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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-08 · N° 2. (8.1.1886) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 2. (8.1.1886)
Date
1886-01-08
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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— 7 — :Sohatten (was auoh — wie von Naohmanides zur Stelle — als Genius, Schutzgeist eines Mensohen oder eines Volkes erklärt wird) oder andere der vielen bibl. Stellen, in denen der Schatten als Schutz oder ähnlich zu nehmen ist, in der Phantasie des Dichters die Schattenlosigkeit des Schlemihl angeregt haben. Man dürfte uns erwidern, der Dichter habe sich wahrscheinlich — was ihm bei der Märohendiohtung allerdings völlig genügt hat — die etymologische Bedeutung der Namen Schlumiel und Zuri-schaddai von Sprachkundigen erklären lassen, und das weitere fragliche Material habe er vielleicht aus Uebersetzungen oder aus Mittheilungen geschöpft. Es sei sonst denn doch zu auffällig: dass Schlemihl, als ein Buhe und Frieden liebender Mensch, und Peter, als ein fest mit sich selbst es haltender Fel senmann, so ganz und gar ihrem Etymon entsprechen; dass das Verhältniss von Chamisso’8 Mina (־= Liebreiche) zum Grafen Peter mit dem der Midianiterin Eosbi (die nach Sanhedrin 82b eigentlich Schewilnai Buhle hiess) zu dem Stammfürsten Simri (nach ders. Talmudst. identisch mit Schlumiel ben Zuri-schaddai) so viel Aehnlichkeit habe; dass die Klage des Dichters (Schlemihl) über seine Schattenlosigkeit im Sinne des Verlustes seines Sohutzgeistes so sehr an den, in dem Gedichte ״Das Schloss Boncourt“ und auch schon früher —in dem verhängnisvollen Jahre 1813, der Abfassungszeit des Märchens — bekundeten tiefen Schmerz, Heimath und Vaterland eingebüsst zu haben, gemahne; und dass endlich der Schluss des Märchens : ״Willst Du unter den Mensohen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld; willst Du nur Dir und Deinem bessern Selbst leben, o so brauchst Du keinen Rath“ — an Pred. 7, 11 und 12 erinnere: ״Gut ist Weisheit bei Besitz, und ein Vorzug ist sie den Soune-Schauenden; denn bald ist man im Schatten der Weisheit, bald im Schatten des Geldes; doch der Vorzug des Wissens ist, dass die Weisheit ihrem Eigner wahres Leben giebt“. Gegen dies alles liesse sich nun einwenden, dass Chamisso, oft gefragt, was er mit dem Schlemihl, namentlich mit dem Schatten so recht gemeint habe, darüber ״keine philiströse Rechenschaft“ geben konnte. Auf diesen Einwand könnte aber wiederum bemerkt werden, dass gar Mancherlei unbewussterweise Andern entlehnt wird. Bei der vollen Gleichberechtigung des entwickelten Für und Wider lassen sich die bezüglichen Fragen wohl nicht endgültig entscheiden. Das möge als Beispiel dafür dienen, wie nothwendig es ist, über Entlehnungen mit aller Vorsicht zu urtheilen. Halten wir uns daher von bestreitbaren Hypothesen fern; es bleibt uns ja ohnehin 80 sehr viel augenscheinlich jüdisches Material aus weltlichen deutschen Dichtungen herauszuheben. Dafür sei noch ein Beispiel gegeben: Vor mehreren Jahren wurden neben Andern auch wir ersucht, für einen Wohlthätigkeitszweck einen öffentlichen Vortrag zu halten. Aus dieser Veranlassung wohnten wir einem Vortrage über ״Des Sängers Fluch“ von Uhland bei. Wie triumphirend bezeichnete der Vortragende die ethisohen Grundlagen dieser Ballade als specifisch christlich! Namentlieh wurde der Vers: ״Der Alte hat’8 gerufen, der Himmel hat’s gehört“ als wunderbar sohön — und echt christlich hervorgehoben. Kurz darauf besuchte uns ein ohristl. Bekannter des betreffenden Herrn und kam im Gespräch zufällig auf die jüngste Erläuterung der Ballade. Was haben Sie, fragte er uns unter Anderm, gegen die Bemerkung zu dem Vers: ״Der Alte hat’s gerufen, der Himmel hat’s gehört“ zu erinnem? Nichts, erwiderten wir, niohts als — dass der Vers fast wörtlioh aus P8. 34, 7 kopirt ist. Das erste Hemistich dieses Psalmverses lautet, getreu aus dem Hebräisohen übersetzt: ״Der Arme hat gerufen, der Ew’ge hat’s gehört“. Und dieser Arme ist — der in der Ueberschrift unseres Palms genannte liederreiche Sänger David, den der Philist er könig forttrieb, wie es dort und Sam. L 21,14 ff. heisst, und nach dem Saul, ״der König, so finster und 80 bleich (vor Neid über David)“, den Speer warf, als er vor Saul spielte. Noch mehr: Was als ethischer Grundgedanke des Gedichts betont wurde, dass nämlich das Philisterium, welches die höheren Ideale der Menschheit entwürdige, sich selber den Untergang bereite, dem begegnen wir V. 17 unseres Psalms: ״Der Straf blick des Ewigen trifft die Uebelthäter, zu tilgen von der Erde ihr Andenken“. Man vergleiche damit Uhland’s: ״Versunken und vergessen“. Im Uebrigen ist ja, wenn auoh noch lange nicht zur Genüge, bekannt, wie viel unsere modernen Dichter der hebräischen Poesie zu verdanken haben. Das Erstaunen unseres Gastes wuchs während unserer Erwiderung zusehends, und nach Schluss derselben sagte er tieferregt: Wie wunderbar, was ich da vernommen — und doch so sonnenklar, so wahr! Schimpft nur weiter über die Juden, ihr Herren Antisemiten, denn jetzt sehe ich, dass ihre Psalmen nicht nur unsere Kirchen, sondern auoh unsere weltliche deutsche Lyrik stark ״verjudet“ haben! Aber ich möchte darauf schwören, dass diese stark ״verjudete“ deutsche Litteratur euch und euer schmachvolles Andenken überdauern wird. Nach einigen Tagen unterhielt man sich in zahlreichen Kreisen lebhaft von der ״frappanten Aehnlichkeit“ der verglichenen Punkte und von der ״wortgetrouen Psalm kopie“. So geht es den Produkten jüdischer Weisheit, jüdischen Denkens und Empfindens überhaupt. Die süsse Frucht labt uns, aber den eigentlichen Gärtner vergessen wir und wenden die Ehre einem Andern zu, wenn es gilt, dem Juden und dem Judenthum Verdienst zu entziehen. Litteraturbericht, Recensionen. Fürst Bismarck und der Antisemitismus. Wien. 1880. Verlag von Hugo Engel. Diese Schrift eines sehr belesenen und schriftgewandten Anonymus gehört zu den besten Streit- Schriften wider den Antisemitismus, die im Laufe des letzten Jahrzehntes erschienen sind. Doch wie es schlechte Bücher mit gutem Titel giebt, so haben wir hier ein gutes Buch mit einem Titel, der durchaus geeignet ist, irre zu führen und den Leser etwas Anderes finden zu lassen, als er erwartet. Fürst Bismarok wird in der über 18 Bogen starken Broschüre nur zum Anfang bei der Besprechung des praktischen Ohristenthu ms in der kaiserliehen Botschaft und dann zum Schluss auf einigen Seiten etwas ausführlicher erwähnt, im Wesentlichen bietet das Buch eine Widerlegung des nationalöoonomischen, philosophischen und staatsrechtlichen Antisemitismus, wie er sich in den Schriften Dühring’s, v. Hartmann’s, Zöllner'8 und einigen anderen bissigen Soribenten ausgesprochen hat und der noch heute einem grossen Theile der Studentenschaft zum Vorwand für ihre akademischen Agitationen dient. Ganz

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