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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-08 · N° 2. (8.1.1886) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 2. (8.1.1886)
Date
1886-01-08
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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— 6 — dass er sich ungern auf das religiöse Gebiet begebe, und dem er in jenem Privatgespräoh auch das Versprechen zu schweigen abgenommen hatte. ״Nioht aus Blödigkeit, sagt er (Ges. Sohr. Bd. m S. 40), halte er sich fern von Religionsstreitigkeiten, sondern weil er seine Religion geprüft und als wahr befanden habe. Deswegen kümmere ihn die judenfeindliche Polemik wenig. ״ Die verächtliche Meinung, “ erklärt er offen und ernsthaft, ״die man von einem Juden hat, wünschte ich durch Tugend und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können. Meine Religion, meine Philosophie und mein Stand im bürgerlichen Leben geben mir die wichtigsten Gründe an die Hand, »Ile Religionsstreitigkeiten zu vermeiden und in öffentlichen Schriften nur von den Wahrheiten zu sprechen, die allen Religionen gleich wichtig sein müssen“. Gegenüber dem christlichen Bekehrungseifer, den Lavater gar zu sehr hervorgekehrt hatte, betont Mendelssohn, dass er an dem Grundsätze der mosaischen Religion festbalte, Niemanden zu bekehren, da seine Religion nur ein Erbtheil der Gemeine Jaakob sei, wofür er sich auf Talmud und Maimonides beruft (Bd. III S. 43). Nichts destoweniger werde von den Juden geglaubt, dass diejenigen, welche irren, nicht um die Seligkeit gebracht würden, am wenigsten, wenn diese Irrthümer zu den höheren theoretischen Grundsätzen (Prinoipien oder Dogmen) gehörten und dadurch zu weit vom Praktischen entfernt sind, um schädlich sein zu können. — Ausser diesen Beweggründen hindere ihn seine Stellung unter den Nebenmenschen, den geforderten Schritt zu thun. Endlich getraue er sich auch mit Hilfe der Bonnet’schen Beweisgründe jede Religion, welche inan wolle, zu vertheidigen. Doch wünsche er überhaupt keine ReligionSstreitigkeiten und würde dem baldigen Austrag dieser Angelegenheit gern und freudig entgegensehen. ( Fortsetzung folgt.) Collectanea. Von Dr. Krön er, Rabb. in Brandenburg a. d. H. XX11I. Biblisches und Talmudisclies in weltlichen deutschen Dichtungen. Nur wenige Gebildete, selbst wenige Litterarhistoriker ahnen, wie viel die geistliche (kirchliche) Poesie der jüdischen Litteratur entnommen. Noch schwächer ahnen sie, wie viel die sogen, weltliche Poesie dem jüdischen Schriftthum verdankt; höchstens wissen sie, dass Göthe bei seiner Faustdiohtung das Buch Hiob benutzt hat, und das ist Alles. Und doch ist die Kenntniss der Art und des Umfangs der fraglichen Entlehnungen in litterar- und kulturhistorischem Betracht hochwichtig. Eine, wenn auch vorläufig nicht ganz vollkommen erschöpfende Darstellung derselben wäre daher in der That des Schweisse8 der Edeln werth. Allerdings erfordert eine solche Arbeit viel positives Wissen auf den einßchlägigen Gebieten, ernsten Fleiss, vorurtheilsfreien, besonnenen und oft divinatorisohen Forscherblick — Gelehrtenqualitäten, die einerseits sich selten vereint finden, andererseits da, wo es gilt, dem Judenthum gerecht zu werden, sich selten gern bethätigen, oder bei allem guten Willen wegen äusserer Hindernisse sich nicht immer bethätigen lassen. Aber wir halten es schon für verdienstlich, allgemach eine grössere Zahl Bausteine, deren Ursprung wenig bekannt sein dürfte, für ein Werk gedachter Art zusammenzutragen, und wir bitten die gesch. Mitarbeiter des ״Jüd. Litt.-Bl.“ inständig, 80 oft sie bei der Lektür0 weltlicher deutscher Dichtungen ein solches Steinchen finden, es sammt dem Nachweis seines jüdisohen Ursprungs unserm Litt.-Bl. einzuverleiben und so einer zukünftigen Forsohungsgrossthat erster! Ranges Vorschub zu leisten. Wir beginnen hier mit der Lieferung einigen, wie wir glauben, nicht unbrauchbaren Materials. Jüngst wurde in mehreren Notizen des Litt.-Bl. die alte ״Naturgeschichte“ des Schlumiel wiederaufgefrischt. Längst hat u. A. Tendlau (Sprichw.) die verschiedenen Ansichten über den Ursprung des Namens Schlumiel oder Schlemiel zusammengestellt auf die wir nicht näher eingeheu wollen. Zuvörderst möchten wir hier konstatiren, dass Chamisso’s Auffassung dieses Namens, den er bekanntlich Schlemihl schreibt, völlig dessen hebräischem Etymon entspricht. In dem Gedicht ״An meinen alten Freund Peter Schlemihl“ sagt Chatnisso: Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl, Wir schreiten zu und lassen es beim Alten: Wir kümmern uns um alle Weit nicht viel, Es desto fester mit uns selbst zu halten. Aehnlich bekennt er in der ״Sage von Alexandem“ von sich: Ich lieb’ und lobe mir, dass ich’s euch sage, Die Ruh’, den Schatten und ein liebend Weib. Ohamisso fasst den Schlemihl also vor Allem als einen Menschen auf, der den Gottesfrieden (Sch’lom El Gottfried, Fridolin) in und um sich liebt. Bei allem materiellen Besitz kommt sich und Andern dieser Schlemihl als Unglücksmensch vor, wenn ihm das Missgeschick (der ״Teufel“) das, was ihm seinen Frieden ermöglicht, wenn es ihm seinen Schatten geraubt. In solcher Weiso stellt sich uns Chamisso’s Schlemihl dar und es ist sonach unbestreitbar, dass diese Hauptfigur des ״Musters eines tiefgedachten und gelungenen Märchens“, wie Heinrich Kurz die wundersame Geschichte von Peter Schlemihl nennt, der Berührung Chamisso’s mit Juden oder dem jüdischen Schriftthum ihr Entstehen verdankt. Dies ist das einzige Moment der Schlemihlgeschiehte, das wir als ausgemacht für uns reklamiren dürfen — ein Moment freilich, das wir als sehr wesentlich ansehen. Es scheint noch manche Ausbeute aus jener Geschichte für unsern Zweck möglich, aber — dieser Schein dürfte trügen. Angesichts der Gedichte: Josua, Der neue Ahasverus, Abba Glosk Leczeka, Sage von Alexandern, Ein Baal Teschuba u. a. muss zugegeben werden, dass dem Dichter das biblische, sowie das talmudische Schrift thum nicht ganz unbekannt gewesen. Diese Kenntnisse waren allerdings nur aus Uebersetzungen und Mittheilungen geschöpft; wir glauben nicht, dass Chamisso irgend welches Wissen in der althebräischen oder gar in der talmudischen Sprache besessen habe; wenigstens mangelt diesbezüglich jeder Anhalt. Zwar vernehmen wir in der ״Sage von Alexandern (Nach dem Talmud)“: Ich will von Alexandern euch berichten, Was ich im Talmud aufgezeichnet fand; Ich wage nicht ein Wort hinzuzudichten. Es wird dies aber wohl Niemand ernstlich als Beweis für eine etwaige Kunde des Talmudoriginals, der althebr. oder talmudischen Sprache betraohten. Und so erscheint es uns sehr fraglich, ob Chamisso vermöge hebräischer Spraohkenntnisse die etymologische Bedeutung de3 Namens Schlemihl gekannt, und ob er diesem den Vornamen Peter (grieoh. Petros — Fels) gegeben, weil Schlumiels Vater Zurischaddai hiess und der Dichter die Bedeutung dieses hebr. Namens gleichfalls selbst wusste; nicht minder fraglich erscheint es uns, ob dem Diohter die Midianiterin Kos bi als Urbild der Mina vorgeschwebt, und ob Numeri 14,9: Gewichen ist von ihnen ihr

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