihn zu ihrem Mitglied wählte und der grosse König ihn nicht bestätigte, seine oft geübte Selbstironie, wenn es 8ioh um seine Figur und seinen Buckel handelte, seine Erklärung an seine spätere Gattin, Fromet Gugenheim, auf welohe Weise zu seinem Buokel gekommen, seine launige Antwort an Probst Teller auf dessen scherzhafte Aufforderung, ״auch an Gottes Sohn zu glauben“