Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 4. (21.1.1886)
- Date
- 1886-01-21
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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massiger Erkenntniss aufgenöthigt werde, glaubte Mendelssohn vielleicht dem Jadenthum gewissermassen eine historisch nothwendige Opposition gegen dieselbe zu finden. Die Ideen des Jadenthums nähern sioh allerdings den ewigen Wahrheiten der rationellen Forschung wegen ihrer Abstraktheit noch mehr als die des Ghristenthums. Das Erstere hat keine eigentliehen Dogmen, welche der natürlichen Entwickelung der Dinge in dem Weltenbaa widerstreben, keine sittliehen Gebote, welche über die Gesetze der Natur hinausgehen. Auf dem theoretischen Felde mag demnach ein wesentlicher Einspruch gegen diese Meinung Mendelssohn’s und nooh mehr seiner Nachfolger wohl nicht erhoben werden können, und man möohte sehr gut zugeben, dass eine einzige, eine unbeschränkte Religion die Möglichkeit habe, sich sowohl nach der Seite der höchsten Vervollkommnung, wie auch ebenso nooh der grössten Erniedrigung auszugestalten. Indess ist Eines zu bedenken. Eine Weltreligion bringt es mit sich, dass alle Glieder derselben von ein und derselben religiösen Empfindung beherrscht werden. Aber wegen ihrer ungeheuren Ausdehnung kann eben dieselbe Weltreligion es nicht verhindern, dass sioh in ihr selbst Gegensätze bilden, die gegen jede Einseitigkeit, jede Grausamkeit und Barbarei derselben einen heilsamen Damm bilden würden. Wozu sollte es da noch eines besonderen, für sioh bestehenden Glaubens bedürfen, der eine Schranke gegen die Ausschreitungen der Weltreligion aufstellt, zumal eines Glaubens, der an einen Stamm geknüpft ist und über diesen nioht hinausgeht? Womit kann man die sittliche Noth- Wendigkeit einer solchen Opposition vertheidigen, die durch den Zufall der Geburt ohne den Willen des Einzelnen geboten wird? Ist das vielmehr nicht ein duroh historische Verhältnisse und Combinationen immer aouter gewordenes und sohärfer hervortretendes Leidwesen, dass dieser Stamm mit seiner oppo- Bitionellen Religion zu einer Aufgabe geboren sein 8011, die nur den weisesten uhd grössten Denkern der Menschheit zukommt? Um nichts weniger aber bewundern und lieben Wir den grossen Mann, der bei der ungeheuren Schwierigkeit der Beseitigung verjährter Vorurtheile eine Aussöhnung zwischen den beiden Religionen schuf, wie nur er sie schaffen konnte, der nebst vielem anderen Heilsamen den Auswüchsen einer verkommenen Schrift and Sprache seiner Glaubensgenossen entgegenarbeitete, der den Geremonien eine tiefere Begründung gab, die Rechte des Judenthums als einen Theil der Menschenrechte verfocht. Aber Mendelssohn ist erst der Bahnbrecher gewesen, der um so grösser dasteht, je kleiner die Epigonen waren, die an dem begonnenen Werke des Meisters fortzuarbeiten berufen sein sollten. __ (Fortsetzung folgt.) Warum man Moses Mendelssohn den ״deutschen Socrates“ nannte? Von Max Weinberg. n. Wie sehr aber Lehre und Leben, sein Wirken mit seinen Werken ein Ganzes bildete, Theorie und Praxis nur verschiedene Saiten eines Instrumentes waren, bei dem das eine das andere nur illustrirte, daran ist Mendelssohn’s Leben fast ebenso reioh, wie das seines griechischen Vorgängers — ich will dafür hier (naoh Kayserling) aus der Menge des Materials nur einige Vorgänge herausgreifen: 1774 verfügt der damalige Minister v. Zedlitz wegen atheistischer Grundsätze und anderer Aus- Stellungen die Dienstentlassung des Inspeotors Driess vom Joachimsthal’sohen Gymnasium. Der Maun geräth durch seine Stellenlosigkeit in die äusserste Noth und besohliesst, duroh Selbstmord seinem Leben ein Ende za machen. Stiche, die er sich zu diesem Zweoke beibringt, misslingen. Da will er sich duroh Hanger den Tod geben und hat bereits mehrere Tage ohne jegliche Spei3e in seinem armseligen, kahlen Stübchen zugebraoht, als sein Beginnen raohbar wird. Auch Mendelssohn erfährt davon, geht zu ihm und findet, ausser einem Glase Wasser nicht das Mindeste an Nahrungsmitteln bei ihm vor, ihn selbst aber 80 geschwächt, dass er kaum nooh sprechen kann. M. saoht sich als ein polnischer Arzt, der sich in Berlin niederzulassea gedenke, bei ihm einzuführen. Allein Driess will weder von diesem, nooh von seiner Kunst wissen. Ja, er ahnt sogar, wen er vor sich hat und richtet direct die Frage an ihn: ״Sind Sie nioht Mendelssohn?“ M. bejaht es, indem er ihm die Hand reicht. Zu einer philosophischen Discassion aber, die der beklagenswerthe Kranke jetzt anknüpfen will, findet er sich bald za machtlos. Diese Gelegenheit benutzt M., indem er ihn zu überreden weiss, sich durch etwas Speise wenigstens so weit wiedei zu kräftigen, dass er anhaltend reden könne, und bald ist er mit ihm in ein Gespräch über seine Lage begriffen. ״Warum fürchten Sie Armuth und Elend? Warum erröthen Sie, Wohlthaten anzunehmen? Es hat Arme gegeben, deren Zustand ich beneide. Epictet war der Solave eines Barbaren; SGorates war so arm, dass er für sioh und seine Frau nur einen Mantel hatte. Gimon, Aristides und Epaminondas verbanden Armuth mit den grössten Tugenden. Aaaxagoras hatte in seinem Alter keine andere Zafiaoht, als den Tod za erwarten und, wie Sie, legte er sioh hin, um zu sterben. In diesem Zustande fand ihn sein Sohüler Perikies, der im Drang der Staatsgeschäfte seiner vergessen hatte. P. machte ihm sanfte Vorwürfe. Freund, erwiderte A., es ist nioht hinreichend, eine Lampe zu haben, man muss auch Oel hineingiessen. P. verstand ihn, nahm ihn mit nach Hause und sorgte für seinen Unterhalt. Kommen Sie mit mir, lieber Driess, ich will Ihnen nooh nicht rathen, zu leben; lassen Sie uns eine Zeit lang mit einander wohnen und über Ihren Vorsatz uns unterhalten; wenn Sie naoh Verlauf eines Jahres noch bei Ihrem Vorsatze verharren, so führen Sie ihn aus.“ M.’s Worte verfehlten ihre Wirkung nioht. D. kam von seinem Vorhaben zurück und ward bald darauf Leotor beim Prinzen Heinrich. Hätte Socrates selbst in diesem Falle weiser und besser handeln können? Und ist es nioht eines Socrates würdig gedacht, wenn er selbst in den sieben ersten Leidensjahren seines Berliner Aufenthalts den Rath, sich, um seinen Studien leben zu können, Unterstützungen reicher Glaubensgenossen zu erbitten, mit den Worten von sich weist: ״loh kann meinen Anspruch auf Unterstützug auf nichts begründen, als etwa darauf, dass ich gern etwas lernen möohte, und was geht das Andere an?“ Ist es nicht sooratisoh, wenn er Einem, der es ungereoht von der Vorsehung findet, dass ein so geistvoller Mann, wie er, Buchhalter eines Mannes sein müsse, der geistig so weit unter ihm stehe, antwortet: Er finde das sogar sehr weise eingerichtet, denn im umgekehrten Falle würde er vielleicht jenen nioht haben gebrauchen können und er somit brodlos geworden sein. Ist es nicht socratisoh, wenn Kayserling erzählt: Einst ham der junge B., in der Meinung, dass Mendelssohn ihm Unreoht gethan habe, ihm darüber Vorwürfe zu machen und sagte ihm eine Impertinenz über die andere. Mendelssohn stand an einem Stuhl gelehnt, wandte kein Auge von jenem weg und hörte