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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-11-26 · N° 48. (26.11.1885) · p. Seite 188

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 48. (26.11.1885)
Date
1885-11-26
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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— 188 — deutschen and österreichischen, und macht sich bediuerlicher Weise bei Aufzählung ihrer Fehler man• eher Ucbertreibung schuldig, wie wir sie bei dem geradsinnigen, fortschrittlichen Professor nicht erwartet hätten. Nichtsdestoweniger lassen wir auch diesen Theil — unter Maikiruug des Ucbertriebenen durch Fragezeichen — hier folgen, damit unsere Glaubensgenossen durch die etwas stark aufgetragenen Farben sich desto eher angeregt fühlen mögen, die gerügten, wenn auch nur zum Theil zutreffenden Fehler und Schwächen abzulegen. M. schreibt: ״Dass das Gefühl der Solidarität neben guten Früchten auch sehr widerwärtige Auswüchse treibt, wurde schon oben berührt. Ks ist vor allen Diugeu die Kantaraderie, die gegenseitige Lobhudelei und Protektion, welche ich meine. Sie bringt es mit sich, dass eine Menge von Mittel.nässigkeiteu iu den Vordergrund geschoben werden oder im Bewusstsein des Ruc khalts, den sie finden, sich vordrängen. Ich kenne bescheidene Juden und sie sind sehr Hebenswürdig, aber häufig sind sie nicht! Das ist ganz natürlich; wird bei ihnen doch die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit systein atisch grossgezogen. 1V!) Am unangenehmsten macht sich diese noch nicht ahgeschlilleue Unart im öffentlichen Lehen fühlbar. Wer kennt sie nicht, jene Schwätzer, tlie iu Bezirksvereinen und Volksversammlungen das grosse Wort führen, jene Krakehler, die durchaus eine Rolle spielen müssen und, da sie Positives zu leisten ausser Stande sind, sich auf die Negative werfen und alle(?) wirk- 1 ich her vor ragen den!?)Männer her unter reisson? Dies widerwärtige Maulheldenthum findet sein Seitenstück in einer grosseu Zahl von Correspondenten, Redacteuren und Mitarbeitern der Tagespresse. Es sei fern von mir, leugnen zu wollen, dass unter den jüdischen Vertretern der Presse sich nicht nur grosse ' "eistische Talente befinden, sondern auch höchst ehren wort he, überzeugungstreue Männer, die ihrer Sache mit Eifer und Opfermuth dienen und oft genug das Martyrium des Sirafprocesses auf sich n> hmen müssen. Aber auf der andern Seite wird jeder Kenner uuserer und besonders der österreichischen Presszustände ein jüdisches Proletariat kenuen, das tlieils aus Gesinnungslosigkeit, theils aus tnaterieller Noth fcereit ist, seine Feder in den Dienst jeder Partei, seihst der antisemitischen, zu stellen. Und da Renegaten es ja überall am ärgsten treiben, so wütheu denn auch diese ״jüdisch?!! Antisemiten“ gegen ihr eigen Fleisch und Blut am unbarmherzigsten. Endlich aber werden so maiiche dieser Leute dem edlen Berufe, Orgaue der ötfent'ichen Meiuung zu sein, soweit untreu, dass sie den vom Volkswitze orfundeiicu Namen ״Presspivaten“ vollauf verdienen. Sie benutzen die Furcht vor der Oeffentlichkeit, um von dem Publikum förmliche Steuern zu eitieben. Ein lobendes Urtheil über die neue Sängerin, eine abfaltige Kritik des neuen Stücks, eine lleclame für die Waaro des Gewerbtreibeuden und Fabrikanten, vor Allem aber die Veröffentlichung oder Verschweigung irgend eines privaten Scandals — das alles hat seinen Preis, je nach Stand und Vermögen des Betheiligte״. Freilich weiss mau ja, dass das Personal dieser Revolverpresse sich nicht aus Juden allein recrutirt; es befinden sich auch christliche Germanen, ja sogar Männer mit altaristokratischen Namen darunter. Immer- Lin aber hat dies starke (?1 jüdische Contiugent dem Geschrei von der Verjutlung der deutschen Presse einen gewissen Anhalt gegeben. Dies Litteratenthum und jene selbstgemachten Volkstribunen sind es, Jio dem Antiseiuitenthume die meiste Nehrung Zufuhren und einen Schein von Berechtigung verleihen. Die anständigen Juden sehen dies vollkommen ein, können aber leider jene Leute schwer ▼on ihren Rockschössen abschütteln. Noah in einer andern Weise, die nicht sowohl zu ernsten Uebelständen fahrt, als vielmehr den Spott herausfordert, sehen wir die Eitelkeit der Jaden za Tage treten: es ist die Sucht nach äusseren An*- Zeichnungen. Ist einer unserer jüdischen Kaafleate oder Fabrikanten zu Vermögen, zu einer angesehenen Stellung unter seinen Mitbürgern gelangt, so lasst er sich selten (?) daran genügen: der ״Commerzienrath*, oder wenn dieser stolze Titel zu hoch hängt, wenigstens der ״Conunissionsrath“ ist das Ziel seines Ehrgeizes. Macht unser Mann Geschäft« mit Russland, so findet sieh dort wohl ein Gönner, der ihm für eine kleine Gefälligkeit ein Stanislaus’eben besorgt. Und sollte dazu keine Gelegenheit vorhanden sein, so thuts auch der fürstliche llausorden von Wolkeukukusheim, umsoraehr, als die Orden desto grösser zu sein pflegen, je kleiner das Vaterläudchen, dem sie entstammen. Als zweite höhere Stufe, nur wenigen Auserwählten ' erreichbar, steht darüber der ״Geheime Commerzienratli“ und endlich der Gipfel irdischer Glückseligkeit, ein Glanz, der nur noch Ilofbankiers strahlt — der A lei, der Baron! Man denke: Freiherr von Levi, Frau Baronin Cohn von Cohnsteia, Visitenkarten mit der siebenzinkigen Krone und ein Wappen auf dem Kutschenschlag! Und wenn man nun für sich selber dieses Glück nicht erreichen kann, vielleicht gelingt es, der goliebton Tochter das benei lenswerthe Loos zu sichern. Die Tochter ist hübsch, gut erzogen, sehr gebildet, spielt selbstverständlich Chopin, in 11t wohl gar in Gel, und — bekommt eine halbe, wo nicht eine ganze Million als Mitgift. Wie sollte nicht irgend ein Baron in Liebe für sie erglühen und ihr sein Wappenschild und seine Schulden zu Füssen logen! Dann ist ״meine Tochter, die Frau Baronin, ach so glücklich!“ Aber, aber — so lächerlich diese Thorhuit and! sein mig, haben wir echten Germaucn wirklich ein grosses Recht, uns darüber lustig zu machen? Die Ordensjagd mag ja bei uns!licht ganz so arg sein, wie in Frankreich, die Titelsucht nicht inehr völlig so kindisch, wie zu Zeiten der ״Frau Vice-Ober-Floss- und Fischui iisterin“, die Kotzebue in seinen ״ Deutschen Kleinstädtern“ verherrlicht hat. Aber warum müssen denn die Oberbürgermeister uuserer grossen Stalte, die durch die Wahl ihrer Mitbürger zu ihrem ehrenvollen Amte berufen siud, noch den Geh'iinrathstitel als besondere Auszeichnung bekommen? Warum werden Professoren, die nie etwas anderes regiert haben, als den lateinischen und griechischen Dativ und Acousativ, Geheime Regierungsräthe? Warum lassen sich die Koryphäen der Wissenschaft das ״Von“ vorsotzen, das dcc’11 ihren Namen wahrlich nicht berühmter machen kann? Also wenn wir ungern jüdischeil Mitbürgern den Spiegel ihrer Thorheit Vorhalten, mögen wires nicht versäumen, gelegentlich auch selbsthineinzubiieken! (.Schluss folgt.) Felix Dahn über Juden und Tempelschatz. Der neueste Roman ״Geliraer“ von Felix Dahn enthält eine Episode über ״die Juden und den Tempelschatz“, die wir ihrer Sonderbarkeit wegen hier mittheilon: n . . Und von allen Menschen, die ich kenne, sind die Klügsten die Juden. Wenn Klugheit ist: Die Kunst der Selbsterhaltung und Mehrung der Habe; sie am Wenigsten, dia Germauen am Leichtesten lassen sich in’s Verderben reissen durch blinde Leidenschaft, durch edeln oder 5

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