Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 1. (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — als ein Ju d e. Der Muselmann, sowie der Christ hätte nur im Gegensatz, wenn auch vielleicht nicht zu seinem Bekenntnisse, aber doch zu seinen Mitbekennern, zu den offiziellen Vertretern desselben 80 handeln können; nur der Jude könnt« nicht nur in TJebereinstimmung mit dem Judenthume, sondern auch mit der Judenhoit so handeln. Jeder Rabbiner hätte mit dem Talmud in der Hand dem Nathan keinen andern Bescheid geben können, und Nathan würde, wenn er anders gehandelt hätte, sich im entschiedenen Gegensätze zu den Vorschriften seiner Confession und den Anschauungen der Lehrer und der Bekenner derselben befunden haben, und wäre Nathan Wahrheit und nicht■ Dichtung, so wäre es sicher, dass Nathan, der nicht viel talmudische Gelehrsamkeit verräth — wo hätte er auch die Zeit, diese zu erwerben, hernehmeu sollen? — bei dem Rabbiner seiner Gemeinde wirklich eine Anfrage gestellt hat. Wenn ich oben nur den Talmud als Codex des Rabbiners erwähnte, und nicht den ״ Schu lehan-Aruch “, so geschah es darum, weil dies Buch zur Zeit Saladins noch uicht cxistirte. Auch mit dem ״Schulchan Aruch“ in der Hand, könnte der Bescheid nicht anders ausfallen. In den beiden andern Confessionen wäre derartiges nicht nur für die Zeit des Drama’s, sondern wohl auch heute noch nicht denkbar. Doch diese Motivirung reicht für unsere Frage nicht aus. Denn Lessing wollte keine Apologie des Judenthums schreiben und überhaupt keine Description der Religionen, wie sie sind, sondern ein Ideal der Religion aufstellen, wie jede sein soll. Sein Nathan sollte ein Lehrer sein, und von wem will man weniger lernen, als vom Juden und Judenthum? Ist ja selbst heute noch die Lehrer - Carriere vor den Bekennern des Judenthums verschlossen, man schämt sich, von einem Juden unterrichtet zu werden und לא הבישן למד! Um so mehr hätte Lessing in die Qualification seines Nathan zum Lehrer der Christenheit, auf die es ja hauptsächlich ankam, Zweifel setzen sollen. Von einer absichtlichen Beschämung des Christenthums kann bei Lessing, abgesehen von seiner innigen Begeisterung für sein Christenthum, schon aus der pädagogischen Tendenz — ich sage absichtlich: ״pädagogisch“ und nicht ״didaktisch“, wie ich in einem späteren Artikel noch auszuführen gedenke — des Drama’s nicht die Rede sein. Dazu kommt noch eins: die Veranlassung, weleher wir den Nathan verdanken. Wir wissen, dass Lessing Goeze und Consorten gegenüber, nachdem diese die Braunschweigische Censur gegen ihn verhetzt hatten, gleichsam seine Herausgabe der ״Fragmente eines Ungenannten“, seine Apologie des religiösen Humanismus in dramatischer Form fortsetzte. Die Toleranz, die Lessing predigte, war nicht nur eine Duldung der Bekenner der verschiedenen Bekenntnisse und dieser selbst untereinander, sondern eine absolut« Toleranz, ohne jede Einschränkung, also auch die Duldung unter den Bekennern eines und desselben Bekenntnisses. Gehörte er doch mit Goeze u. Cons. einer und derselben Confession an und verlangte er ja von diesen für sioh auch Toleranz. Mit dieser Toleranz aber war es zur Zeit Lessings, und ist es auch in unserer Zeit, innerhalb des Judenthums nicht besser bestellt, als innerhalb anderer Bekenntnisse. Ob diese religiöse Toleranz nach innen in der Lehre öder in den Personen begründet ist, bleibe hier unerörtert. Die Thatsache selbst ist nicht zu bezweifeln. Diejenigen unter uns, welche für religiöse Toleranz auch innerhalb des Judenthums eintreten, werden von einem grossen Theile unserer Rabbiner als Freigeister und Abtrünnige bezeichnet und behandelt. Hs macht ja z. B. bei vielen unserer Glaubensgenossen, die in ihrer Wohlthätigkeit zwischen Juden und Niohtjudan keinen Unterschied machen, einen grossen Unterschied aus, ob der an ihre Wohlthätigkeit Appellirende ein religiöser ״Parteigenosse“ von ihnen ist, oder nicht. Wehe ihm gewissen Koryphäen gegenüber, wenn er in eine Orgelsynagoge geht'. Nathan, dessen Toleranz, wie wir zu seinem Ruhme annehmen wollen, auch nach dieser Richtung uneingeschränkt war, ist darin ebensowenig Jude, als Christ, wenn man auf die Personen sieht, und ebensowohl Christ als Jude, wenn man auf die Lehre sieht, wenigstens nach Lessings Ansicht von der Lehre. Wie Mendelssohn selbst über diese interne Toleranz dachte, soll hier nicht entschieden werden. Aber von dieser internen Intoleranz wusste Niemand mehr, als gerade Mendelssohn ein Liedchen zu singen. Seine deutsche Pentateuchiibersetzung, dieses für’s Judenthum epochemachende Werk, hat sich sogar den ״Bann“ zugezogen: T בספרי ר״מ״ד (*אל תשלח — und dieser ist in gewissen Kreisen der Judenheit, namentlich in Ungarn und Polen, noch heute nicht aufgehoben. Sollte aber das Lessing’sche ״Toleranz - Edict“ vorzüglich naoh innen wirken, so war das zeitgenössische Judenthum nicht mehr in der Lage, ihm einen ״Nathan“ zu liefern, als irgend eine andere Religion. Mit dieser innern Toleranz stand ein Nathan ebenso über den Bekennern und Vertretern seiner Religion, wie aller Religionen. Merkwürdig sind, nach diesen Auseinandersetzungen, die Commentare, die die uns beschäftigende Frage bisher hervorgerufen. Michaelis hielt (vgl. Lessings Nathan d. Weise v. H. Dünzer, 2. Aufl. S. 37 u. ff.) ״einen solchen tugendhaften, gegen die sein Volk verfolgenden Christen wohlgesinnten Juden für ganz unwahrscheinlich“. Rötscher führt aus,״dass Lessing den Vertreter des universellen, rein menschlichen Princips deshalb zum Juden habe machen müssen, weil im Juden, dessen Religion sich nicht nur ausschliessend gegen alle andern Religionen kehre, sondem diese sich gegenüber als unberechtigt bezeichne, dieses Prinoip, da es den mächtigsten Feind bezwungen, seinen glänzendsten Sieg feiere“. Merkwürdig sind diese Commentare, weil sich in ihnen eine leider nur zu allgemeine Unkenntniss und vollständige Verdrehung der wirklichen Verhältnisse ausdrückt. Gegen das Christenthum sind die Juden alle tolerant, auch gegen die Christen, was die Religion betrifft, u. zwar naoh uralter Vorschrift des Religionsgesetzes, die jede Proselytenmacherei verabscheut. Es ist absolut falsch, dass das Judenthum das Christenthum oder den Islam ״sich gegenüber für unberechtigt hält“. Es hält vielleicht manche Lehren derselben für irrig, aber kein Bekenntniss für unberechtigt in seiner Existenz. Im Gegentheile ■ wurde ja, weil man den Unterschied zwischen Ver-! breitung der Erkenntniss und des Bekenntnisses I nicht beachtet, dem Judenthum seine Aversion gegen Proselytenmacherei als liebloser Dünkel vorgeworfen. Wie sollte es irgend eiu monotheistisches Bekenntniss sich gegenüber für ״unberechtigt“ halten? Wenn Rötscher diese bekannten Dinge nioht wusste, durfte er in dieser Frage gar nicht mitsprechen. Umgekehrt liegt die Sache so, dass das Judenthum und seine Bekenner nach aussen hin keine Grenze in der Toleranz, wenigstens in der religiösen, kennen, also kein Bekenntniss ״sich gegenüber als unberechtigt bezeichnen“, aber wohl freisinnige Auffassung des Juden- רבי משה דלסוי ר־מ׳ד'(*