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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-12-17 · N° 51. (17.12.1885) · p. Seite 201

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 51. (17.12.1885)
Date
1885-12-17
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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— 201 — Daran schloss sich das gemeinsame einfache Mahl mit dem Gäbet* des Priesters vor und nach dem Mahle. Dann gingen sie wieder zur Arbeit bis zum Abend, nachdem sie ihr heiliges, linnenes Gewand abgelegt hatten, und dann gingen sie 7.u dem Nachtessen mit gleichen Ceremonien. ״Kein Lärm und kein Tumult verunreinigt das Haus״, fügt Jos0]>hns hinzu, ״ihr Gespräch aber hait.ee sie abwechselnd nach einander, so dass die feierliche Stille im Hause auf die Draussenstehenden wie ein Wunder wirkt“. Männer solcher Art, die in asketischer Genügsamkeit, »n gemessener Bedächtigkeit und Schweigsamkeit und in peinlicher Absonderung und Zurückgezogenheit von der übrigen Welt so der strengen und der selbstlosen Pflicht leben, können als Heilige und Fromme geliebt und verehrt werden; aber zu einem innigen Anschlüsse an die Familie fehlt ihnen nicht ״ur die Neigung, sondern auch die Fähigkeit. Ganz besonders fehlt, es Ihnen aber an denjenigen Eigenschaften, welche den Mann in den Augen des Weibes liebenswerth erscheinen lassen. In der That war auch die Ehe bei den Essäern im Allgemeinen Verpönt und nur von einem Zweig der Essäer, berichtet Josephns, dass die Mitglieder verheirathet , waren, dass sie aber die Ehe 11 1• als ein nothwendiges Uebel betrachteten. Die Frauen dieses essenisehen Zweiges gehörten aber mit zum Orden, hatten dieselbe Lebensweise und auch dieselbe Kleidung, nur mit einer dem Geschlecht« entsprechenden Verschicdenheit Ebenso .musste sie ihre Eigenart von jedem nähern Verkehr mit Nichtonlensbri'ub-ru fern halten. Dafür bildeten schon ihre leviti-chen Reinheitsvor- Schriften und ihr schweigsames, geheinmissvolles Wesen ein starkes llinderniss. Am liebsten wohnten sie daher auch in klciien, durch einen Wiist.engürtel von der übrigen Welt abgeschlossenen (Jasen Zwischen Jerusalem und dem todteu Meer, 11a, wo ungefähr drei Stunden nördlich von Masada ein beschwerlicher Zickzackweg über Felstrümnier und Stciugeröll, hinab zu einer reichen Quelle führt, die verborgen unter lauschigen Ufern znin rotlien Meere ihren Weg sucht, da war, nach Plinius, der Hauptsitz der Essäer. Der Ort hiess E ug ed i, Bockijueile, wohl weil dort, kletternde Ziegen zuerst diesen Pfad ausfindig geinHclit hatten. Da, wo eine paradiesische Vegetation die Arbeit leicht und reichlich lohnt, wo neben der Palme, auch die Balsam-taiule und viele heilsame Krauter in üppiger Pracht vorhanden waren, war der Mittelpunkt der •1000 Essäer, welche zur Zeit tles Joseplius existirten, bis der eherne Schritt des römisehen Vernichtungskrieges im Jahre 70 auch sie aus diesen stillen Gegenden aufschencht«• und die Essäer in die traurigen Geschicke ihrer Volksgenossen mit hinein verwickelte. In späterer Zeit erkennen wir wohl ilireu naclilebenden Geist in den talmudi-chen Berichten über die alten ״Frommen “,die ״ Bescheidenen“ und ״Sorgfältigen“ iChassiditn-hari-chouim, Zeimitn, Watinkin) wieder, und zum Tlieile auch bei der christlichen Sekte der Ebjointen; aber in ihrer nr- Sprunghöhen reinen Form und einheitlichen Gestaltuug finden wir sie nicht mehr. Die alten Berichterstatter bewunderten die Essäer und sahen nur ihre Lichtseiten. Wir, die Spat.gebo- .־viien, werden anch die Bewunderung für ihre erbaheilen Tugenden nicht unterdrücken; aber wir werden auch die Schattenseiten neben den Lichtseiten nicht übersehen. Jede Absonderung von der Welt und dem grossen Geuieinleben schränkt den Geist ein und macht die Phantasie zügellos, so dass der Idealismus zur Schwärmerei fuhrt und der kleine Schritt vom Glauben zum Aberglauben und vom I Erhabenen zum Lächerlichen gar bald geschehen ist. j So waren die Essäer nicht nur die gepriesenen Tugend-; beiden ihrer Zeit, sondeia anch die gepriesenen Wahrj sager und Wunderthäter, und anch ihre hochherzige! ärztliche Praxis übten sie nicht allein durch Be- 1 kämpfung des Leidens mittels heilsamer Kräuter, sondern anch durch Besprechungen und Beschwörangen unter Anrufung vou Engelnamen. Das ist die Rache der menschlichen Natur au denen, die sie völlig verleugnen wollon. Die polnischen Juden. Von l’rot. Möller in Köni^sWix• (Schluss.) Der Name des dänischen Generals führt mich zum Schlüsse noch auf den von mancheu Schriftst״U״rn betonten Unterschied zwischen den spanischportugiesischen und den deutsch - polnischen Juden. Erstere sollen einen in der Cultur, wie in den moralischen Eigenschaften höher stehenden Stamm ausmachen uud die Geschichte, welche ihnen zwar eia j einmaliges Märtyrer! 11 tun auferlegte, aber sie uioht ן zu Jahrhunderte langer Entwürdigung vernrtheilte, ן soll diese Verschiedenheit erklären. Eine Reihe glanz-; voller Natnen (Spinoza, d’Israeli, Moses Moutefiore, 1 de Meza! scheint, dieser Ansicht einen gewissen Halt zu geben Allein erstens darf mau sich nicht allzu- I sehr auf die Namcu verlassen. Moutefiore z. B. stammt weder ans Spanien, noch aus Italien, sondern aus j Deutschland und hat erst später seinen romanisch , klingenden Namen angenommen. Sodann scheint es mir uuerwiesen, dass das Schicksal die Juden Spaniens : und Portugals nur zudem einmaligen lauternden und | veredelnden Martyrium der Austreibung oder des Verhanntwerdens durch die Impusition begnadigt habe. Wonti man den Zustand betrachtet, in deiu die Juden ' noch jetzt in Algerian uud Marokko leben, möchte man es liir wahrscheinlich halten, dass es ihnen auch J in den Jahrhunderten vor ihrer Austreibung nicht besser eigangeii sei, als ihren Glaubensgenossen in Deutschland. Ihr Vorzug war nur, dass sie, statt in dem noch ganz barbarischen Osten, in den in der Cultur schon viel weiter vorgeschrittenen westeiiropüisclien Staaten Aufnahme binden, wo siz Gesetz- I lichkeit, gesicherte Existenz, verhaltuissinässig frei« ׳ Institutionen uud die Möglichkeit fanden, sich an den allgemeinen Culturhcstrehuugen zu betheiligen.. Dies 1 musste sie natürlich viel rascher ihren neuen Landshotten Hssitnilireti, als die Stellung, welche ihren : Stamtnesgenossen im Osten angewiesen war. Vielleicht ist, noch ein and-rer Umstand dabei behältlich gewesen, wenn anch nur 11<d>101süc’11!ich. Wer den äusseren Habitus der Wallonen, Franzosen, besonders ן der südlichen, uud der Italiener, namentlich der Römer betrachtet, dem wird wohl dessen Aehnlichkeit mit dein jüdischen auflallen: Farbe der Haare uud Augen, der ganze Schnitt d״s Gesichts erinnern so sehr an den semitischen Typus, dass inan oft über die Abstanunmig iin Zweifel sein könnt״ Daraus folgt, dass auch die grössere Ueberciusiiininung der äusseren Er- Ncheiuung den Juden •las Aufgeheu in einer romairischen Bevölkerung mehr erleichtert, als in der gormanischen Die Hauptsache je.loch bleibt natürlich die soziale Lage, die Sitte, die Vorurth-ilslosigkeit, die den westlichen Juden so ungleich günstiger entgegenkani, als «lenen im Osten. Sollte es als״ wiiklieh wahr sein, «lass jene geistig uud 1110r.di-('h höher y״׳i־.c!i, als di>- letzteren, so würde ich «larin nur einen weiteren Beweis erblick•*!! für den wesentlichen Ein- , flti'S «1er äusseren Verhältnisse auf die Entwickelung! des Volkscharaktcrs.

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