Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 2. (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches —8-- Litteratur-Blatt. Ziv BtlnektiiK «Mer J«4ealk«a wmA Jade« *•treffende! lttterarleehea Kr• Mkelannfen 1«f de» Gebiete der Pfeile* •epkie» Geschichte, Etfeiograpfeie, Theo* Orientalin , Exegese» Headletlk, IJtiifik. PidatMtt. Herausgegeben ▼OD Rabbiner I)r. Moritz Rabnier. QfLacide&iizQ, 8. Üamtat 1886. Bicher der •(«ach llgigen littteratnr,!reiche •er Hedaetlon angeaandt «erden, Anden In diesem Blatte eingehende Bespreche«*. Bel Kinaendnng von awei Kecenelona* Exemplaren erfolgt einmalige karte Gratle*lnaertton. Das ״Jtdl&che Lttterfttar-BUtt*« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Bachhandlangen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Ingerate werden mit M Pf• für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit M Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zn senden. Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten '^5 Rabatt. Inhalt: ־Wissenschaftliche Aufsätze: Moses Mendelssohn nnd dasJudenthnra.il. — Collectanea. Von Dr. Kroner, Rabh. in Brandenburg a. d. H. Litteraturbericht. Recensionen. Fürst Bismarck und der Antisemitismus. — Zur Säcnlarfeier Mendelssohns. Ein Vortrag, gehalten in der Bürgerhalle zn Tilsit von Rabbiner S. Friedeberg. Inserate. Nachdruck nur mit -voller Quellenangabe gestattet. Moses Mendelssohn und das Judenthum. n. Mendelssohn nnd Lavater. Die Beziehungen, welche der grosse jüdische Philosoph Moses Mendelssohn zu der Aussenwelt hatte, waren so mannigfaltig und zugleich so intensiv, dass es nicht leicht ist, in der grossen Kette von Erscheinungen, welche sein Wirkungskreis umfasste, eine Uebersicht und Einsicht zn gewinnen. Da sehen wir ihn bald, duroh das Studium Locke’s und Wolfs, Leibnitz’s nnd Spinoza’s angeregt, philosophische Gespräche in platonischer Nachahmung schreiben, bald, durch die edle Freundschaft eines Lessing in die zeitgenössische Litteratur und Kunst eingeführt, ästhetische Kritik üben, bald durch einen Lavater in die theologischen Streitigkeiten der Zeit hineingezogen nnd in die Nothwendigkeit versetzt, seinen religiösen Standpunkt öffentlich zu erklären, und endlich führt ihn die Liebe zu seinen erniedrigten Stammesbrüdern der jüdischen Wissenschaft zu, der er durch philosopmsche Durchdringung (in seinem Jerusalem) duroh Verdeutschung der Bibel und Systematisirung des talmudisch - rabbinischen Hechts erhabene Denkmale setzt. Aus der Fülle dieser gewissermassen universalen Schöpfungsthätigkeit des Mannes wollen wir uns zunächst demjenigen zuwenden, was um den grossen Philosophen menschlich und innerlich näher bringt. Zwar tragen alle Werke, welche Mendelssohn geschrieben, den Stempel der edelsten Gesinnung und der lautersten Denkungsart an sich. Aber seine philosophischen Sohriften und diejenigen, welche die jüdische Wissenschaft betreffen, sind der Natur der Sache nach nioht geeignet, uns ein Bild von seiner Persönlichkeit und seinem Charahter zu geben. Um so plastischer wird uns seine Gestalt hervortreten und um so tiefer werden wir in sein Herz da blicken können, wo er von dem Judenthume nicht als Wissenschaft nnd Tradition, sondern als Bekenntniss zu reden genöthigt ist. In dieses Gebiet führt uns die zwar kurze, aber wie ein elektrischer Strom noch bis iu die heutige Zeit nachwirkende Berührung, in welche Moses Men• delssohn mit Johann Caspar Lavater gerieth. Im Herbst des Jahres 1769, zwei Jahre nach dem Erscheinen des Phädon, als der vierzigjährige Mendelssohn mit Lessing und Nicolai bereits eine fünfzehnjährige Freundschaft pflegte, gab der Züricher Diacon Lavater seine Uebersetzung der ״Reoherohes sur le preuves du Christianisme von C. Bonuet“ heraus, ein Werk, weiches die Bestärkung der schwachen Christen in ihrem Glauben durch Philosophie zum Ziel hatte. Dieses Werk nun eignete der Uebersetzer dem jüdischen Philosophen Mendelssohn, welohen er einige Jahre früher in Berlin kennen gelernt hatte, zu und forderte ihn in der Widmung auf, ״Herrn Bonnet’s Untersuchung der Beweise für das Christenthum entweder zu widerlegen, wofern er die wesentliehen Argumentationen, womit die Thatsachen des Christenthums unterstützt sind, nicht riohtig finde; dafern er aber dieselbe richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit ihm thun hiessen, — was ein Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte“. Ein Bekehrungsversuch in der offensten Form. Ein solches Ansinnen von Seiten eines in der damaligen Gelehrtenwelt bekannten und geachteten Theologen musste bei der Oeffentlichkeit, die das ganze von ihm eingeschlagene Verfahren hatte, Moses Mendelssohn auf das Schmerzlichste berühren. Zu gross denkend, um einer solchen Verlockung nach Aufbesserung seiner bürgerlichen Stellung nachzugeben, zu weitherzig, um, wie es ein frommer Rabbiner gethan haben würde, ohne Worte oder mit frommem Spruche den Bekehrer von sich abzuweisen, vielleicht auch zn geistreich, um dieses feine Spiel des Geistes nnd Herzens in eine gemeine Posse auslaufen zu lassen, nahm Mendelssohn die Aufforderung wie einen Fehdehandschuh auf uud antwortete, Alles wohl überschauend und Herr der Situation, der öffentlichen Zueignung des Diaoon’s in seinem öffentlichen ״ Schreiben an den Herrn Diaeonns Lavater zu Ziirioh von Moses Mendelssohn “, welohes die einsichtigen und freimüthigen Censoren jener Zeit gar keiner Durchsicht unterziehen zu wollen erklärten (Ges. Sehr, Bd. I. S. 20. Kayserling S. 192), und dessen Inhalt uns den ersten Aufschluss über des Mannes grosse Seele giebt. Es befremdete Mendelssohn zunächst, dass jene Aufforderung in öffentlicher Weise von einem Manne wie Lavater erfolgt sei, dem er in einem voraugegangenen Privatgespräohe zu verstehen gegeben,