Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 5. (28.1.1886)
- Date
- 1886-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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—— Jüdisches —1 Litteratur-Blatt. Iw B«lMehtwg ■Iler Jitatkni 1a* Mm fcetreffeadea UttarariMhaa Br• mMmii« •af den flckltt« der PkUa• Mphla, 6e>ehleht«, KtkaagrapMa, Tkao• lagU, OrlaatalU, Exagtac, HaMlatlk, Lltarglk, Pidtgogik. Heraasgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 9TCa^3e-6m^, 28. eJanuaz1886 ׳, Biekardarclaaehlggigcal/Ittcratar,w«leka dar Radaatloa lagaaaadt aardaa, fladaa la dlaaaat Blatt« aiagakeada Beaprechaag. Bel Elaaendaag roa!«al Keeeaaloaa• Exemplaren erTolgt eiaaiallga kwaa 8ratla*laaertloa. Dm »Jiäiscie!■inerarar-Bian« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 9 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 88 Pf» für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 18 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. HHfc" Buchhändler, welche direct oder durch Robert׳ Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten ‘2b Rabatt. Inhalt: WissenschaftlicheAufsätze: Moses Mendelssohn und das Judenthum. UI. Mendelssohn und Manasse bei Israel. — Warum man *Moses Mendelssohn den ״deutschen Socrates“ nannte? III. Von Max Weinberg. (Schluss.) — Sprachliches zur jüdischen Ethik. Eine Stndie von Rabbiner Dr.M.Löwy- Temesv&r. (Fortsetzung.) Notizen. — Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Moses Mendelssohn und das Judenthum. m. Mendelssohn und Manasse b.‘Israel. Bekanntlich besteht der grössere Theil der nicht• religiösen rabbinischen Litteratnr in Apologien, Schutz- und Verteidigungsschriften, die in ihrer Widerlegung von Beschuldigungen, ihrer Aufzählnng von Frevelth&ten und in ihrer Tröstung über die Leiden Israels ebenso monoton sind, wie die Piutim und Selichot mit ihren gereimten Klagetönen. Der Anfang dieser apologetischen Litteratur reicht bis in die biblische Zeit hinauf, und Jeremias ist der unbestrittene, aber auch unbereidete Archeget der klagenden Söhne Jaakobs. Er erlebte es noch, dass die Energie der That aufhörte und dir letzte Best des werktätigen Israel in Schlacht und Gefangenschaft seinen Tod fand. Nach ihm blieb nur noch die Energie der Klage, die sich dnreh Jahrtausende hindurebzieht und auch noch in dem neuesten hervorragenden Werke der jüdischen Litteratur (Zunz’ ״synegogale Poesie des Mittelalters“) prosaisch, doch kräftig nachklingt. Auch Mendelssohn sah sich gemässigt, in diese Litteratur einzutreten und die Juden von dem nach all’ diesen Apologien und Klagschriften naheliegenden Vorwurf der Feigheit frei zu sprechen. ״Man kennt einige heldenmüthige Schriftsteller“, sagt er in seinen ״Befrachtungen über Bonnets Palingenesie“ (Bd. III S. 173) ״die es den verfolgten Juden der vorigen Zeiten zur Niederträchtigkeit anrechnen, dass sie sich ohne den mindesten Widerstand, wie das Schlachtvieh, haben niedermetzeln lassen. Ich kann dieser Beschuldigung nichts als folgende Frage entgegensetzen. Zeigt der keinen Mutb, der lieber in den schmähliebsten Tod geht, als mit dem Munde einige W orte spricht, die ihn seinem Verfolger an die Seite setzen würden? Der feurige Muth eines Menschen, der die Rechte der Menschlichkeit vertheidigt und ihrem Veiräther Widerstand entgegensetzt, hat seinen grossen Werth, aber jener unbezwingliche Sinn, der nicht körperliche Kräfte genug fühlet, das Unrecht von sich abzewenden, aber standhaft genug ist, dem Tode starr in die Augen zu sehen, den er durch Heuchelei besänftigen könnte, wollen wir ihn, der gesnnden Vernunft zum Trotz, Feigheit nennen?“ Das Verdienst, welches sich Mendelssohn, der für seinen Glauben und seine Stammesbrüder 80 warm fühlende Philosoph, dadurch erwarb, dass er in seiner ״Vorrede“ zu der Uebersetzung des englischen Werkes ״Vindiciae Jndaeorum von Rabbi Manasseh Ben Israel“ den praktischen Glauben und die in der Erscheinung tretende Wirksamkeit der Juden vor Augen führte, ist fast nicht minder hoch anzuschlagen, als sein Verdienst um das Judenthum als Wissenschaft׳, Religion und Bekenntniss. Im Jahre 1781 batte der Kriegsrath Dohm ein Buoh: ״Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden“ geschrieben, welchem als Anhang die auf Mendelssohn’s Veranlassung von Markus Herz besorgte Uebersetzung der ״Rettung der Juden“ nebst einer ״Vorrede“ Mendelssohns zu derselben angehängt war. Was Lessing auf religiösem, strebte Dohm auf politischen Gebiete an, beide beeinflusst und angeregt durch ihren jüdischen Zeitgenossen Mendelssohn. Die Bestrebungen um Aufnahme in die bürgerliche Ge- Seilschaft datirten schon aus dem siebzehnten Jahrhundert, und der holländische Jude Manasseh Ben Israel beginnt gleichsam den Reigen der dahin abzielenden Schriften. Der Inhalt seines Werkes, welches 1656 verfasst war und dem Zweck diente, die Aufnähme der Juden in England durch den Lordprotector Cromwell zu erwirken, ist in Kürze folgender: Den Juden werden in einem Schreiben eines vornehmen Engländers verschiedene Beschuldigungen der schlimmsten Art gemacht, die Manasse, der Rabbiner von Amsterdam, in dieser seiner Apologie von ihnen abwälzen will. Der erste Vorwurf, den ersten Abschnitt der Schrift umfassend, betrifft die Beschuldigung der Ermordung von Christenkindern, um das Brot des Osterfestes damit gähren zu machen. Diese Beschuldigung wird durch sechzehn Gründe, darunter das Verbot,Blut zu essen, und durch einen Eidsohwur zu widerlegen gesucht, nach welchem Manasseh nie bis auf seine Zeit herab einen solchen Gebrauch unter dem Volke Israel gesehen und überhaupt nie so etwas für göttliche Vorschrift, für Verordnung der Weisen gehalten worden sei. (Mendelssohn Ges. Sehr. Bd. III S. 207 folg.). Der zweite den Juden gemachte Vorwurf betrifft eine Ceremonie, welche man als Götzendienst auslege, nämlich die Ehrerbietung gegen das göttliche Buoh, welches in den Synagogen aus den Altarscbränken genommen wird, um daraus vorzulesen. Weiter führt Manasseh die Behauptung, dass die Juden dreimal täglich die Christen verfluchen, ad