Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 50. (10.12.1885)
- Date
- 1885-12-10
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
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— 196 — Darauf legen sia ihre Kleider als heilige ab und wenden eich wieder zur Arbeit bis Abends. Zurückkehrend speisen sie dann in derselben Weise wieder.“ Ihre religiösen Anschauungen waren im Wesen von denen der Pharisäer nicht verschieden. Sie glaubten an eine göttliche Vorsehung, an die Unsterblichkeit der Seele uud sie wetteiferten mit den Pharisäern in der Hochhaltung des Gesetzes. Ihre Gebete waren im Allgeineiueu die altherkömmlichen, die sie aber des Morgens, nach Josephus übereinstimmend mit einer talmudischen Notiz, genau vor Aufgang der Sonne verrichteten. (Damit ist jedenfalls unser Sch’ma mit dem vorhergehenden Jozer-or-Gebet gemeint) Bei ihrem Gottesdienste wurde ganz ebenso wie bei den übrigen Juden die heilige Schrift gelesen und erklärt.; und Philo bemerkt, dass sie mit besonderer Vorliebe sich der allegoiischen Auslegung bedienten. Sie unterschieden sich nach dieser Seite von den Pharisäern nur durch ihre grössere Strenge und peinliche Gewissenhaftigkeit. Streng bis zu einer gewissen Unverstandlichkeit waren sie besonders in der Feier des Sabbat.s und überaus peinlich in den levitischen Reiulieitsbet v",1|'׳tungen, wodurch sie sich von jedem näheren Verkenr mit jedem ausserhalb des Ordens Stehenden fast völlig ausschlossen. Sie hatten auch ihre geheime Litteratur. ״Aus den Schriften der Alten erforschen sie“, so berichtet Josephus, ״was zum Nutzen der Seele und des Leibes dient, die Heilkraft der Kräuter und die Eigenschaften der Steine“. Ausserdem hatten sie eine geheime Engellehre und wohl noch andere' Mysterien, von denen wir eben nichts erfuhren können, da die Schriften verloren gegangen und die Essäer durch ihren Eid verpflichtet waren, nichts davon Anderen mitzutheilen. Hervorzuheben haken wir noch die Erfurcht, welche der Essäer nicht nur vor Gott, sondern auch vor Mose, dem Gesetzgeber, halle, auf dessen Lästerung die Todesstrafe gesetzt war, sowie die Heiligkeit des Wortes. Die Essäer sprachen weuig, uud Schweigen galt ihnen als Tugend und Weisheit. Bei ihren Zusammenkünften herrschte eine feierliche Stille, uud während Einer sprach, mussten die Auderen schweigend zuhören. Ueberaus streng waren sie in der Pflicht der Wahrhaftigkeit; nie zu lügen uud unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, galt dem Essäer als uuverbrichliches Gesetz. Ein gegebenes Wort war ihnen so heilig wie der Eid; einen Eid hiugegen durften die Essäer in keinem Falle leisten. Als »1er König Herodes den Huiuiguugseid von seinen Uuterthaueu verlangte, verweigerten die Essäer deu.-elbeu mit Berufuug aut ihreu Grundsatz. Es zeugt aber von der hohen Achtung, in welcher die Essäer standen, dass sich Herodes in der That mit ihrem einfachen Versprechen der Treue begütigte. Nur einmal durfte uud musste der Essäer &'3 solcher schwören, und zwar einen schweren Eid, bei seiner Aufnahme in »len Orden. Er musste nämlich schwören: vor Allem gottesfiirchtig zu sein und Gerechtigkeit gegen jeden Menschen zu üben, gegen Jedeu und besonders gegen den jeweiligen Regenten Treue zu bewahren, Niemandem zu schaden, die Wahrheit zu sagen, den Lügner zu bestrafen, vor keinem Orilensbruder ein Geheimnis» zu haben, die Ordeusgoheimnisse aber keinem Fiemdea mitzutheilen, und selbst wenn er den Tod erleiden müsste, und die Ordensschriften und die Engellelire besonders geheim zu halten. Dieser Eid musste im Leben der Essäer der letzte sein. Die vollständige Aufnahme in den Orden mit diesem feierlichen Eide konnte aber erst str-ttfinden nachdem ein Aspirant zwei Stufen des Noviziats durchgemacht hatte. (Schluss folgt.) Der XX2I. Psalm. Ucbersetzt und erklärt von Art bar Weissmann.*) Die Vorhers&gung des Jes&i&s an Chiskia: •Von Deinen Söhnen, die Du zeugen wirst, werden sie za Haremdienern des Königs von Babel nehmen“ (Jes. 39,7), ist leider in der Regierungszeit Jehojachins 615 vollständig eingetroflen; Jehojachin, die Mächtigen und Vornehmen des Landes wurden nach Babel weggeführt (II. Könige 2t, 14—16) und die makellosesten und schönsten, die tüchtigsten und einsichtigsten von ihnen wurden zu Haremdienern erzogen und bestellt 1,3.4.). Welcher äusserlichen Operation ein solcher (Daniel Haremdiener unterzogen wurde, besagt der Name כריס zu deutlich, um sich weitläufig darüber anszulassen; er wurde Castrat, Eunuche oder Hämling. Nun stelle man sich vor, welchen nicht zu beschreibenden Eindruck es auf ein Volk machen musste, bei dem Fruchtbarkeit das erste Gebot, viele Kinder der grösste Segen und Nachkommenschaft eigentliche Unsterblichkeit war, wenn man die Grössten seines Volkes, den Stolz seiner Nation, die Nachkommenschaft Davids, zn Castraten machte. Deutero-Jesaias beschäftigte sich eingehend mit ihnen und hat nicht kräftige Ausdrücke genug, um sie zu bezeichnen; sie sind ihm die ״ כזד. נפשBegierde - Verschmähenden“ מתעב גו (st.״ (גויverstümmelten Körpers“ und ״Sclaven der Herrscher“ (Jes. 49,7); ferner die ״Entmannten“ (הדל אידיש) und ״gerissen ans dem Lande des Lebens“**) (5a, 3. 8.). ״Jehova habe an seiner Zermalmung (1דכא erinnert an פצוע דכה Deuter 23.2) Gefalleu gehabt“, wird aber bewirken, ״dass er wieder Samen sehen (יראה 1רע) und lange leben wird“ (ib V. 10). Darauf wendet sich der Tröster an die Sterilen (54.1) und an die Verschnittenen (כריסים), um sie zu trösten: ״Es spreche nicht der Verschnittene: Siehe ich bin ein dürrer Baum, denn Jehova spricht von den Verschnittenen, ich werde ihnen ein Denkmal setzen und einen Nachruhm verschaffen, besser als Söhne und Töchter“ (56, 3—7). Früher noch hat ein solcher Verschnittener dieson Bittpsalm gedichtet über die ״ אילת השהרjugendliche Manueskraf't“ (deren er beraubt worden). Seine Bitte ist ergreifend und seine Klage herzerschütternd. 1. Dem Sangmeister über die jugendliche Manneskraft ein Gesang Davids. 2. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Fern von meiner Hilfe sind die Laute meines Gestöhns.') 3. Mein Gott, ich rufe des Morgens und Du erhörst nicht, und des Nachts und mir wird nicht Ruhe: 4. Du aber, o Heiliger! Du thronest im Beth&use Israels.’) 5. Aut Dich vertrauten unsere Väter, vertrauten und Du hast sie gerettet. 6. Zu Dir sciirieen sie und entrannen, auf Dich vertrauten sie und wurden nicht beschämt: 7. Und ach ich bin ein Wurm, kein Mann,’) verspottet von Menschen, verschmäht von Leuten; *) Proben aas meinem historisch-kritischen Psalmenexemplar. **. Auch im Talmud wird der Kinderlose einem Verstorbenen gleich geachtet. ') Der Tempel stand somit• noch aufrecht und der Psalmist lebte m der Perne — im Exil. *) יושב ההלות ist eine unmögliche Formel, 1. .יושב בית תהלות. Auch Deutcro-Jesai.a •>'>,7 wird der Tempel so genannt. .ההלד und הפלה Sind übrigens •ynonym. In der Docologie des II. Psalmbnchcs heisst cs: ,.Zu Ende sind die Gebete (תפלות) Davids“, uud doch heisst das tiauzo: חהלים Loblieder. *) ״Ein Nichtmaim“ לא איש ein sehr bezeichnender Ausdruck für ״entinaimt“ ״()astr.it“. — ״Ein Spott der Menschen“ parallel den in Min;;1״g•; angeführten Stellen aus Deutero-Jesaias.