Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 1. (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 2 halten lernt, wird die Saat, die er gestreut hat, einzuernten berufen sein. Die Bedeutung Moses Mendelssohns liegt im Wesentlichen in demjenigen, was er für das Judenthum geleistet hat, oder besser, Alles, was Mendelssohn leistete, hat darum für uns eine besondere Bedeutung, weil er es als Jude dachte und schuf Von seinen Schriftwerken haben daher diejenigen für uns den grössten W«-rth, die aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft geschöpft sind. Es ist freilieh unleugbar, dass seine, philosophischen Schriften, der ״Phädon“, an dem er nahezu neun Jahre gearbeitet hat, die ״Morgenstunden“, deren Abfassung noch länger dauerte, u. a. an innerem Werthe weitaus alles überragen, was Mendelssohn aut dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft hervorgebracht hat. Aber vergleichen wir den Zustand, in welchem zu seiner Zeit die Philosophie und andererseits die jüdische Wissenschaft sich befanden, so müssen wir gestehen, dass Mendelssohn, so tief seine philosophischen Gedanken auch sein mochten, so herrlich auch in seinem ״Phädon“ die Unsterblichkeit der Seele, in den ״Morgenstunden“ das Dasein Gottes bewiesen und geschildert werden, dennoch weder allein stand, noch auch nur der Erste unter den Philosophen jener Zeit war, sondern nur Einer unter den vielen Denkern, welche das vorige Jahrhundert gezeitigt hat. Auf dem Gebiete des Judenthums dagegen hatte er keinen Vorgänger, wenigstens keinen, an den er unmittelbar anknüpfen konnte, und nur der (100 Jahre ältere Maimonides kann hierin mit Fug als sein eigentlicher Vorarbeiter und Vorläufer betrachtet werden. Und in Wirklichkeit war es auch Maimonides, an dessen Philosophie der jugendliche Mendelssohn neben Bibel und Talmud seinen Geist schärfte, und dessen More Nebuchim ihn schon in der Knabenzeit zum eindringlichsten Studium anfeuerte. Wenn demnach die jüdischen Schriften auch, sei es dass sie in hebräischer Sprache verfasst waren oder von dem jüdischen Glauben, den jüdischen Sitten, Gesetzen und Ritualien handelten, einen allzu grossen wissenschaftlichen Werth nicht repräsentireu können, so haben sie dennoch thatsächlich eine grosse Wichtigkeit nicht nur erlangt, sondern auch verdient.*) Von den Schöpfungen Mendelssohns wollen wir alles dasjenige, was das biblische Gebiet betrifft, wie die ״Uebersetzung der fünf Bücher Mose“, der ״Psalmen“, des ״Hohenliedes“, des ״Deborah-Gesanges“ nebst den neu-hebräischen Poesien, ferner was m den Bereich des talmudisch-rabbinischen Rechtes fällt, wie den ״Judeneid“, die auf Mischnah und Schulchan Aruch fussenden ״Ritualgesetze“ übergehen und hoffen, dass ein Eingeweihter diese Seite der Wirksamkeit Mendelssohns zu beleuchten unternehmen wird. Wir wollen uns nur mit demjenigen Theile der Mendelssohn’schen Schriften vornehmlich befassen, der uns *) Weniger die rein hebräischen Werke, die wohl keine wesentlich positive Bedeutung für das Judenthum haben mögen. So schrieb er im Alter von 21 Jahren eine moralische Wochenschritt ״Kohelet Mussor“, von der nur zwei Nummern erschienen, da die wissensieindlichen Rabbinen sich beeilten, sie zu unterdrücken; ferner eine Terminologie der Logik מל1ת ההגיון eine Verbesserung des gleichnamigen Maimonidischen Werkes. Von dieser Sclirilt tlieilt Nicolai in seinen Anmerkungen zu Mendelssohns Briefweclistl mit Lessing (M. Mendelssohns gesammelte Schritten. Herausgegeben von G. B. Mendelssohn Bd. V. S 221) mit, ״dass es eigentlich ein Werk des Maimonides sei, der darin die Kunstwörter der Logik nach dem Aristoteles erklärt, Meudelssolin habe aber mancherlei falsche Auflassungen berichtigt und nach seiner Gewohnheit hierbei mehrere Wahrheiten der neueren Philosophie, besonders der Wölfischen, angebracht“. Wir sehen hieraus, wie rabbiuisch und frei zugleich Mendelssohn in solchen Fällen zu verfahren pflegte. Ein ähnliches Urtheil fällt über den hebräischen Commentar zum Kolieleth und die bedeutsame hebräische Einden Philosophen in eine nähere Beziehung, sowohl zu dem modernen Judenthum, als auch zum Christenthume bringt. In dieses Gebiet gehören die Schriften, die er aus Anlass seines Streites mit Lavater verfasste, ferner die ״Vorrede“ zu Manasse Ben Israels ״Rettung der Juden“ und das politisch-religiöse ״Jerusalem“, sein hervorragendstes Werk auf dem Gebiete der spekulativen Theologie, endlich auch zahlreiche Briefe, welche Moses Mendelssohn über Glaubenslehren und Glaubenswahrheiteu mit den bedeutendsten Geistern seiner Zeit zu wechseln Gelegenheit hatte. Wir wollen uns aus allen diesen Erzeugnissen seines Geistes und Herzens die Personlichkeit des Denkers construiren, wollen aus ihnen seine Gesinnungs- und Handlungsweise, sein Verdienst um die Aufklärung des Judenthums und die bürgerliche Befreiung der Juden verstehen und schätzen lernen. Warum Lessing zum ״Nathan“ einen Juden nahm. Die Verehrer Lessing’s in Deutschland rüsten sich, um den lOOten Todestag Mendelssohn’s, der jenem zum ״Nathan“ als ״Modell“ diente, feierlich zu begehen und die rubricirte Nathan-Frage ist darum besonders zeitgemäss. Die Rolle des ״Modells“ ist eine dienende, keine herrschende, das Modell steht nur für sich, individuell, nicht aber für alle die Kreise, za denen es durch das eine oder andere Band in Beziehung steht. Es darf also diese Rolle Mendelssohn’s nicht so aufgefasst werden, als ob sie schon ein genügendes Motiv dafür wäre, dass Lessing seinen Humanismus in der Religiou einem Juden in den Mund legte. Dass Mendelssohn ein Jude war, konnte für Lessing noch kein Grund zu der Annahme sein, dass im Judenthum der religiöse Zelotismus weniger sein Domicil habe, als in andern Religionen. Nun hatte zwar Lessing durch Mendelssohn eine Kenntniss vom Juden thume seinerzeit erlangt, die sich aus Büchern gar nicht erwerben lässt, und diese Kenntniss konnte ihn allerdings überzeugen, dass das Judenthum seiner Zeit, wenigstens in Bezug auf Bekehruugssüchtigkeit, absolut frei vom Zelotismus sei, und da Lessing im Nathan einen Charakter brauchte, der nicht die geringste Neigung zeigte, u. zwar in Uebereinstimmung mit seiner Confession und als strenger Anhänger seines Glaubens, ein von ihm erzogenes, einer andern Confession angehöriges Pflegekind, das ihn nur als rechten Vater kannte und kennen sollte, in seiner Confession zu erziehen, der im Gegentheile diesem Kinde die höchste Achtung vor allen Confessionen einpflanzte und es zur Confession, der es durch Geburt angehörte, noch durch eine Gesellschafterin dieser Confession in besondere Beziehung brachte — so war dazu allerdings niemand geeigneter, leitung in die Pentateuck-Uebersetzung M. Kayserling (Moses Mendelssohn. Sein Leben und seine Werke. Von Dr. M. Kayserling. Leipzig 18<>2. S. 38(1) bei der Skizzirung der Stellungnähme Mendelssohns zum Rabbinismus: ״Sein Standpunkt in seinen iu hebräischer Sprache abgetassten Schriften ist durch und durch rabbiuisch. Seine Einleitungen in den Pentateuch und in Koheleth sind 80 ganz und gar rabbinisek, dass sie den bedeutendsten talmudischen Autoritäten der Zeit zur Freude gereichten, trotzdem er sich in der einen auf des freisinnigen Eichhorn ״Einleitung in das Alte Testament“ beruft und in der andern nicht verschweigt, das Gute, das er in den Commentarien der christlichen Schriftsteller gefunden, als Hebe vor Gott herausgehoben zu haben“. Wichtiger jedenfalls als diese hebräischen Schriften sind die Uebersetzungen aus der Bibel, vornehmlich die des Pentateuchs. Diese ward für die Juden, was Luthers Bibel-Uebersetzung für die Christen bedeutet. Sie wurde das vornehmste Bildungselement der Israeliten, welche bisher in einseitiger, ja bildungsteindlicher Buchstabengelehrsamkeit aufgezogen waren.