Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 51. (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 200 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 200 — und erbärmlicher Weise geworden, wie in jener Bewegung, die der erlauchte Sohn desselben Kaisers, was jüngst auch zeugeneidlich vor Gericht festgestellt worden ist, eine Schmach für Deutschland genannt hat! Wenden wir nun unsern Blick weg von all dem hässlichen Gezanke, Sonderinteresse und ihren leidigen Folgen und schauen wir uns um auf dem Gebiete des christlichen, insonders des protestantischen Kultus! ' Fürwahr, es tritt hier die Versuchung an uns heran, | Alles, was der Verf. der ,Gedanken“ bezüglich des j jüdischen Gottesdienstes gesagt, Scherz zu nennen,! freilich Scherz von wirklich unerlaubter Kindlichkeit. 1 Der Verl, hält jede Aeuderung des jüdischen j Gottesdienstes für bedenklich Sollte man da uicht meinen, der protest. Gottesdienst habe überall dieselbe Gestalt? Nun liegen uns aber ein paar Dutzend ן protest (iebetbiieher vor, deren jedes mehr oder weuiger andere Lieder und Gebete enthält, als die übrigen. Diesbezüglich und in Betreff des protest. Kultus überhaupt sagt, uns eine christliche Autorität ersten Ranges, Emil Zittel, in den ״Deutschen Zeit- und Streitfragen“, 1S75, Heft 02 (״Der protestantische Gottesdienst in unserer Zeit“;: Dass unsere gegenwärtigen Gottesdienste nicht mehr ein lebendiger und für hochwichtig geachteter Sammelpunkt unserer Gemeinde sind, wird kaum von Jemand geleugnet. Vielmehr beklagen sich die Geist•- | liehen allerorts über die Kircheuflucht ihrer Gemeinde- 1 mitglieder, wählend diese Gemeindemitglicder unsere | Gottesdienste viellach als eine veraltete und überaus j langweilige Einrichtung betrachten. Allerdings geht die Klage über die verödeten Gottesdienste eigentlich durch die ganze Kirchengeschichte, und Luther hat in der Blüthezeit der Reformation (1531) darüber (Hauspostille. Predigt über Matth. 22, l ff'. Erlanger Ausgabe der deutschen Schriften. Band 5! ds« drastische Wort geschrieben: Dass wir das Evangelium haben, dagegen schnarchen mul unter der Predigt schlenkern gehen, auf dem Markte, vor den Thoren, in Wirihshüusern oder auf den Spielplätzen liegen und spielen,!las ist die llauptsünde, die alle andern übertriflt. Unsere Bürgerlein stecken in dieser Sünde bis über die Ohren, verachten uicht alleiu das Wort, sondern spotten auch der Prediger und sagen, unser PfalF kann nichts anderes predigen, als von dem Glauben, von der Liebe, vom Kreuz! Wenn ich solches sehe, möchte mir das Herz brechen (Zittel, S. 3). Wie di-se (die christl. Gottesdienste) also eine durchgreifende Erneuerung und zwar in einschneidendster Weise i^der Reforniationszeit erduldet haben, so bedürfen sie derselben auch jetzt wieder, wenn sie dem heutigen Bedürluiss und der Geschmacksrichtung unserer Zeitgenossen tha'.sächlich entsprechen sollen. Betrachten wir deshalb einmal einen unserer evang. Gottesdienste in seinem gewohnten Verlauf mit kritischem Auge, und nehmen wir ihn nicht aus unserin deutschen Süden, wo er dem Einfluss der reforinirten Kirche zutolge, eine überaus einfache Gestalt gewouueu hat, sondern aus dem lutherisch gefärbten Korden unseres Vaterlandes. Denn in dem ״liberalen“ Baden, in dem sich ule Eiuzeigemeinden sehr verschieden artige Gottesdienstorduungen erstritten haben, wie in dem ״pietistischen“ Württemberg, wird im Allgemeinen die an und für sich sehr einfache Gottesdienstform auch noch von den Geistliehen von Altersher sehr frei und ״subjektivistisch“ behandelt!Zittel S. 10). Hierauf folgt eine eingehende Beurtheilung des evaug. Kirchenbauens, Singens, Predigens, Gebet- und Liederdiehtcus, sowie ähnlicher Dinge. Wir miisssn es uus versagen, diese Beurtheilang hier auch nur ausziiglich mit/.utheilen, empfehlen aber dem bekehrungseifrigen Konvertiten recht sehr, dieselbe zu lesen und mit seinen ״Gedanken“ über den jüdischen Gottesdienst zu vergleichen; er dürfte dann vielleicht ebenso wie wir über seine hochgradige Naivetät staunen. Derselbe vermisst eine Umgestaltung des jüdidi sehen Kultus, in der deutsches Denken und Empfinden seinen eigenartigen Ausdruck findet. Wir erlauben uns zu fragen: Soll denn im ״universalen“ (?!Kr.) protestantischen Kultus auch ausserhalb Deutschlands deutsches Denken und Empfinden seinen eigenartigen Ausdruck finden? Oder ist das bereits der Fall? Und waltet der Ausdruck deutschen Denkens und Empfindens auch nur in deu t»ch-protestautischen Kultusformen vor? Wir haben bereit» auf die jüdische Haupt׳piell* der christlichen Liturgie hingewiesen; hier wollen wir nur einige Worte und Liederanfänge protestantischer Gesang- und Gebetbiieher, wie sie uns gerade in den Sinn kommen, ans der überreichen Fülle ähnlicher Beispiele anführen, mit der Bitte, uns darin einen ״eigenartigen Ausdruck deutschen Denkens und Empfindens“ zu zeigen: Amen ־ Il.illeiujah — Hosianna — Solali — Herr Zebaoth — .Immanuel — Seraphim — Ach, Abba — A'tsm hat im I’anulies — An Wasserflüssen HabvIon ■la sassen wir mit Schmerzen — Bist Du, Ephraimj bctrübet — Egypten, Egypten, guto Nacht! Die Dienstharkeit ist aus: mein .Moses 1111׳kt licrtici, der mich aus Goseniiüirt — l’ahro *ort, Zion, fahre fort im Licht — Herr, wann wirst dn Zion bauen, Zion, die geliebte Stadt_ Hosianna! Davids Sohn — Jerusalem, du hocligcbaute Stadt, wollt’ Gott, ich war' in dir — Jesaia dem Propheteu, das geschalt, >1י«.י or im Geist den Herrn sitzen sah auf einem hohen Thron — Mein Salomo,!lein l'renndliebes Regieren — Geloht sei .Israelis Gott! — Kyrie, Eleison! Genügt Ihnen das, Sie Mann der ״Gedanken“? Sonst sind wir gerne zu einer weiteren Exemplifikation bereit. Ja, wann würden wir aufhören können, wenn wir allen protestantischen (und katholischen) Gebet- und Liedertexten, die den jüdischen wörtlich entlehnt oder diesen nachgebildet sind, die entspreche ״den hebräischen gegemiberste'leu wollten? — (Eine Frage in flüchtiger Par nthese: Können Sie auch nur bei dem als Mittel- und Brennpunkt der christl. Liturgie in ihr so oft vorkommeuden Namen des Stifters der christl. Religion, Jesus Jeschua oder Christus — Masehiach , ״deutsch denken und euipfiudeu“? Hand aufs Herz!) __ (Schluss von XL folgt.) lieber die Essäer. Vor! rag, gehalten In der ״Concorilialogc“ zu Kattowitz von Hahhiiicr Dr. Koseut hal-Heiithcn. (Schluss.) Die erste Stufe war die eigentliche Probezeit und dauerte eiu Jahr, die zweite höhere war Probe und Vorbereitung und dauerte zwei Jahre, erst daun wurde derselbe aufgenoiuraen und zu den gemeinsamen Mahlen und wohl auch zu allen Rechten der Brüder zugelassen. — 111 diese Stufeu konnten nur erwachsene Personen eintreteu; in eine besondere Vorstufe wurden jedoch auch Kinder aufgenommen, um sie für die Grundsätze des Ordens vorzubereiten. Das Tagewerk eines Essäers war genau vorgeschrieben. Vo» Sonnenaufgang durfte nichts Profanes gesprochen werden. Mit houuenaufgang verrichteten j sie die vorgeschriebenen Morgengebete. Hierauf wurden sie von den Vorstehern zu ihren Arbeiten angewiesen. Nach fünfstündiger, ununterbrochener Arbeit versammelten sie sich zum kalten Bade, und hierauf erschienen sie in ihren weissen linnenen Gewandern im Versammlungshause, wo sie mit feierlieber Stille den Vortrag eines der Arltesten auliörten.