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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-14 · N° 3. (14.1.1886) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 3. (14.1.1886)
Date
1886-01-14
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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— 10 — Für unsere Hochachtung des Mannes aber, für seine wahre Werthsohätzuug noch wesentlicher ist dasjenige, was er vielleicht als der Erste zur Verstärkung der inneren Gründe hinzuzufügen sich gemüssigt sieht, wenn er sagt: ״Setzen Sie die häusliohe Verfassung hinzu, in welcher ich unter meinen Nebenmeusohen lebe, so werden Sie mich vollkommen rechtfertigen. Ich bin ein Mitglied eines unterdrückten Volkes, das von dem Wohlwollen der herrschenden Nation Schutz und Schirm erflehen muss und solchen nicht allenthalben und nirgends ohne Einschränkung erhält. Sie müssen es der Nation, die sie unter erträglichen Bedingungen aufnimmt, für keine gering« Wohlthat anrechnen, da ihnen in manchen Staaten sogar der Aufenthalt versagt wird. Ist es doch nach den Gesetzen Ihrer Vaterstadt Ihrem beschnittenen Freunde nicht einmal vergönnt, Sie in Zürich zu besuchen! Welche Erkenntlichkeit sind meine Glaubeusbrüder also nicht der herrschenden Nation schuldig, die sie in der allgemeinen Menschenliebe mit eiuschliesst und sie ungehindert den Allmächtigen nach ihrer Väter Weise anbeten lässt? Sie geniessen in dem Staate, in welchem ich lebe, hierin die anständigste Freiheit, und ihre Mitglieder sollten sich nicht scheuen, die Religion des herrschenden Theils zu bestreiten, das heisst, ihre Beschützer von der Seite anzufallen, die tugendhaften Menschen die empfindlichste sein muss?“ (S. Bd. III. S. 47.) Wichtiger vielleicht als für seine Person uud seine Zeit ist also der Bekehrungsversuch Lavaters für die nachfolgenden Geschlechter geworden. Das Lavater’sche Unterfangen ist ein Vorspiel der das letzte Säculuin bewegenden Judenfrage geworden Auf dem theoretischen Gebiete der Religion, dem der Glaubensdogmen erkennt man die ungeheure, nie zu überbrückende Differenz, aber die innere Verwandtschaff auf dem Gebiete der Sittenlehre führt die getrennten Parteien wieder zusammen. So erkennen sich Brüder, die in ihrem Thun und Gebahren weit von einander abweichen, in der unbewussten Aehnlichkeit der von einer Mutter genährten Geistesart und Sitte wieder. (Fortsetzung folgt.) Warum man Moses Mendelssohn den ״deutschen Socrates“ nannte? Von Max Weinberg. I. Wohl wenig grosse Männer der neuern Zeit haben ein so harmonisches, in sich abgeschlossenes und abgerundetes Leben geführt, als Moses Mendelssohn. Alles, was wir von ihm und über ihn wissen, bestätigt diese Wahrnehmung, und sein charakteristisches Bild ist vollauf dessen Zeuge. Lavater giebt in seinem berühmten Werke ״ Physiognomik“ folgende Schilderung von Mendelssohn: ״Vermuthlich kennst Du diese Silhouette? Ich weide mich an diesen Umrissen! Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirn auf den scharfen Knochen des Auges herab. — In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase, der herrliche Uebergaug von der Nase zur Oberlippe — die Höhe beider Lippen, ohne dass eine über die andere hervorragt! 0, wie alles dies zusammen8timmt, um die göttliche Wahrheit der Physiognomik fühlbar uud anschaulich zu machen.״ Gesättigte Seelenruhe und echte, erkämpfte und errungene Zufriedenheit malen sich sichtbarlich in seinen edlen Zügen und gehen unwillkürlich auf jeden über, der dieses seelenvolle Antlitz betrachtet. Eine Menge Beispiele lassen sich aufzählen, wie von dieser Harmonie anoh auf die überging, denen das Glüok seiner Gegenwart zu Theil geworden, auch wenn sie noch so verstimmt und innerlich zerrüttet ihren Fass über seine wirthliohe Schwelle gesetzt. Ein wenig bekanntes Beispiel dieser Art theilt unlängst G. Malkewitz in seiner Charakteristik Karl Philipp Moritz’8, des bekannten Schriftstellers der Sturmand Drangj periode (Verfasser von Anton Reiser, Göttiehre etc.)! in der ״Vossischen Zeitung“ mit, das auch Kayserling in seinem ״Moses Mendelssohn“ nicht erwähnt, und das wir daher in Nachstehendem wiedergeben. Malkewitz erzählt: ״Moritz war und blieb ein absonderlicher, mit Schrullen aller Art behafteter Mensch, dem keiner seiner Entschlüsse, so oft er darin auoh wechselte, jemals Befriedigung brachte. Heute sass er emsig arbeitend am Schreibtisch, morgen lag er in finsteres Brüten versunken auf dem Bette. In solchen Stunden legte sich der Dämon der Hypochondrie wie ein Alp auf seine Seele und führten ihn seine Gedanken bis an die Grenze des Selbstmords Vielleicht wäre er dieser Macht auch erlegen, wenn nicht damals in Moses Mendelssohn ihm ein guter Genius erschienen wäre, der ihn lehrte, sich an den Augenblick zu halten und in ihm den Quell der Lebensfreude zu suchen. Bei Mendelssohn versammelte sioh an den Nachmittagen der Sonntage eine Lesegesellschaft, in der auch Moritz die angenehmste Unterhaltung fand. Man las die dramatischen Meisterwerke unserer Dichter mit vertheilten Rollen und er hörte jedes Mal mit Wonne zu, wenn dabei die Worte Nathans von Mendelssohn’s Lippen glitteu.“ Diese antike Gemüthsheiterkeit hat geradezu etwas Erhabenes und zwingt selbst enragirte Gegner zu Achtung und Anerkennung. Es ist, als ob eine Art Sabbathruhe um ihn ausgebreitet wäre, an weicher die kleinen und grossen Widerwärtigkeiten, die das Leben — vollends in so bescheidenen Verhältnissen — mit sieh bringt, machtlos abprallen. (Fortsetzung folgt.) Ein patriotisches Gedicht von Moses Mendelssohn. Zur Säcularfeier Moses Mendelssohn’s theilt Wendelin von Maltzahn in der ״Voss. Ztg.“ von ihm aus einem bisher unbekannt gebliebenen poetischen Erguss M.’s (in hebräischer und deutscher Sprache) den deutschen Text desselben als einen Beitrag zu seinen Werken und lässt hierzu einige Notizen aus der von ihm angelegten weimarischen Persoualien-Sammlung folgen. Lobgesang auf die Hocherfrenliche Entbindung der Durchlauchtigsten Herzogin Luise aus demüthigem Herzen angestammt von Gabriel Ul mann. Tausend Stimmen erschallen! und Herzen hüpfen für Freude, Freude glüht aut allen Gesichtern, und Zungen sind Jubel! Zwar, das ist nicht die Stimme der Sieger, oder Besiegter, Es sind Jubelgesänge der Völker des besten Beherrschers! Denn ein himmlischer Sohn ward unserm Fürsten gebohren! — Er wird blühen und wachsen, des Landes edelster Sprössling Treten in die Spuren des edelsten Vaters, Selbst gross seyn; Mild und Weise wie Er, wie Er die Völker beglücken: Und der Liebling der Weisheit seyn. Erschallet ihr Lieder, Und Ihr Sionitischon Saiten; kein Wölkchen von I'mnuth Schleyre die Freuden der Treuen im Lande; sie stöhre kein T rauren, Heiter wie sonnigtes Maygewölk glänze der Festtag Wo Du, froloekendes Land, Dich eines Erben erfreuest, Und der Beste der Fürsten empfindet wie Väter empfinden. Der Du Himmel und Thronen gründest und Fürsten beseligst Gott! erhöhe die Herrschaft des Hauses Unsere Geliebten, Sey mit Sachsen-Weimars Stamme, und kröne Sein Erbe! Dann wird Israel rühmen, und unter den gnädigen Schirmen Seiner späten Beherrscher die Herrlichkeit Gottes verkünden! Und sich ewig des Schutzes der grossen Beherrscher erfreuen! —

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