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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1886-01-01 · N° 1. (1.1.1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
15 (1886)
Issue
N° 1. (1.1.1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Litteratur Jakrg. XV. Blatt. Xir Belorhtu^ 11]er JsdenthMM und Jiden betrelTendn lUUrirliirhen Er* •cbetauNffen auf dem (leblete der Philo• *ophle» Gearhiehte, Kthaofraphie. Theo• lo!ie, OrienUlU, Exegese» Homiletik« Mtorfrik, Pidagoglk. Herausgegebe» von Rabbiner l>r. Moritz Kalinier. 0TCa<j9e& u-tg, 1. cJamrar 1SiJ<5. K9ch«r<ler.lNnrltlÜKilce11 I.IM'>ratur,w!>lrl1t 4er Ue!Urtlon *UK!־,M1<lt w rrilrn, flntle■ In dienen! Illntle elnnrhemle UeHprerhnng. Bei KInNendunir von xnrel KecennlonN- KxempUren. erfolgt elnnmllge knrie IjrntlN-ln.rrtton. Das »Jüdische Litteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Prois bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 85 Pf. lür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 15 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einseuden, erhalten '■in)( Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Moses Mendelssohn und das Judenthum. I. — Warum Lessing zum ״Nathan“ einen Juden nahm. Von Dr. J. G01 dschmidt-Weilburg. N otiz. Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Moses Mendelssohn und das Judenthum. 1. Dervierte Januardes eben begonnenen Jahres bringt uns einen Mann in Erinnerung, der vor einem Jahrhundert seine für die Ausgestaltung des modernen Judenthums epochemachende Laufbahn beschloss. Moses Mendelssohn, der Chorführer der in die europäische Cultur eingeführten Israeliten, der Philosoph, Theologe und Kaufmann, verdient es mit Recht, der ״dritte Moses“ zu heissen. Was den orthodoxen Rabbinismus der früheren Jahrhunderte zu der äussersten Einseitigkeit und Beschränktheit verleitet hatte, — den Confiict mit dem Christenthume überwand und beseitigte der jüdische Denker. Der klare Blick dieses Mannes erkannte die moralische Yersumpftheit, den ägyptischen Zustand, in welchen Religionshass auf der einen und übermässige Befangenheit auf der anderen Seite den jüdischen Stamm herabgedrückt hatten. Von dem Gebiete der Religion, die diese Wunden geschlagen, von dem gedankenlosen Glauben, der zu diesem unseligen Zustande geführt hatte, flüchtete er zu der Philosophie, um durch dieselbe das gesunkene Judenthum wieder zu seiner verdienten Grösse emporzuheben. Energie im Verkehr mit den Christen, Entschiedenheit in religiösen Grund- Sätzen, gepaart mit der Liebenswürdigkeit einer vornrtheilslosen Seele und der Anziehungskraft eines tiefen Menschenkenners, erhoben ihn zum geistigen Führer des Judenthums, dem ersten Führer, den die Kinder Israel seit Maimonides wieder besessen haben. Wie gewaltig eine solche nicht-rabbinische Erscheinung in dem Judenthum seiner Zeit, das Jahrhunderte vorher in den einseitigen und darum vielfach beschränkten Anschauungen des Rabbinismus und der vielfach inhaltsleeren Ausübung der Ceremonie gelebt hatte, dastehen musste, ist leicht zu ersehen. Moses Mendelssohn veranlasste die Vertiefung des Judenthums, er schuf die geistige Emancipation. Und auch das deutsche Volk ehrt ihn als den klaren, lichtvollen Denker, dessen ״l’hädon“ so manches Gemüth beruhigte und erquickte, dessen Philosophie so ganz volksthümlich deutsch, so ganz empfunden, durchdacht, durchgeistigt, dessen Styl so rein und anmuthend, dessen Herz so empfindend und gemüthvoll war. Die Vereinigung des jüdischen und christlichen Geistes liess neue Ideen heranreifen, neue Formen des geistigen Denkens schaffen, die fruchtbringend auf die civilisirte Welt wirken mochten. Aber während Spinoza sich mit seinem philosophischen System von dem Boden des Judenthums entfernt, bleibt seine geistiger Antipode Mendelssohn treu auf demselben stehen. Durch diese Schranke, die er seinem Geiste auferlegt, erlangte er die Möglichkeit, auf seine Glaubensgenossen einzuwirken, die deutschen Juden zu einem Gliede des deutschen Volkes zu machen. Ihm selbst gelang es noch nicht, diese Anschauung überallhin zu verbreiten. Ihm und seiner Zeit waren die Juden noch immer eine ״Nation“. Aber er lebte lange genug, nm noch am Abend seines Daseins die Morgenröthe der geistigen Befreiung des Judenthums zu erkennen. Dohm und Jselin, Lessing und Herder kamen den Bemühungen des Philosophen um die geistige und bürgerliche Verbesserung der Judeu entgegen. Ob aber die Entwickelung, welche das fortschreitende Judenthum seit Mendelssohns Tode nahm, dem Geiste dieses Führers entsprach, wird wohl nicht Jeder zugeben können. Er, der keine sociale Revolution in den Verhältnissen des europäischen Continents voraussah, forderte nie, sondern bat und mahnte nur als der Schutzpatron eines geknechteten Stammes, als der Sprecher einer durch jahrtausendjähriges Leiden entkräfteten Menge. Er gewann es über sich, sich für seine Glaubensgenossen zur demüthigen. Mit der Seelenruhe eines Weisen hielt er allen Angriffen, die auf seinen Glauben gemacht wurden, Staad, mit der Liebe eines wahren Menschenfreundes kam er seinen bedrängten Stammesgenossen zu Hülfe. Doch die Nachkommen des grossen Philosophen lohnten ihm wenig. Sie verflössen den von dem grossen Führer gewiesenen Pfad. Sie nahmen sein Geschenk und vergassen den Dank au den Geber. Börne und Heine, die nur in einem durch einen Mendelssohn gebahnten Zeitlauf 8 o wirken konnten, wie sie wirkten, vergrösserten den Confiict des Judenthums mit dem Christenthume, gaben ihm in ihren Schöpfungen einen typischen Ausdruck und untergruben dadurch nicht wenig das Ansehen des Judenthumes, das Mendelssohn mit 80 unendlicher Mühe erfochten hatte. Auch die Neuzeit, von materiellen Interessen mehr als billig in Anspruch genommen, wird den Philosophen vielleicht ebensowenig allgemein zu würdigen wissen, wie die Romantik. Erst eine Zeit, die zwischen den ideellen und materiellen Interessen weise und massvoll die Mitte

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