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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-21 · N° 4. (21.1.1886) · p. Seite 15

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 4. (21.1.1886)
Date
1886-01-21
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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— 15 — «Ile seine Impertinenzen mit der grössten stoischen •Geduld an. Erst nachdem jener aasgetobt hatte, ging er za ihm and sagte: ״Gehen Sie, Sie sehen, dass Sie Ihren Zweck nicht erreichen. Sie können mich nicht auf bringen.“ Ist es nioht ganz seines Vorbildes würdig, wenn er dem Marquis d’Argent, als er sich wandert, dass er nicht einmal ״Schatz“ in Berlin habe, antwortete: Dass Socrates ja seinem Freunde Kriton bewiesen habe, dass der Weise selbst za sterben schuldig sei, wenn die Gesetze des Staates es fordern? _^_ (Schluss folgt.) Sprachliches zur jüdischen Ethik. Eine Studie von Rabbiner Dr. M. L ö w y - Temesvar. (Fortsetzung.) Nachdem Jhering in seinem ״Verhör mit der Sprache“ in der Zurückführung des Sittlichen auf die Sitte bereits 80 weit vorgedrungen zu sein glaubte, um ihr (der Sprache) den Gedanken abzugewinnen, «lass die in den drei Sprachen der Griechen, Börner und Germanen niedergelegte Auffassung nur den Fortschritt des Denkens bei diesen drei Völkern, den stufenweise fortschreitenden Antheil derselben an der Lösung des ethischen Problems, mit der stafenweisen Scheidung der drei verschiedenen Seiten der gesellsohaftlichen Ordnung (der ״drei gesellschaftlichen Imperative“): ״Sitte, Sittlichkeit, Reoht“ veranschaulichen, und nachdem er zunächst den Standpunkt der in dem Wort Sbtrj ausgeprägten griechischen Auffasssung dahin präcisirt hat, dass in derselben jene drei Glieder noch völlig angetrennt, in ihrer originären Gebundenheit, neben und ineinander liegen, fährt «r fort, wie folgt: ״Dass jene mangelnde Unterscheidung der verschiedenen Seiten des Sittlichen nicht etwas national Griechisches ist, was bei dem philosophisch 80 eminent beanlagten griechischen Volke am wenigsten za glauben wäre, sondern dass sie nur ein der niedern Entwickelungsstufe angehöiger Zug ist, ergiebt der Vergleich mit anderen Völkern, z. B. dem jüdischen. Wie das griechische 81xyj, 80 bezeichnet auoh das hebräisohe Misohpat gleichmässig Reoht, Sitte, Sittlichkeit, nur dass Misohpat nicht den Willen des Volkes, sondern Gottes hinter sich hat. Alles ist Misohpat: das Ritualgesetz sowohl, welches unserer Sitte entspricht, wie die zehn Gebote, in denen Moral and Recht nooh ununterschieden neben einander liegen “ (A. a. 0. S. 52). Und hieran schliesst sich sodann die weitere Aasführung, wie sich zuerst bei den Römern von den, in ihrer ursprünglichen sprachlichen und sachlichen Ge• meinschaft beharrenden beiden Seoten der Sitte und der Sittlichkeit (mos and mores) das Recht, and weiter hinunter bei den Deutschen von der Sittlichkeit selbst die Sitte vollständig losreisst and sich von derselben in ihrer Eigenart aufs Schärfte individualisirt and charakterisirt. Wie steht es nun wohl, von dem Ganzen dieser Aufstellung mit der darnach erzielten Tabelle abgesehen, um jenen angeblichen Vergleich zwisohen dem griechischen 8(7trj und dem hebräischen Misohpat? zwischen der griechischen and jüdischen Entwiokelungsstufe? Man könnte sich denselben schliesslich ja wohl gefallen lassen. Obschon die Versuchung, für das jüdisohe Volk nioht blos eine gewisse Sonderstellung neben den beiden anderen Culturvölkern des Alterthums, sondern, gerade auf dem Felde der Moral- Schöpfung, auoh die höhere Leistung za vindioiren, nioht gar zu fern liegen möohte. Kann man für dasselbe auoh nioht geradezu — so wie man die Römer das Volk des Rechts nennon darf — einen Titel, wie etwa: Das Volk der Moral, in Anspruch nehmen, inwiefern man dabei gleich auoh an die Theorie, an die wissenschaftliche Disoiplin za denken hätte: 80 dürfte es doch allgemein für ganz unbestritten gelten, dass die Weltanschauung zunächst des alten Judenthums angleich mehr von der Moral getragen and beherrscht ist, als die der Grieohen and Römer. Aach wäre dabei für Jhering vielleicht nooh za bemerken gewesen, dass die Entwickelung des originell-jüdisohen Geistes, mit der ihm entsprechenden Sprache, nioht so wie bei den Grieohen and Römern, an den Grenzen des olassisohen Alterthums ihren völligen Abschluss gefunden hüben, was, gegenüber dem angenommenen and auch thatsächlichen Reichthum der deutschen Sprache an sittlichen Begriffen, woza jedoch die lange Entwickelungs - Periode — in vollem Licht — ohne Frage das Ihrige beigetragen hat, dooh nioht ganz belanglos sein möchte. Dooh wollen wir, diese and andere Erwägangen ähnlicher allgemeiner Art gänzlioh bei Seite lassend, ans zunächst nur die Frage vorlegen, ob das Wort: Misohpat, in der That, wie Jhering annimmt, gleiohmässig: Recht, Sitte and Sittlichkeit bezeichne? Und da können wir denn allerdings nioht umhin, mit einem entschiedenen Nein zu antworten. Ja wir können ans wohl der Beipflichtung eines jeden Kenners der Bibel and der hebräisohen Sprache im Vornehinein für vollkommen versichert halten, wenn wir behaupten, dass uns nioht blos dieser Satz Jhering’s: ״Alles ist Misohpat, das Ritualgesetz sowohl eto.“ — sondern auch überhaupt gerade das Wort Misohpat, in dem Zusammenhangs hier, als der vermeintliche Centralausdruok für die drei Begriffe: Reoht, Sitte, Sittlichkeit, höchst überrasohend klingen musste. Dieses Wort, welches auf jeder Seite der Bibel sozusagen wenigstens einmal vorkommt, gehört deshalb — oder man könnte vielleicht auch sagen: trotzdem —׳ gerade zu denjenigen, bei welchen man nioht erst nothwendiger weise auf die Ethymologie zu reourriren brauoht; der Sprachgebrauch giebt ans die Bedeutung, oder sagen wir gleich: die Bedeutung desselben mit möglichster Klarheit and Bestimmtheit an die Hand. Es bedeutet oonoret: Gericht (mit den Bestandtheilen: Gerichtshof, Rechtssache, Erkenntniss, Urtheil) und abstrakt: Reoht (Vorschrift, Norm, Gesetz — abstrakt genommen), bez. auch Gerechtigkeit; ferner auch: weise (Art und «־* habitus,*) Gewohnheit, Herkommen, Sitte). (Fortsetzung folgt.) Litteraturbericht Recensionen. Worte des Sammlers (Koheleth). Aus dem hebräisohen Urtexte zum ersten Male in deutsche Reime gebraoht von Hermann Rosenthal. New -York 1885. 36 S. kl. 8°. Die Angabe in der Aufschrift ״zum ersten Male in deutsche Reime gebracht“ möohten wir nur mit Einschränkung gelten lassen. Ist der Uebersetzer der Meinung, dass wir hier von Koheleth die deutschen Reime aes Herrn Hermann Rosenthal aus New-York zum ersten Male vor uns haben, so pfliohten wir ihm bei. Soll aber gesagt sein, dass vor und naoh Hermann ') Zum Theil synonym mit dem später so viel gebrauchten, in der Schrift aber merkwürdigerweise nur einmal Vorkommenden Minhag (I. Kön. 9.20).

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